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Unterwegs nach Hamburg: Ein Container-Schiff der Reederei Hapag-Lloyd.

Reedereien

„Das Reeder-Sterben ist noch nicht vorbei“

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Regierungskoordinator Norbert Brackmann über die Zukunft der maritimen Wirtschaft.

Herr Brackmann, am Mittwoch treffen sich Vertreter von Werften, Reedereien und Hafenbetreibern zur Nationalen Maritimen Konferenz in Friedrichshafen am Bodensee. Wie sehr schmerzt es den Schleswig-Holsteiner, dass das Treffen zum ersten Mal nicht an der Küste stattfindet?
Überhaupt nicht. Wir wollten ein Signal setzen und dokumentieren, dass die maritime Wirtschaft für ganz Deutschland wichtig ist. Das wissen viele Menschen nicht. Die deutschen Werften bauen fast nur noch Hightech-Schiffe mit der Folge, dass mehr als zwei Drittel der Wertschöpfung in Zulieferbetrieben stattfindet. Die wiederum sitzen zu mehr als 40 Prozent in Bayern oder Baden-Württemberg. Wichtige Teile des maritimen Schiffbaus finden in Süddeutschland statt.

Tatsächlich?
Ja. Nehmen Sie MAN. Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei großen Schiffsmotoren, der Marktanteil liegt bei über 50 Prozent. Zusammengeschraubt werden die Motoren in Augsburg. Auch an unserem Konferenzstandort Friedrichshafen werden Schiffsmotoren gebaut – von Rolls Royce. Das ist unsere zentrale Botschaft: Von der maritimen Wirtschaft profitieren alle, nicht nur die Länder an der Küste.

Wie geht es der maritimen Wirtschaft?
Es gibt Licht und Schatten. Im Hochtechnologie-Schiffbau ist Deutschland führend, da dominieren unsere Werften den Weltmarkt. Die Bundesregierung hat den Forschungsetat in diesem Bereich noch einmal um 45 Millionen Euro erhöht. Wir wollen weg vom Diesel und hin zu Antriebstechnologien, die auf Flüssiggas oder synthetische Kraftstoffe setzen. Da liegt die Zukunft.

Auch die Schifffahrt entdeckt den Klimaschutz?
Sie hat ihn schon entdeckt. Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) hat bereits im vergangenen Jahr beschlossen, dass der CO2-Ausstoß der Seeschifffahrt bis 2050 um die Hälfte im Vergleich zu 2008 sinken muss. Das Ziel werden wir aber nur erreichen, wenn wir schnell neue Motortechnologien entwickeln. Großschiffe haben heute eine Lebensdauer von etwa 25 Jahren. Das heißt: Die Schiffe, die 2050 noch fahren werden, werden schon in sechs Jahren gebaut.

Die Schifffahrt steht vor einem ähnlichen Umbruch wie die Autoindustrie?
Das kann man so sagen. Die Schifffahrt muss grüner werden. Eines Tages werden Schiffe null Emission verursachen. Die wollen wir bauen. Das Potenzial haben allerdings auch andere Länder erkannt. China etwa hat eine gewaltige Aufholjagd begonnen und verfügt über beeindruckende wirtschaftliche Möglichkeiten.

Die Branche klagt über Dumpingpreise.
Zu Recht. China versucht mit extrem niedrigen Preisen in den Markt für Hightech-Schiffe einzutreten. Bei den Frachtschiffen haben wir eine solche Strategie bereits gesehen. Die Werften verkaufen Schiffe unter Produktionskosten und häufen Schulden an, für die am Ende der Staat aufkommt. Es gibt deswegen bereits eine Klage gegen China bei der Welthandelsorganisation.

Norbert Bräckmann (CDU).

Zur Person:

Norbert Brackmann (CDU) ist der Koordinator der Bundesregierung für maritime Wirtschaft. In dieser Funktion koordiniert und bündelt er die

Maßnahmen der Bundesregierung zur Stärkung des Standorts Deutschland in den Bereichen Schiffbau, Seeschifffahrt, Hafenwirtschaft und Meerestechnik. (FR/bmwi)

Immerhin können sich die Reeder über günstige Schiffe freuen.
Wenn es so einfach wäre. In Wahrheit leiden unsere Reeder schon lange unter hohen Überkapazitäten auf den Weltmeeren. Die werden durch staatliche Schiffbauprogramme wie in Südkorea künftig eher zu- als abnehmen. In Deutschland haben wir aktuell noch etwa 330 Reedereien. Das waren mal deutlich mehr. Ich fürchte, das Reeder-Sterben ist noch nicht vorbei.

Asiatische Länder machen den Markt kaputt?
Ja, aber auch in Europa sehen wir Unterschiede zwischen den Werften im Norden und im Süden. Bei militärischen Schiffen etwa gibt es in Frankreich, Italien und Spanien hohe Staatsbeteiligungen an den Werften. In Deutschland, den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern sind die Werften dagegen meist in privater Hand. Ein fairer Wettbewerb wird dadurch erschwert.

Was tut die Regierung dagegen?
Wir wirken auf unsere europäischen Partner ein. Darüber hinaus ist es mir gelungen, alle Ressorts davon zu überzeugen, dass neben dem Bau von U-Booten auch der Überwasserschiffbau zu einer militärischen Schlüsseltechnologie erklärt wird, die unter deutscher Kontrolle bleiben muss. Das werden wir mit der neuen verteidigungs- und sicherheitspolitischen Strategie umsetzen, über die im Herbst das Kabinett beraten soll. Aber ich will auch auf europäischer Ebene vorankommen.

Wie?
Bislang gibt es in Europa keinen klaren Verantwortlichen für die maritime Wirtschaft. Die Zuständigkeiten sind über viele Generaldirektionen verteilt, die arbeiten zum Teil nebeneinander her. Das muss sich ändern. Ich fordere einen europäischen maritimen Koordinator. Die Europäische Union muss ein solches Amt nach der Europawahl schaffen.

Was soll die Aufgabe eines maritimen Koordinators auf Europaebene sein?´
Es geht um gemeinsames Vorgehen, das Definieren einheitlicher Regeln, das Setzen von Standards. Wie sehen die Steckdosen für die Landstromanlagen aus? Gibt es Benutzungspflichten? Was sagen die Hafenbetriebsverordnungen? Wenn wir in Europa mit einer einheitlichen Stimme sprechen würden, wäre das ein unschätzbarer Vorteil für die ganze Branche.

Interview: Andreas Niesmann

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