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Ratiopharm, das Flaggschiff der Merckle-Gruppe, muss verkauft werden.

Merckle-Gruppe

Ratiopharm wird versilbert

Gläubigerbanken genehmigen Merckle-Clan Überbrückungskredit - und beschneiden Familieneinfluss. Von Gabriele Renz

Von GABRIELE RENZ

Die Merckle-Gruppe verkauft Ratiopharm. Die Nachricht kommt zwei Tage nach dem Freitod des schwäbischen Unternehmers Adolf Merckle nicht ganz überraschend. Der angeschlagene Ulmer Familienkonzern ringt seit Wochen ums Überleben. Die rund 30 Gläubigerbanken genehmigten nun zwar einen 400-Millionen-Kredit zur Überbrückung. Das Firmengeflecht wird aber zerschlagen und der Einfluss der Familie stark begrenzt.

Das Geld sei überwiesen, bestätigte die Merckle-Vermögensverwaltung VEM am Mittwoch. "Wir sind sehr froh, eine Lösung gefunden zu haben", sagte Merckles Sohn Ludwig. Der Liquiditätsengpass sei abgewendet, die langfristige Sanierung gesichert.

Doch bleibt die Frage, wie eine Fehlspekulation ein ganzes Firmenimperium zusammenbrechen lassen kann. Die "Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", wie die Familie den Selbstmord ihres Oberhauptes begründete, war keineswegs nur Folge der Finanzkrise. Das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein, wurde verschärft durch ein fast unüberschaubares Firmengeflecht aus Holdings und produzierenden Firmen. Merckle war Opfer und Täter.

Vom Vater Ludwig erbte Adolf Merckle 1967, bis dahin als Rechtsanwalt in Hamburg tätig, den Arzneimittelbetrieb in Blaubeuren - die Grundlage für den Generikahersteller Ratiopharm und die gesamte Firmengruppe mit ihren rund 100 000 Beschäftigten. Ratiopharm steht hervorragend da, der Umsatz stieg 2007 auf 1,8 Milliarden Euro. Damit ist Ratiopharm die Nummer zwei auf dem deutschen Generika-Markt nach Sandoz-Hexal und ein, so Merckle-Sohn Ludwig, "grundsätzlich gesundes" Geschäft.

Die Verbandelung Merckles mit Heidelberg-Cement stammt auch aus alten Tagen. Merckles Frau Ruth entstammt der Familie des Ulmer Zementherstellers Schwenk, der an Heidelberg-Cement beteiligt ist. Nach und nach kaufte sich Merckle bis zu einem Anteil von 80 Prozent ein - fast alles über Kredite. Und alles über "Zwischenstationen": 53 Prozent am Baustoffriesen hält die Firma Spohn Cement, die der Familie Merckle zu 50 Prozent gehört. 25 Prozent hält die VEM Vermögensverwaltung, der zu 100 Prozent Ratiopharm gehört.

Es war auch die VEM, die durch Fehlspekulationen mit VW-Aktien mehrere hundert Millionen Euro verlor. Zeitgleich kam es - ausgelöst durch die Finanzkrise - zu Absatzproblemen. Auf einmal konnten die kreditfinanzierten Anteile nicht mehr refinanziert werden. Das System stockte, was verniedlichend mit "Liquiditätsengpass" beschrieben wurde. Für Merckle war dies, auch wenn die Werte der Firmen wohl noch die Verbindlichkeiten übersteigen, der Gau.

Die Übernahme des britischen Baustoffhändlers Hanson im Jahr 2007 markiert so etwas wie den Anfang vom Ende. Denn auch Hanson wurde auf Pump gekauft. Zwölf Milliarden Euro Schulden lasten auf dem Unternehmen Heidelberg-Cement, das sich durch Merckles Engagement vom mittelständischen Zementhändler zum Global Player entwickelte, sich durch den Absturz von Konjunktur und Aktien aber kaum mehr auf den Beinen halten kann. Für 100 Euro je Aktie eingekauft, mit 30 Euro heute bewertet - dass die Banken, denen die Aktien als Sicherheit verpfändet wurden, ein gewisses Delta diagnostizierten, ist nicht weiter verwunderlich.

Die Anteile des mit 21 900 Mitarbeitern größten Konzerns im Firmenreich Merckles, der Phoenix Pharmahandelsgruppe, verteilen sich auf fast ein Dutzend Holdings und AG - die meisten sind aufgekaufte kleine Arzneihändler. Verflechtungen über Verflechtungen.

Merckle soll bei Phoenix Geld abgezogen haben, um Löcher bei der VEM zu stopfen. Sein Firmenreich, so muss die Analyse lauten, ist zu schnell zu stark gewachsen. Und es ist, um möglichst üppig Steuern zu sparen, ineinander verflochten wie die Höhlengänge eines Termitenhügels. Das macht die Sanierung schwierig, Steuernachzahlungen drohen.

Derweil geht der Sanierungsprozess "trotz des tragischen Todes" weiter, wie VEM-Sprecherin Vivien Kremer bestätigte. Merckle habe zu Lebzeiten alle Unterschriften geleistet. In den nächsten Monaten werde nun ein langfristiger Sanierungsplan für die Unternehmensgruppe erstellt. Gestern schied zudem Sohn Ludwig auf Wunsch der Banken als VEM-Geschäftsführer aus. Der geplante Verkauf von Ratiopharm, der laut VEM wohl mehrere Monate dauern wird, soll über einen Treuhänder laufen, der von den Banken und VEM gemeinsam bestimmt wird.

Adolf Merckle nannte Ratiopharm immer sein "Kind". Ob auch Anteile an Heidelberg-Cement veräußert werden, kommentierte die Merckle-Sprecherin nicht. Eine "Rettung" der Firmengruppe sieht anders aus. Es gleicht eher dem Beginn eines Ausverkaufs. Adolf Merckle wusste dies.

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