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„Fessenheim, vielen Dank für 40 Jahre saubere Energie.“ Demonstranten protestierten am Samstag gegen die AKW-Abschaltung.

Fessenheim

Reaktor N.1 ist abgeschaltet

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Das umstrittene Atomkraftwerk Fessenheim ist zur Hälfte stillgelegt, die Debatte über die französische Energiepolitik beginnt aber erst.

Es sei ein „sehr emotionaler“ Moment gewesen, erzählte ein Mitarbeiter von Electricité de France (EDF). Denn in der Nacht zum Samstag hatte die Betreiberin von 58 Atomkraftwerken den Reaktor N.1 für immer abgestellt. Der zweite 900-Megawatt-Reaktor soll Ende Juni folgen.

Präsident Emmanuel Macron löst mit der Stilllegung des dienstältesten französischen Atommeilers ein Wahlversprechen ein. Er will den nuklearen Anteil an der Stromproduktion von heute 72 Prozent bis 2035 auf 50 Prozent senken. Dazu müssten rechnerisch 14 Reaktoren stillgelegt werden.

In Fessenheim demonstrierten am Samstag rund 100 Kernkraftbefürworter und Anwohner gegen die Schließung, die sie für eine politische Konzession an die Grünen halten. Der Bürgermeister des elsässischen Dorfes Fessenheim (2400 Einwohner), Claude Brenner, erklärte, die CO2-Belastung werde nur noch zunehmen, da als Ersatz für die beiden Reaktoren in erster Linie ein Gaskraftwerk einspringe. Auch wirtschaftlich sei die Schließung „absurd“. Das AKW Fessenheim sei amortisiert und liefere billigen Strom bis über die Landesgrenzen hinaus.

Energieministerin Elisabeth Borne entgegnete zusammen mit anderen Regierungsvertretern und Experten in einem Beitrag für die Zeitung „Le Monde“, die Schließung von Fessenheim sei im Gegenteil ein „historisches Ereignis“, das in Frankreich eine „Revolution der Stromproduktion“ einleite. Gegen die heftige Kritik von AKW-Gegnern hielt sie fest, Frankreich könne sich nicht mehr fast gänzlich auf eine einzige Energiequelle abstützen. Fessenheim liege zudem in einer Überschwemmungs- und Erdbebenzone am Rhein, was ein Sicherheitsrisiko sei.

Die Ministerin räumte indirekt ein, dass die erneuerbaren Energien in Frankreich zu wenig gefördert würden. „Binnen zehn Jahren werden wir die Produktion von Windenergie verdoppeln und die der Sonnenenergie verfünffachen“, verspricht sie nun. „Das wird den stufenweisen Stop der vier letzten Kohlekraftwerke und von vierzehn Atomkraftwerken ermöglichen.“

Was Borne nicht sagt: Präsident Macron hat EDF 2019 diskret mit dem Bau von insgesamt sechs neuen Atomkraftwerken beauftragt. In Flamanville (Normandie) wird zudem ein neuer EPR-Reaktor der jüngsten AKW-Generation fertiggestellt. Die französischen Grünen (EELV) glauben deshalb nicht, dass der bis 2035 versprochene Rückbau der Atomkraft – von Ausstieg ist ohnehin nicht die Rede – wirklich vom Fleck kommen wird, solange kein genauer Fahrplan für die Schließung von 14 Reaktoren vorliege.

Die deutschen Grünen begrüßten die Stilllegung von Fessenheim, verweisen aber auf den Umstand, dass radioaktiver Abfall noch mindestens zehn Jahre lang im Kraftwerk lagern werde. Für andere französische Atomkraftwerke sei eine Laufzeitverlängerung auf bis zu 60 Jahre vorgesehen; und um einen Unfall zu vermeiden, müssten alle französischen Meiler so schnell wie möglich eine Notstromversorgung erhalten.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze bezeichnet die Abschaltung des elsässischen Kraftwerkes als Sicherheitsgewinn für Deutschland. Präsident Macron und Kanzlerin Angela Merkel hatten in Fessenheim einen gemeinsamen „Wirtschafts- und Innovationspark“ geplant. Die Kooperation über den Rhein hinweg kommt aber nicht recht in Gang. Vielleicht auch, weil der EDF eine Entstrahlungsanlage vorschwebt, um das Fessenheim-Personal vor Ort weiter beschäftigen zu können. Der französische Verein „Stop Fessenheim“ kündigt dagegen Widerstand an.

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