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Putin ärgern mit einem Mini-Kraftwerk

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Von: Joachim Wille

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Auch der Garten kann ein geeigneter Standort sein.
Auch der Garten kann ein geeigneter Standort sein. © dpa

Stecker-Solaranlagen boomen noch stärker seit dem Beginn des Ukraine-Krieges, doch es gibt Lieferprobleme.

Zwei Solarmodule, ein Wechselrichter, alles steckerfertig geliefert. „Es war total einfach, sie anzuschließen“, sagt Fritz Bleidenstadt (Name geändert) aus einer Gemeinde in der Nähe von Offenbach. Der Unternehmer betreibt seine Mini-Solaranlage seit drei Monaten. Die zwei Module hat er direkt vor das Geländer seines Balkons im Mehrfamilienhaus gehängt, Ausrichtung Südwest, und das Stromkabel dort direkt in die Außensteckdose gesteckt. Die Elektrizität fließt von dort, sozusagen rückwärts, ins Hausnetz.

Bleidenstadt wollte etwas tun, „um Putin zu ärgern“. Die Balkon-Solaranlage erschien als einfacher Weg, um den Strommix umweltfreundlicher zu machen, der auch heute in Deutschland immer noch zu rund 40 Prozent mit Kohle und Erdgas bestritten wird. Und er ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis bisher. Die Anlage hat in der sonnenreichen Zeit seit der Installation im Schnitt etwa 70 Kilowattstunden pro Monat produziert, wie er auf dem zwischengeschalteten Strommessgerät ablesen konnte. Das ist, aktuell im sonnenreichen Sommer, fast die Hälfte seines – relativ sparsamen – Stromverbrauchs in der Wohnung.

Die Anlage mit 600 Watt Maximalleistung hat 1100 Euro gekostet, und sie dürfte sich nach sieben Jahren amortisiert haben. Dass es nicht schneller geht, liegt an den Bestimmungen für die „Balkon-Kraftwerke“: Finanziell zahlt sich nur der Solarstrom aus, den Bleidenstadt direkt verbraucht, wenn er produziert wird – also etwa durch Kühlschrank, PC, Radio oder auch die Spülmaschine oder die Waschmaschine, wenn diese gerade laufen. Der Stromzähler läuft dann langsamer, und der Solarfan muss für die selbst produzierte Energie keine 35 Cent pro Kilowattstunde an seinen Stromversorger zahlen, sondern nur fünf bis acht, die der Balkonstrom bei einer Lebensdauer der Anlagen von 20 Jahren kostet.

Mit einer Solaranlage unabhängiger von Putin sein

Die Erfahrung zeigt, dass die Mini-Anlagen, die maximal 600 Watt leisten dürfen, bei einem mittelgroßen Haushalt den Strombezug und damit die Stromrechnung im Schnitt um fünf bis zehn Prozent senken. Dass es nicht mehr ist, liegt an der speziellen Regelung für die Kleinanlagen: Wird weniger Strom verbraucht, als die Anlage leistet, etwa in sonnigen Mittagsstunden oder wenn niemand zu Hause ist, fließt der Überschuss ins allgemeine Netz – und wird dann, anders als bei größeren Solaranlagen mit EEG-Einspeisevertrag, vom Netzbetreiber nicht vergütet. Der bekommt den Ökostrom umsonst.

Unter Strom

Balkon-Kraftwerk, Mini-Solaranlage, Guerilla-PV – das sind die Namen, unter denen die „Stecker-Solargeräte“, so der offizielle Name, bekannt sind. Die Anlagen bestehen aus Solarmodulen plus Wechselrichter.

Der Strom , der nicht selber verbraucht wird, fließt ins öffentliche Netz, es gibt aber keine Einspeisevergütung dafür.

Zur Anmeldung bieten die meisten Energieversorger Formulare zum Download an. Notwendig ist auch eine Registrierung im Marktstammdaten-register der Bundesnetzagentur.

Fachleute empfehlen , das Hausnetz vor der Installation der Anlage überprüfen zu lassen, besonders bei Altbauten. Hier bestehe die Gefahr unzureichend gesicherter Stromkreise sowie fehlender Schutzschalter. Eine sogenannte Wieland-Steckdose muss von einer Elektrofachkraft installiert werden. jw

„Das ist schon zu verschmerzen“, sagt Bleidenstadt. Doch etwas anderes hat ihn gewaltig geärgert. Als er seine Anlage beim zuständigen Netzbetreiber, „Energienetze Offenbach“ (ENO), anmelden wollte, taten sich große Hürden auf. Vorgeschrieben ist, dass die Anlage von einem Elektrofachbetrieb installiert und dafür eine speziell gesicherte Steckdose, eine sogenannte Wieland-Einspeise-Steckdose, angebracht wird. Bleidenstadt: „Es war unmöglich, kurz- oder mittelfristig einen Elektriker für einen solchen Mini-Auftrag zu bekommen.“ Bis zum Herbst aber wollte er nicht warten – und installierte die Anlage eben selbst unter Nutzung des vorhandenen, normalen Schuko-Steckers. „Das ganze vorgeschriebene Verfahren ist viel zu aufwendig“, ärgert sich Bleidenstadt. Und verweist etwa auf die Niederlande, wo Anlagen bis 800 Watt ganz offiziell ohne Anmeldung betrieben werden dürfen.

Kleine Solaranlagen: Wie viele es gibt, ist unklar

So wie Bleidenstadt verhalten sich offenbar die meisten Nutzer der steckerfertigen Solaranlagen. Offiziell angemeldet bei der Bundesnetzagentur sind derzeit etwa 53 000 der Mini-Kraftwerke, tatsächlich existieren nach Schätzung von Fachleuten bereits 400 000 bis 500 000. „Die Balkon-Anlagen boomen noch stärker, seit Putin den Krieg gegen die Ukraine gestartet hat“, berichtet Christian Ofenheusle, Betreiber der Online-Plattform „machdeinenstrom.de“, der FR. Bereits zuvor war es damit stark aufwärtsgegangen. Grund: Die offizielle Zulassung der Mini-Anlagen, früher Guerilla-Kraftwerke genannt, kam nach langem Hin und Her 2018. Und so hat sich die Anzahl der hierzulande betriebenen Kleinanlagen seither jedes Jahr verdoppelt. Ebenso stieg die Vielfalt der am Markt verfügbaren Modelle.

Wie sehr die Solarstromproduktion der Mini-Anlagen im Dunkeln liegt, zeigt eine Nachfrage beim Frankfurter Energiekonzern Mainova beziehungsweise dessen Netztochter NRM. Offiziell angemeldet sind danach in der Mainmetropole mit ihren rund 410 000 Wohnungen gerade einmal 140 Stecker-Solaranlagen. Zu einer Schätzung, wie viele es tatsächlich sind, will man sich bei dem Unternehmen nicht hinreißen lassen. Grundsätzlich heißt es bei Mainova: „Wir befürworten die Diversifizierung der Energieerzeugung. Dazu können auch Plug-in-PV-Anlagen beitragen.“ Allerdings müsse eine solche Anlage „immer beim zuständigen Netzbetreiber angemeldet und von einem zugelassenen Installateur eingerichtet werden“.

Solaranlagen für den Balkon boomen

Ein Ende des Booms ist nicht Sicht. In einer Umfrage für den Ökostromanbieter Green Planet Energy hatten schon vor dem Ukraine-Krieg 61 Prozent der Befragten angegeben, sie würden gern Balkon-Solarmodule nutzen. Da knapp 60 Prozent der Deutschen in Wohnung oder Haus mit Zugang zu Terrasse oder Balkon leben, liegt das Potenzial locker bei 20 Millionen Geräten oder mehr. Einschränkung: Wer Eigentumswohnungen oder Häuser besitzt, kann, zumindest theoretisch, einfach mit dem Stromproduzieren loslegen. Mieter:innen allerdings müssen ihre Vermieter um Erlaubnis fragen.

Ofenheusles Plattform hat im vorigen Jahr über 400 Modelle unter die Lupe genommen und miteinander verglichen. Die Anlagen kosteten je nach Leistung zwischen 300 und 1000 Euro. Hinzu kommen 50 bis 100 Euro für die Befestigung am Balkongeländer oder eine Aufständerung, um einen besseren Winkel zur Sonne zu erreichen. Wer alles vom Elektriker und per Wieland-Steckdose anschließen lässt, muss noch mindestens 50 Euro dazurechnen.

Allerdings haben Corona und die gestörten Lieferketten auch hier ihre Spuren hinterlassen. Komplettanlagen sind laut Ofenheusle inzwischen zehn bis 15 Prozent teurer geworden, und es gibt Lieferschwierigkeiten, besonders bei den Wechselrichtern. „Wenn einer der größeren Anbieter mal 1000 Stück bekommt, sind die nach ein paar Stunden wieder ausverkauft“, berichtet er. Der Experte schätzt allerdings, dass sich die Lage bis zum Frühjahr 2023 wieder normalisiert. Vielleicht gehe es auch schneller.

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