In der Corona-Krise haben viele Menschen das Radfahren oder Laufen für sich wiederentdeckt.
+
In der Corona-Krise haben viele Menschen das Radfahren oder Laufen für sich wiederentdeckt. 

Verkehrspolitik

„Querdenker an einen Tisch“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
    schließen

Verkehrsforscher Helmut Holzapfel zum Streit zwischen Gewerkschaften und SPD über die Autoprämie und die Verkehrswende in Zeiten der Corona-Pandemie.

Jobs in der Autoindustrie auf der Kippe, Milliardendefizite im ÖPNV, Angst vor Ansteckung unterwegs – Corona beutelt den Verkehrssektor insgesamt. Sich da nur über die Autoprämie zu streiten, sei falsch, meint der Kasseler Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel. Er spricht im Interview über Spritsteuern, E-Autos und den Fahrrad-Boom.

Professor Holzapfel, der Streit über die Autoprämie entzweit SPD und Gewerkschaften. Und Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel sagt, die Entscheidung gegen eine Förderung von Benziner und Diesel sei „grün-populistisch“, Arbeitnehmerinteressen hätten bei der aktuellen SPD-Parteispitze zu wenig Rückhalt. Richtig?

Das ist doch arg holzschnittartig gedacht. Fakt ist: Die SPD hat in den letzten Jahren – war da nicht auch Herr Gabriel Vorsitzender? – inhaltlich auf vielen Feldern an Qualität verloren, sie ist auf Kurssuche. Gerade auch in der Verkehrspolitik. Der Verzicht auf eine Prämie für klassische Benzin- und Diesel-Pkw aus allgemeinen Steuergeldern war zwar richtig, denn jetzt verkaufte Autos werden im Schnitt wohl 15 Jahre auf der Straße bleiben, und wir müssen von den hohen CO2- missionen im Verkehr runter. Aber das ist ja noch kein zukunftsfähiges Modell für eine ökologische Transformation und die Zukunft von Arbeit hierzulande. Da gehören SPD, Umweltschützer, IG Metall und Querdenker aus der Industrie an einen Tisch, um ein Konzept für die Beschäftigung generell im Verkehrssektor zu entwickeln.

Helmut Holzapfel.

Aber es stehen jetzt Jobs auf der Kippe, wenn der Absatz von Verbrennern nicht wieder richtig anspringt.

Richtig. Hierfür hätte es bessere Konzepte gegeben. Es wurden in Gewerkschaften, Autoindustrie und Politik Kompromisse diskutiert, die eine Förderung sparsamer, also relativ klimafreundlicher Verbrenner aus Mitteln der Erhöhung der Mineralölsteuer vorsahen. Das hätte fürs Klima Einiges gebracht, da höhere Spritpreise die Fahrleistung bei allen Verbrennern gesenkt hätten. Und die Einnahmen hätten wohl auch für eine Mobilitätsprämie für alle gereicht, die man auch für Rad, E-Bike und Jahreskarte für Bus und Bahn hätte ausgeben können. Das scheiterte an der starren und denkfaulen Haltung der Beteiligten, etwa von VW-Konzernchef Diess.

Nun gibt es eine sehr hohe Prämie für E-Autos – bis zu 9000 Euro. Die deutschen Hersteller haben aber nur wenige Modelle im Angebot, und die Lieferfristen sind lang. Macht die Prämie da überhaupt Sinn?

Nur begrenzt. Das Angebot muss zwar schnell größer werden. Und da E-Autos zur Zeit im Betrieb wegen der niedrigen Spritpreise teurer sind als manche Verbrenner, brauchen wir im Verkehr baldigst eine höhere CO2-Abgabe als geplant und eine Steuerpolitik, die auch sparsame Verbrenner und Fahrweisen fördert. Die geplante stärkere Orientierung der KFZ-Steuer am CO2-Ausstoß ist ein zu kleiner Schritt.

Zur Person

Helmut Holzapfel leitet das Zentrum für Mobilitätskultur in Kassel. Der Bauingenieur, Stadtplaner und Verkehrswissenschaftler lehrt an der Uni Dortmund. Er ist Mitglied im Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung des Autobauers Daimler und berät Gewerkschaften sowie Umweltverbände. jw

Auf der anderen Seite wirkt Corona wie ein Nachbrenner für das private Auto. Viele Pendler haben Sorge, sich in Bussen und Bahnen anzustecken, und fahren nun lieber mit dem privaten Pkw. Was bedeutet das für die Verkehrswende?

Das sehe ich nicht so negativ. Aktuelle Zahlen zeigen, dass gerade Rad- und Fußverkehr enorm profitiert haben und die Menschen begeistern. Die E-Bike-Verkäufe boomen geradezu. Bei Bussen und Bahnen waren wir vor Corona bereits auf dem Weg zu einem Qualitätssprung, der nun noch dringender wird: bessere Klimatisierung, saubere Innenluft durch gute Schadstofffilter, größere Fahrzeuge, breite Sitze – angenehmer und sicherer als im Flugzeug. Das muss weitergehen.

Aber Betreiber von Bussen und Bahnen haben wegen Corona gewaltige Einnahmeausfälle – von bis zu sieben Milliarden Euro ist die Rede. Was muss da passieren?

Die Finanzausfälle im ÖPNV müssen, wie bei anderen Bereichen, kompensiert werden. Ich denke auch, der Zuspruch zu Bus und Bahn wird schnell wieder steigen. Eine Mitfahrt im Taxi oder im Uber-Auto kann ja durchaus riskanter für eine Infektion sein.

Der Bund stellt im Konjunkturprogramm immerhin eine Milliarde Euro für die Bahn und 2,5 Milliarden für den ÖPNV zur Verfügung. Kein guter Anschub?

Die Bundesländer hatten allein fünf Milliarden für den ÖPNV gefordert, und das war schon die Untergrenze. Da muss der Bund nachlegen.

Was muss sonst geschehen, um die Verkehrswende in Corona-Zeiten voran zu bringen?

Lokal kann viel passieren – siehe zum Beispiel Brüssel, wo das Auto gerade durch Maßnahmen der Stadtverwaltung zunehmend durch Fahrrad, Busse und Bahnen abgelöst wird. Hier können unsere Stadt- und Gemeindeparlamente und Behörden viel lernen. Radwege sind zu erweitern, auch das Zu-Fuß-Gehen muss attraktiver werden.

Interview: Joachim Wille

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare