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Aus Müll mach Mode

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Sind stolz auf die Upcycling-Kooperation: Designer Daniel Kroh und CWS-Sustainability Managerin Leonie Biesen. ©  CWS Workwear

Textilabfälle sind ungenutzte Ressourcen. Für Daniel Kroh wird es Zeit, dass sich das ändert. Aus abgelegter Arbeitskleidung upcycelt der Modeschöpfer einmalige Designerstücke.

Wie modisch können abgelegte Arbeitsklamotten sein? Elegante Sakkos in den Farbschattierungen häufig gewaschener Blaumänner, klassisch geschnittene Westen mit subtilen Flicken hier und da, hochgeschlossene Jacketts voll von geschickt eingearbeiteten Gebrauchsspuren – wenn Daniel Kroh mit seinem Modelabel alte Arbeitskleidung von CWS Workwear upcycelt, dann ist jedes Stück ein Hingucker und ein Unikat. Wichtiger noch: Der Lebenszyklus von alter Kleidung wurde verlängert.

2,5 Tonnen Textilmüll der CWS Gruppe, einem Tochterunternehmen der Franz Haniel & Cie. GmbH, verwandelt der Modeschöpfer jährlich in extravagante Herrenmode. Die Kooperation ist ein kleines Rädchen in den Gesamtbemühungen von CWS, seine Produktkreisläufe zu verbessern. Bis 2025 will das Unternehmen mit einem Standort in Dreieich (Kreis Offenbach) das nachhaltigste der Branche werden, so steht es im Nachhaltigkeitsbericht. „Unser zirkuläres Geschäftsmodell macht uns schon jetzt zu einem Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit“, erklärt Leonie Biesen der Frankfurter Rundschau. Biesen ist Sustainability Managerin, bei CWS also für die Nachhaltigkeit zuständig.

Das Konzept von CWS ist simpel: mieten statt kaufen. Die meisten Produkte der drei Geschäftsbereiche Hygiene, Workwear und Fire Safety kehren ins Unternehmen zurück, werden aufbereitet und neu vermietet. Arbeitskleidung etwa wird in den hauseigenen Wäschereien und Nähereien gesäubert und mit Originalmaterialien geflickt. Bis zu fünf Millionen Kleidungsstücke repariere das Unternehmen pro Jahr. Um die 2,7 Millionen Workwear-Teile seien im Umlauf. 2021 erzielte der Systemanbieter für Gesundheit, Sicherheit und Schutz nach eigenen Angaben insgesamt einen Umsatz von 1,248 Milliarden Euro. Die Gesamtmenge der Treibhausgasemissionen lag im gleichen Jahr laut Nachhaltigkeitsbericht bei 218 000 Tonnen CO2.

„Mit unserem Servicekreislauf haben wir die besten Voraussetzungen, auch Themen wie Recycling weiter voranzutreiben und enkelfähig zu handeln“, nennt Leonie Biesen einen weiteren Nachhaltigkeitsvorteil des Geschäftsmodells. Und mehr Recycling braucht es – bei CWS und in der ganzen Textilbranche. Trotz Kreislaufmodell fallen bei CWS jährlich rund 800 Tonnen Textilmüll an. 55 Prozent davon lässt das Unternehmen recyceln oder wiederverwerten. Das ist im europäischen Vergleich viel.

Nur circa ein Prozent des entstehenden Textilmülls in Europa wird laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey derzeit so recycelt, dass die ursprünglichen Bestandteile wieder für Mode verwendet werden können. Fiber-to-Fiber-Recycling heißt das Verfahren. Es stünde zwar bereits mehr zum Recycling zur Verfügung, würde aber dabei qualitativ abgewertet oder zu einem neuen Produkt verarbeitet werden. Der größte Teil der 7,5 Millionen Tonnen Textilmüll aus Europa, rund 65 Prozent, werde dagegen exportiert, lande auf Mülldeponien oder in Verbrennungsanlagen.

Zur Studie

Ausgangslage: Die Textilindustrie verantwortet bis zu zehn Prozent globaler CO2-Emissionen. Durchschnittlich 15 Kilogramm Textilmüll entsteht pro europäischem Kopf, Tendenz steigend. 85 Prozent des Textilmülls kommt aus privaten Haushalten. Nur ein Drittel wird gesammelt und wiederverwendet.

Technologien: Mechanisches Recycling von Baumwolle, chemisches Recycling von Polyester und Verarbeitung von Viskosefasern – alle haben unterschiedliche Vor- und Nachteile.

Positivszenario: Sechs bis sieben Milliarden Euro Investitionen in der gesamten Wertschöpfungskette könnten bis 2030 Emissionen um vier Millionen Tonnen C02 reduzieren und das Recycling auf bis zu 26 Prozent steigern. Die Sammelraten würden um bis zu 80 Prozent zunehmen. Sechs bis acht Milliarden Euro Marktgröße, gegebenenfalls 20-25 Prozent Rendite für die Recyclingindustrie sind möglich. prje

Für CWS bestätigt Leonie Biesen, dass derzeit insgesamt 55 Prozent der CWS-Textilien erneut eingesetzt oder wiederverwertet, zum Teil dabei aber auch downgecycelt werden und daher nicht im Kreislauf des Unternehmens bleiben. Das habe verschiedene Ursachen. „Das Angebot an effizienten Wiederverwertungstechnologien ist noch sehr limitiert und unflexibel“, sagt Biesen. „Insbesondere die Mischmaterialien der Arbeitskleidung stellen sich als enorme Herausforderungen für die aktuellen Recycling-Techniken dar“, erklärt sie weiter.

Grafik zum Textil-Recycling.
Best Case © FR/McKinsey

Ein Nachhaltigkeitsziel des Unternehmens mit weltweit rund 11 000 Mitarbeitern in 15 europäischen Ländern ist es, bis 2025 die Workwear zu 90 Prozent aus nachhaltigen Materialien herzustellen. 2022 wurde eine Produktlinie aus recyceltem Polyester und fair gehandelter Baumwolle präsentiert. „Wir merken eindeutig, dass die Akzeptanz der Kunden für nachhaltigere Materialien steigt“, berichtet Leonie Biesen. Auf Mischmaterialien allerdings könne auch mittelfristig nicht verzichtet werden, denn Arbeitskleidung müsse gewissen Sicherheitsstandards entsprechen. „Deswegen ist es wichtig, dass sich bei den Technologien und bei den politischen Regulierungen viel bewegt“, so Leonie Biesen. Eine stärkere Industrie und Infrastruktur für die Sammlung, Sortierung und Vorverarbeitung von Textilabfällen, mehr Investitionen in Technik und branchenübergreifende Kooperationen seien langfristig nötig, folgert auch die McKinsey-Studie.

CWS arbeite schon jetzt durch intensive Beteiligung mit europäischen Projekten und Kooperationen an Lösungsansätzen für das Textilrecycling mit. Man begrüße, so Biesen, politische Maßnahmen wie das Lieferkettengesetz oder den geplanten digitalen Produktpass. Aber es brauche noch mehr, damit Unternehmen wie CWS Kreisläufe schließen könnten.

Mit Anstoß-Investitionen von sechs bis sieben Milliarden Euro könnte 2030 aus einem Fünftel des Textilabfalls neue Kleidung werden, schätzt McKinsey für den europäischen Markt. Auf 18 bis 26 Prozent steigt das Fiber-to-Fiber-Recycling in deren errechneten Positivszenario an. 1,5 bis 2,2 Milliarden jährlichen Profit könne dem folgend eine erfolgreiche Recyclingindustrie generieren, möglicherweise 15 000 neue Jobs in Europa schaffen. Eine Investition in Recycling lohne sich für Umwelt und Wirtschaft, so das Fazit der Studie.

Ein Unikat aus alten Blaumännern.
Ein Unikat aus alten Blaumännern. © CWS Workwear

„Wir wollen durch Recycling unsere Ressourcen schonen und unsere CO2-Emissionen senken. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gehören für uns zusammen“, betont Leonie Biesen. Dahingehendes Engagement sehe CWS auch als Teil der unternehmerischen Verantwortung und als Beitrag zur Initiative „Enkelfähig“ des Mutterkonzerns Haniel. „Enkelfähigkeit“ meint, wirtschaftliches und werteorientiertes Handel in Einklang zu bringen, um die Erde für nachfolgende Generationen zu bewahren. „Momentan zahlen wir zum Beispiel bei Pilotprojekten im Bereich Recycling drauf. Das tun alle. Es ist eine Investition in die Zukunft“, erläutert Biesen.

Das Unternehmen sei auf einem guten Weg, die gesetzten Ziele für 2025 zu erreichen. Neben nachhaltigen Materialien, erneuerbaren Energien und branchenübergreifenden Initiativen laufen viele kleinere Projekte. Darunter die Upcycling-Kooperation mit Daniel Kroh, der ebenso wie Leonie Biesen ein Umdenken der Branche für unerlässlich hält. „Auch wenn es nicht die Nonplusultra-Lösung sein kann, ist Upcycling momentan dennoch einer der nachhaltigsten Wege“, so Kroh.

Als er vor rund zwanzig Jahren aus Begeisterung für die Materialien der Arbeitskleidung begann, war er mit der Einstellung ein Pionier. Inzwischen ist der selbstständige Designer, der mit zwei lokalen Schneidereien in Berlin zusammenarbeitet, mit einem zweiten Label „Ministry of Upcycling“ gestartet: Upgecycelte Fashion für junge Menschen. Die mit stylischen Prints bedruckten Sweater haben das Potenzial, der Arbeitskleidung nach Fashion sogar ein drittes Leben zu verschaffen – als Kunst an der Wand. (Von Jane Escher)

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