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Locker drauf: Sergey Brin (l.) und Larry Page, die Gründer von Google, 2011.

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Die Raketenjungs gehen

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Riesenträume, Riesenerfolg: Sergey Brin und Larry Page haben mit Google das Internet aufgeräumt. Auch danach dachten sie groß. Nun geben sie ihre Posten auf

Sie ist längst ein Anachronismus: die Eingabemaske von Google. Eine puristisch gestaltete, weitgehend weiße Bildschirmseite. Der Name der Suchmaschine in lustig-bunten Farben. Eine Lupe, die dem Benutzer zeigt, wo er seine Anfrage eingeben muss. Seit den frühen Tagen des Internets hat sich an dem Design kaum etwas geändert. Larry Page und Sergey Brin sind die Urheber. Das Duo hat Google zu einem der mächtigsten, reichsten und – wie Kritiker sagen - gefährlichsten Unternehmen der Welt gemacht. Jetzt ziehen sie sich aus dem Tagesgeschäft zurück.

Der Boss des Suchmaschinenbetreibers, Sundar Pichai, übernimmt auch den Chefposten bei der Dachgesellschaft Alphabet. Der Schritt war nach Einschätzung von Beobachtern längst überfällig, denn die Gründer haben sich schon vor längerem rar gemacht. Der Abgang lässt sich auch als Signal für das Ende einer Ära lesen, die durch beinahe unbegrenzte Möglichkeiten in der Sphäre des Digitalen geprägt war.

„Don’t be evil!“, sei nicht böse, das war einst das Motto des Unternehmens. So kamen Brin und Page daher. Nette Jungs in T-Shirts, unprätentiös, immer etwas ungekämmt, die den Nutzern des weltweiten Netzes dabei halfen zu finden, was immer sie suchten. Sie sind die Vorbilder ehrgeiziger Nerds und die Urväter einer Managergeneration, die ohne Anzug und Krawatte auskommt, weil sie cool und intelligent sind – und ganze Industriebranchen aus den Angeln heben können. Disruption wird dieser Vorgang genannt.

Alles begann mit einem Forschungsprojekt von Page und Brin an der kalifornischen Stanford University. 1996 debütierte die Suchmaschine Backrub, die einige Monate später in „Google online“ umbenannt wurde. Der Name ist angeblich aus der amerikanischen Aussprache des Wortes Googol entstanden, die sich der Mathematiker Edward Kastner als Bezeichnung für eine Zahl ausgedacht hatte, die aus einer Eins und hundert Nullen besteht – ein Hinweis, wie viel im Internet zu finden ist.

Das schnell expandierende Internetuniversum provozierte seinerzeit den Suchmaschinen-Boom. Googles Page-Rank-Algorithmus war den Konkurrenten überlegen, weil die wirklich relevanten Suchergebnisse mit großer Verlässlichkeit oben auf den Listen standen.

Noch immer kursiert die Vorhaltung, dass Pages und Brins Leistung vor allem darin bestand, dass sie sich die Erkenntnisse des Stanford-Projekts zunutze machten und daraus eine Geschäftsidee entwickelten – mit der sehr viel Geld verdient wird, seit die Suchmaschine mit zielgerichteter Werbung verknüpft ist.

In den drei Monaten von Juni bis September hat Google bei einem Umsatz von rund 36 Milliarden Dollar knapp elf Milliarden Dollar Gewinn erzielt. Das ist nicht nur ein gigantischer Profit, sondern auch eine Rendite, die kein Industriekonzern erreichen kann. Auf der Suchmaschine fußt der Wert des von Brin und Page gegründeten Konzerns, der seit 2015 Alphabet heißt und aktuell rund 890 Milliarden Dollar wert ist, das ist mehr als die Top Ten der börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen – von SAP bis Daimler.

Die Suchmaschine ist so etwas wie das wichtigste Betriebssystem für das Internet, sie hat hierzulande einen Marktanteil von etwa 95 Prozent. Auch das Betriebssystem für die mobile Kommunikation kommt aus dem Hause Alphabet. Es heißt Android, hat einen Marktanteil von knapp 90 Prozent weltweit und läuft auf allen Smartphones und Tablets, außer denen von Apple.

Dass ein Unternehmen eine derart dominierende Position erreichen kann, hat mit der Dynamik der Digitalisierung zu tun. Viele Jahre war die Welt der Bits und Bytes ein weitgehend von Regulierungen und staatlichen Eingriffen freier Raum. Google und andere konnten umsetzen, was die technologische Entwicklung hergab. Politiker standen am Spielfeldrand und schauten erstaunt zu. Es entwickelte sich eine Ökonomie nach dem Prinzip „The winner takes it all“. Kleine werden weggebissen oder übernommen. Mit dem Streben nach globaler Hegemonie ist Google ein Vorbild für viele andere Konzerne in der Digitalwelt geworden – nur so sind die enormen Renditen möglich.

Zum wichtigsten Werkzeug ist dabei ein Feedbackmechanismus geworden. Intelligente Software analysiert ständig das Verhalten der Nutzer und Kunden, um so die eigenen Produkte, zu denen unter anderem auch der Internetbrowser Chrome und der E-Mail-Dienst Gmail gehören, immer weiter zu optimieren, was die Abhängigkeit jener Nutzer und Kunden von den Google-Produkten immer weiter verstärkt. Im vorigen Frühjahr wurde die „Don’t be evil“-Losung klammheimlich aus dem Verhaltenskodex des Konzerns gestrichen.

Inzwischen sind indes auch die Politiker und Wettbewerbshüter aufgewacht. Die EU-Kommission hat dem Konzern in verschiedenen Verfahren Strafen über mehr als acht Milliarden Euro aufgebrummt – was in den Bilanzen des Konzerns aber nur kurzzeitige Dellen hinterließ. Auch der US-Kongress untersucht mittlerweile, wie Google & Co. ihre Marktmacht in der digitalen Welt ausnutzen. Bei den Anhörungen musste zuletzt immer Sundar Pichai Rede und Antwort stehen. Von Analysten gab es viel Kritik, dass Page diesen höchst unangenehmen Terminen fernblieb. Schließlich war er bislang offiziell der Vorstandsvorsitzende der Dachgesellschaft Alphabet.

Sundar Pichai übernimmt den Chefposten bei Alphabet.

Das zeigt überdeutlich, dass Pichai seit geraumer Zeit als der De-facto-Chef agiert. Auch auf den Entwicklerkonferenzen des Konzerns tauchen die Gründer schon länger nicht mehr auf. Wobei unklar ist, wofür Brin überhaupt zuständig ist. Er hatte bislang im Management den Posten eines „Präsidenten“ ohne einen genauer beschriebenen Aufgabenbereich inne. Die beiden mittlerweile ergrauten Gründer – beide Jahrgang 1973 – haben sich in den vergangenen Jahren um zahlreiche Projekte gekümmert, die konzernintern „Moonshots“ genannt werden – ihnen wird ein ausgeprägter Spieltrieb und Spaß an Science-Fiction attestiert. Brin soll unter anderem in einer gigantischen Halle an Fluggeräten tüfteln, die als fliegende autonome Taxis eingesetzt werden sollen. Andere Projekte befassen sich mit hoch fliegenden Ballons und mit solarbetriebenen Drohnen, die als Relaisstationen das Internet in entlegene Weltgegenden bringen sollen. Das spektakulärste Projekt entfaltet sich aber in der Firma Waymo. Dahinter steckt der Ehrgeiz, die Autobauer bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge abzuhängen.

Die Moonshots sorgen regelmäßig für viel Stirnrunzeln und haben Zweifel an den Managementqualitäten der Gründer genährt. Hier liegt ein maßgeblicher Unterschied zu einem anderen Titanen: Jeff Bezos, Gründer und Chef von Amazon, hat neue Geschäftsfelder immer aus dem Kerngeschäft heraus entwickelt. Bestes Beispiel ist der Aufbau von Rechenzentren, die zunächst für den Onlinehandel benötigt wurden, heute aber auch von anderen Firmen genutzt werden.

Alphabet wird sich mit Pichai an der Spitze nach Ansicht von Beobachtern künftig in diese Richtung entwickeln. Einzelprojekte werden vermehrt in die Gesamtstrategie eingebettet. Pichai sei jetzt der „einzige Sheriff in der Stadt“, ließ das Analysehaus Evercore wissen. Allerdings besitzen die beiden Gründer weiterhin die Mehrheit der Stimmrechte. In einer Erklärung machen sie aber klar: „Wir gehörten nie zu denen, die sich an Managementpositionen klammern.“

Vielfältiges Imperium

Die Muttergesellschaftdes Internet-riesen Google trägt den Namen Alphabet. Das soll auch die Vielfalt ihrer Aktivitäten unterstreichen. Einige wichtige Buchstaben: 

C wie Calico:Die 2015 gegründete Gesundheitsfirma soll vor allem das Altern erforschen – um es eventuell bremsen zu können. Außer Forschungsprojekten und Kooperationen wurde bisher nichts bekannt. 

D wie Deepmind:Die auf künstliche Intelligenz spezialisierte Londoner Firma wurde bekannt, als ihre Software AlphaGo einem der weltbesten Spieler im alten asiatischen Spiel Go kaum Chancen ließ. Deepmind spezialisiert sich auf selbstlernende KI. 

F wie Fiber:In den USA bietet der Konzern unter diesem Namen schnelle Internetzugänge über Glasfaseranschlüsse an. Das Geschäft braucht massive Investitionen und wurde nach hohen Kosten gestutzt. 

G wie Google:Unter dem angestammten Namen wurden die Suchmaschine, das Werbegeschäft, die Gerätesparte, das Cloud-Business sowie Youtube und das Mobilsystem Android gebündelt. Auch die dazugekaufte Smarthome-Firma Nest wurde schließlich in Google eingefügt, ebenso wie die zunächst eigenständige IT-Sicherheitsfirma Chronicle. 

J wie Jigsaw:In der Denkfabrik, die früher Google Ideas hieß, soll unter anderem erforscht werden, wie Technologie beim Meistern globaler Herausforderungen wie Extremismus oder Internetzensur helfen kann. 

L wie Loon:An großen Ballons mit Antennen zur Versorgung entlegener Gebiete wurde jahrelang gearbeitet – nun hat die Firma unter anderem einen Deal für einen Einsatz in Kenia. 

S wie Sidewalk Labs:Die 2015 gegründete Firma beschäftigt sich damit, wie Technologie bei der Stadtplanung und dem Funktionieren von Städten helfen kann. 

V wie Verily:Bei ihrem bekanntesten Projekt – einer Kontaktlinse, die den Blutzuckergehalt messen kann – gab die Firma schließlich auf. Zu anderen Projekten gehörten ein Armband zur Erkennung von Krankheiten sowie Forschung an Robotern für die Chirurgie. 

W wie Waymo:Schon seit 2009 schickte Google Roboterwagen auf die Straße in den USA, Waymo soll nun ein Geschäftsmodell aufbauen. Bisher sind die weißen Minivans der Firma als Robotaxis in einem Vorort von Phoenix unterwegs. 

W wie Wing:Als eine der ersten in den USA bekam die Firma eine Lizenz der Luftfahrtaufsicht FAA zum Betrieb von Lieferdrohnen. Sie werden unter anderem in Kooperation mit der Drogeriekette Walgreens in Virginia getestet. 

X wie Google X:Das Innovationslabor, bei dem die selbstfahrenden Autos sowie Drohnen und Ballons zur Internetversorgung entlegener Gebiete aus der Luft entwickelt wurden. dpa

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