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Stoff für ein zweites Leben

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Von: Joachim Wille

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Jeansfetzen: Material, das zu neuem Denimgarn verarbeitet werden kann.
Jeansfetzen: Material, das zu neuem Denimgarn verarbeitet werden kann. © picture alliance / Photoshot

Kleidung verursacht eine hohe Umwelt- und Klimabelastung, die EU will das ändern.Einige Unternehmen nutzen bereits recycelte Fasern für neue Produkte.

Klamotten sind ein Umweltproblem, besonders seitdem „Fast Fashion“ Mode geworden ist. Billigkleidung, die allenfalls ein paarmal getragen wird und dann im Müll oder Altkleidercontainer landet. Ein neuer Report der Europäischen Umweltagentur (EEA) zeigt, dass die Textilbranche in der EU inzwischen zu den vier umwelt- und klimaschädlichsten Sektoren der Wirtschaft zählt, pro Bürger:in und Jahr werden dafür zum Beispiel rund 0,4 Tonnen Rohstoffe verbraucht und 0,27 Tonnen CO2 erzeugt. Die EU-Kommission will der Textilindustrie daher mehr Recycling und Wiederverwertung vorschreiben. Auch die Hersteller arbeiten an Konzepten zur Verringerung der Umweltbelastung.

Jede EU-Bürgerin und jeder -Bürger kauft pro Jahr im Schnitt 14,8 Kilogramm Textilien und Schuhwerk. Im Einzelnen: 6,1 Kilo Kleidung, sechs Kilo Haushaltstextilien wie Bettwäsche oder Handtücher sowie 2,7 Kilo Schuhe. Dabei handelt es sich um die – aktuellsten verfügbaren – Durchschnittszahlen für 2020, also das Jahr, in dem wegen Corona generell weniger geshoppt wurde als vorher, so auch bei Klamotten. 2019 waren es rund 17 Kilo. Seit 1996 ist der Konsum laut EU-Kommission sogar um 40 Prozent gestiegen.

Textilien: Der überwiegende Teil der Ressourcen wird außerhalb Europas verbraucht

Und für Deutschland ergab eine Greenpeace-Studie 2015, dass die Verbraucher:innen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr kaufen, also insgesamt rund fünf Milliarden, sie allerdings nur noch halb so lang wie anno 2000 tragen. Und: Ein Fünftel davon wird danach sogar niemals angezogen.

Pro Kopf gerechnet verbraucht der Textilkonsum laut EEA neben den festen Rohstoffen (genau: 391 Kilogramm) rund neun Kubikmeter Wasser und 400 Quadratmeter Fläche, etwa für den Anbau von Faserpflanzen wie Baumwolle. Zudem verursacht er einen CO2-Fußabdruck von etwa 270 Kilogramm. Freilich findet der überwiegende Teil des Ressourcenverbrauchs und der Emissionen außerhalb von Europa statt. Grund: Der Großteil der Textilien wird im fernen Ausland, vor allem in Asien, produziert.

Die Umweltagentur befasst sich auch mit der Frage, wie die Umwelt- und Klimabelastung des Bereichs gesenkt werden können. Stichworte sind: mehr Einsatz von Stoffen aus Recyclingmaterial und ein besseres Produktdesign, das die Wiederverwertung überhaupt erst in großem Stil ermöglicht. Hinzu kommen ein „zeitloser Look“ und die „Multifunktionalität“ von Kleidungsstücken. Ziel ist hier, dass die Textilien länger genutzt werden, „Slow Fashion“ statt „Fast Fashion“ sozusagen.

Textilien: 88 Prozent der Altkleider werden laut BVSE „verwertet“

Wie dringlich ein Umbau im Textilsektor auch in Deutschland ist, zeigen die Daten aus der „Textilstudie“ des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Danach ist die Altkleidermenge in den vergangenen Jahren wegen des Fast-Fashion-Trends deutlich gewachsen – auf inzwischen 15,3 Kilogramm pro Person und Jahr (Zahl für 2018). Insgesamt landen knapp 1,3 Millionen Tonnen im Jahr in den Altkleidercontainern oder bei der Straßensammlung. Den Angaben zufolge werden zwar 88 Prozent davon „verwertet“, während zwölf Prozent in der Verbrennung landen. Tatsächlich kann von einer echten Kreislaufwirtschaft aber nicht die Rede sein. Über die Hälfte (62 Prozent) wird als Secondhandkleidung vor allem nach Osteuropa, Afrika und Asien verfrachtet. Der Rest wird etwa zu Putzlappen umgearbeitet oder geschreddert und dann zu Isolier- und Füllstoffen verarbeitet.

Der Knackpunkt aber: Diese Nutzungen sind nur eine vorübergehende Lebensverlängerung, letztendlich werden die Textilien doch Abfall. Secondhand-Exporte zum Beispiel wandern nach dem Gebrauch durch den Zweitbesitzer doch in den Müll, nur dann nicht mehr in Deutschland, sondern zum Beispiel in einem Entwicklungsland.

Die Altkleiderflut schafft dort sogar Probleme. Zum Schutz der eigenen Textilproduktion haben eine ganze Reihe von Ländern, überwiegend in Afrika, Asien und Südamerika, den Import beschränkt oder ganz verboten. Ein Faser-zu-Faser-Recycling, also die Umwandlung der Altkleider in brauchbare Garne oder Stoffe für neue Kleidung, findet kaum statt. Der Anteil von Recyclingmaterial bei der Neuproduktion von Stoffen und Kleidungsstücken liegt bei nur einem Prozent.

Textilien: Tchibo mischt einer Jeans-Linie 20 Prozent Recycling-Baumwolle bei

Der öffentliche Druck auf die Modeketten, die Motor der Fast-Fashion-Mode sind, ist groß. Inzwischen versuchen praktisch alle, sich ein grüneres Image zu geben. Etwa indem sie seit einigen Jahren Kollektionen mit „nachhaltiger“ produzierter respektive Bio-Baumwolle anbieten oder, wie Trigema und C & A, Textilien nach dem Cradle-to-Cradle-Produktdesign, die völlig schadstofffrei und sogar „kompostierbar“ sein sollen. Seit einigen Jahren gibt es etwa bei C & A, H & M, Esprit und Zara auch Produkte, die mit einem Anteil recycelter Fasern – Polyester, Baumwolle, Wolle – gefertigt sind.

Die jüngste Meldung dazu kommt vom Hamburger Kaffeeröster Tchibo, der in seinem Non-Food-Bereich rund die Hälfte des Umsatzes mit Kleidung macht und hier als Öko-Vorreiter mit einem Anteil von 97 Prozent Bio-Baumwolle gilt. Er hat unter anderem eine Jeans und einen Jeansrock im Sortiment, die eine Beimischung von 20 Prozent Recycling-Baumwolle haben. Tchibo wirbt: Dies vermindere den ökologischen Fußabdruck der Produkte.

Grundsätzlich habe Recycling-Baumwolle die gleichen guten Trageeigenschaften wie neue Baumwolle, erläutert Cristina Graack, Faserexpertin bei Tchibo. Allerdings seien die Fasern durch den Recyclingprozess kürzer und hätten eine unregelmäßigere Oberfläche, etwa so, wie man sie vom „Used Look“ kennt. „Momentan werden in der Textilindustrie meist neue und wieder aufbereitete Baumwollfasern gemischt – auch wir machen das so“, sagt Graack.

Und es gibt eine weitere Einschränkung. Der Recyclingstoff stammt nicht aus der Altkleidersammlung. Genutzt werden vielmehr Produktionsreste. Sie werden nach Farben sortiert, gereinigt und anschließend weiterverarbeitet. Der Grund, warum man nicht auf die ausgedienten Klamotten zurückgreift: Hosen, Hemden und andere Kleidungsstücke bestehen zumeist aus Mischgewebe, und es ist kaum möglich, die miteinander verwobenen Fasern zu trennen. Eine Jeans zum Beispiel sind heutzutage meist nicht nur aus Baumwolle, sondern enthält auch einen Anteil an Chemiefasern wie Polyester oder Elasthan, was den Tragekomfort erhöht.

Textilien: Das Label „Mud Jeans“ schafft einen Kreislauf für die eigenen Produkte

Einige Hersteller und Forschungsinstitute arbeiten jedoch daran, die Recyclingmöglichkeiten auch für die Altkleidung zu verbessern. In der Praxis am weitesten ist dabei das niederländische Kleidungslabel „Mud Jeans“, das einen Kreislauf für die eigenen Produkte geschaffen hat. Der Hersteller nimmt alte Jeans oder solche, die nicht mehr passen, zurück. Voraussetzung: 96 Prozent Baumwollanteil. Gut erhaltene Produkte werden aufgepeppt und wieder verkauft, der Stoff von zerschlissenen Hosen aber zu Recycling-Denimgarn verarbeitet. In neuen Jeans der Marke beträgt der Recyclinganteil immerhin bis zu 40 Prozent, Ziel seien 100 Prozent, so das Unternehmen.

Dass grundsätzlich mehr Recycling drin ist, zeigt zum Beispiel eine Entwicklung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Polymerforschung IAP in Potsdam. Dort ist es einem Forschungsteam vor zwei Jahren gelungen, Synthetikfasern aus einem Baumwollgemisch herauszulösen und die Altbaumwolle dann zu Viskosefasern aus reiner Zellulose weiterzuverarbeiten, die für die Neuproduktion von Stoffen taugen. „Die Faser eignet sich durchaus für die Fertigung in Großserie“, sagt IAP-Projektleiter André Lehmann. Inzwischen plant immerhin der deutsche Viskosefaserhersteller Kelheim Fibres hier den Einstieg.

Mehr Fahrt aufnehmen dürfte der Umbau, wenn die EU-Kommission mit ihrem Konzept für eine grünere Textilwirtschaft durchdringt, die sie im März vorlegen will. Die Behörde plant, nachhaltige Investitionen zu fördern. Dabei geht es unter anderem um kreislauffähige Materialien, umweltfreundliche Produktion ohne gefährliche Chemikalien – und eben um mehr Recycling.

Freilich: Um von der Fast-Fashion-Manie wegzukommen, müssen auch die Verbraucherinnen und Verbraucher umdenken. Schon wenn sie auf Spontankäufe von Klamotten verzichteten, die sie nachher gar nicht anziehen, wäre viel gewonnen.

Grafik zum Konsum von Textilien und Schuhen in der EU.
Verbrauch von Kleidung und Textilien in der EU. © FR

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