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Raubgold verscherbelt

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Von: Barbara Klimke

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Die Bank of England in London.
Die Bank of England in London. © afp/Andrew Cowie

Eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der britischen Zentralbank kommt durch die Digitalisierung ihres Archivs ans Licht: 1939 half die Bank of England dem Nazi-Regime dabei, Gold aus der besetzten Tschechoslowakei zu verscherbeln oder auf deutsche Konten zu schaffen.

Sechs Jahrzehnte lagen die vergilbten Bände im Archiv der Bank of England. Erst jetzt hat die Digitalisierung der Seiten eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der britischen Zentralbank ans Licht gebracht: Es geht um verscherbeltes Raubgold.

Nur wenige Monate bevor Großbritannien 1939 Deutschland den Krieg erklärte, war die Bank of England dem Nazi-Regime dabei behilflich, Gold aus der besetzten Tschechoslowakei zu verscherbeln oder auf deutsche Konten zu schaffen.

Nicht lange nachgefragt

Den Vorgang haben die Archivare der Londoner Zentralbank akribisch festgehalten. Am 21. März 1939, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in der Tschechoslowakei, erhielt der Chefkassierer einen Überweisungsauftrag der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ): Er sollte Gold im Wert von damals 5,6 Millionen Pfund vom Depot der tschechischen Nationalbank auf das Depot der Deutschen Reichsbank transferieren. Nach heutigem Wert würde es sich um ein Vermögen von rund 850 Millionen Euro handeln.

Die BIZ ist ein bis heute in der Schweiz angesiedeltes Zentralinstitut für Notenbanken; es war 1930 gegründet worden, um die deutschen Reparationszahlungen zu regeln.

Die Bank of England fragt im Frühjahr 1939 nicht lange nach. Obwohl die britische Regierung alle tschechischen Vermögenswerte in England eingefroren hat, wird der Überweisungsauftrag noch am selben Tag ausgeführt. Bis zum 31. März sind mehr als zwei Drittel des tschechischen Goldschatzes vom Deutschen Reichsbankkonto – in den Unterlagen „Depot 17“ genannt – nach Belgien und in die Niederlande verscherbelt. Der Rest wird in London verkauft.

Nach Auffassung des Wirtschaftshistorikers Albrecht Ritschl legten die Londoner Zentralbanker damals „Kaltblütigkeit“ an den Tag: „Sie taten so, als wüssten sie nicht, um was für Konten es sich handelt und wo das Geld herkommt“, sagte er im Nachrichtensender CNN.

Das persönliche Verhältnis zwischen den deutschen und englischen Zentralbankern war anscheinend bestens. Dem damaligen Gouverneur der Bank of England, Baron Montagu Norman, wird eine enge Freundschaft zu Reichsbankchef Hjalmar Schacht nachgesagt.

Im Dienst der Nazis

Zu Kriegsbeginn und noch Monate später habe der tschechische Raubgoldverkauf für erhebliche Verstimmung gesorgt, heißt es in den sechsbändigen Annalen der Bank of England über die Kriegsjahre 1939 bis 1945, die die Archivare bis 1950 zusammenstellten.

Zwei Monate nach dem ersten Goldverkauf, im Mai 1939, sah der britische Finanzminister John Simon jedenfalls Anlass, sich bei der Bank of England schriftlich zu erkundigen, ob sie weitere Goldbarren aus der Tschechoslowakei horte. Gouverneur Montagu Norman antwortete ausweichend.

Doch schien er sich seiner Sache nicht mehr so sicher zu sein: Als am 1. Juni ein weiterer Überweisungsauftrag der BIZ eintraf – diesmal ging es um die Verschiffung eines Vermögens im Wert von 420.000 Pfund nach New York – fragte er vorsichtshalber im Schatzkanzleramt nach.

Die Antwort des Finanzministers, der die Rechtsmäßigkeit der Transaktion prüfen lassen wollte, wartete die Zentralbank jedoch gar nicht ab. Das Geschäft im Dienste der Nazis wurde ausgeführt. Ein Aufschub, so heißt es in den Unterlagen, hätte zu „Unannehmlichkeiten“ geführt.

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