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Experten bestätigen: Tausende weitere Psychotherapeuten werden benötigt.

Psychotherapie

Das lange Warten auf Hilfe

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Wer eine Psychotherapie benötigt, braucht vor allem eines: viel Geduld. Das will die Bundesregierung ändern.

Er hatte schon kaum noch damit gerechnet. Als am 13. November 2018 sein Handy klingelt, ist Markus Bock überrascht. Der Psychotherapeut, bei dem er sich ein Jahr zuvor auf die Warteliste setzen ließ, ist dran – und fragt, ob es noch aktuell sei. Bock, so schildert er es heute, stutzt, überlegt. Und bejaht. Es komme nicht oft vor, dass er sprachlos sei, erzählt Markus Bock. In diesem Moment ist er es. „Ich wusste schon gar nicht mehr, ob ich mich noch freuen sollte.“

Mehr als ein Jahr zuvor hatte sich Markus Bock wegen einer erneuten depressiven Phase auf die Suche nach einem Therapieplatz gemacht. Seit mehr als 20 Jahren leidet der heute 37-jährige Hildesheimer unter Depressionen – einer chronischen Form, bei der die Patienten oft ihren Alltag noch bewältigen können, bei der aber auch besonders schwere Krisen drohen.Er hat Klinikaufenthalte und mehrere Therapien hinter sich; zwei Mal hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Im Herbst 2017 erhält er in einer Praxis rasch einen Termin für ein erstes Gespräch. Markus Bock fasst Vertrauen, sie machen einen Plan für eine Therapie.

Was Markus Bock erlebt hat, kennt so oder ähnlich fast jeder, der sich in Deutschland um eine Psychotherapie bemüht: Sie warten. Lange. Sehr lange. Rund 20 Wochen dauert es laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer im Schnitt, bis ein Patient hierzulande einen Platz bekommt. Am schlimmsten ist es in Thüringen, dem Saarland, in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Doch praktisch überall klagen psychisch Kranke über reihenweise vergebliche Anrufe in Praxen und lange Wartelisten. Markus Bock berichtet inzwischen in Vorträgen in ganz Deutschland über das Leben mit Depressionen und spricht überall mit anderen Betroffenen. „Das Problem kennen wir alle“, sagt er.

Kritiker sehen in Spahns Vorschlag eine Diskriminierung

Umso erstaunlicher ist deshalb auf den ersten Blick der Zorn, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf sich zog, als er Ende vergangenen Jahres ein klares Ziel ausgab: Er wolle die therapeutische Versorgung psychisch Kranker beschleunigen und verbessern, kündigte der CDU-Politiker an. Mit dem Weg dahin, der ihm vorschwebte, rief er jedoch Wut und Empörung von Therapeuten und Betroffenen hervor: Sein Vorschlag für eine „gestufte und gesteuerte Versorgung“ im Terminservice- und Versorgungsgesetz sah vor, dass bestimmte Ärzte und Therapeuten darüber entscheiden, wer wo welche Hilfe bekommt.

Kranke, so die Horrorvision der Kritiker, sollten fremden Menschen in einer vorgeschalteten Prüfbehörde ihr Leid offenbaren, die dann über den Bedarf entscheiden. Eine „Diskriminierung psychisch Kranker“ sah die Bundespsychotherapeutenkammer darin – und einen Angriff auf das Recht zur freien Wahl des Therapeuten. Binnen weniger Wochen unterzeichneten 200 000 Menschen eine Petition gegen Spahns Pläne – offenbar mit Erfolg.

Auf den Gesetzestext will Spahn jetzt nicht mehr bestehen. „Es macht Sinn, das anders zu formulieren“, sagte er jetzt. Ein Treffen mit den Psychotherapeutenverbänden vergangene Woche in Berlin verlief offenbar überraschend harmonisch: Spahn rückte nach Darstellung von Teilnehmern von seinen Plänen ab – und bat um Vorschläge, wie es denn anders laufen solle. Wichtig sei ihm aber das Ziel, „den Patienten unnötige Odysseen von Praxis zu Praxis zu ersparen“. Nur: Wie lässt sich das erreichen?

Denn eigentlich sollten die Wartezeiten längst viel kürzer sein. Bereits vor fast zwei Jahren trat eine Richtlinie in Kraft, die die Situation verbessern sollte. Seitdem müssen Psychotherapeuten Sprechstunden anbieten, bis zu 150 Minuten pro Patient – zur Ersten Hilfe, Einordnung und Orientierung. Die Terminservicestellen vermitteln kurzfristig Termine. Auch Markus Bock profitierte von dieser Regelung, als er zunächst binnen kurzer Zeit ein Vorgespräch bekam. Danach jedoch blieb ihm nur der Platz auf der langen Warteliste. „Nach so einem ersten Gespräch ist die Euphorie groß“, sagt Markus Bock heute. „Aber wenn danach monatelang nichts mehr kommt, wirft einen das heftig zurück.“

Was ist also nötig? Mehr Psychotherapeutensitze, wie die Bundeskammer der Psychotherapeuten meint? Oder doch eine gezieltere Steuerung, die Spahn für nötig hält?

Einer, der dazu eine klare Meinung hat, ist Oliver Kunz. Der 49-jährige Diplom-Psychologe behandelt im städtischen Hotspot der psychotherapeutischen Mängelverwaltung: im Ruhrgebiet, dem am schlechtesten versorgten städtischen Raum hierzulande. Seine Praxis liegt in einem ehemaligen Bankgebäude in der Innenstadt von Mülheim, in großen Räumen mit hohen Decken. Vor sechs Jahren hat sich Kunz als Therapeut selbstständig gemacht – doch schon vor seinem ersten Tag in der Praxis waren alle Termine für die ersten Wochen vergeben. „So groß war der Andrang“, sagt Kunz. Die Situation hat sich seitdem nicht verbessert, im Gegenteil. Eineinhalb Jahre lang müssen Interessenten im Schnitt ausharren, bevor sie eine Therapie bei ihm beginnen können. Symbol des Elends ist ein grauer Ordner mit der Aufschrift „Warteliste“. Phasenweise schaffen es die Interessenten aber nicht mal in diesen Ordner. Er bekomme pro Woche etwa 15 Anfragen, könne im Schnitt aber nur einen Patienten pro Woche neu aufnehmen. „Da muss ich zeitweise auch die Warteliste schließen, eine noch längere Wartezeit hat keinen Sinn.“

Überlange Wartezeiten haben verheerende Folgen

Ob er mehr arbeiten könnte? Kunz trifft im Schnitt 28 Patienten pro Woche – und liegt damit im Schnitt der deutschen Psychotherapeuten mit vollem Sitz. Mit Vor- und Nachbereitung kommt er auf 42 bis 45 Arbeitsstunden. Mehr, sagt er, sei weder sinnvoll noch möglich.

An diesem Nachmittag kommt ein Patient zur ersten Sitzung, der tatsächlich 18 Monate gewartet hat: ein 36-Jähriger mit wiederkehrenden Depressionen. Am Telefon hatte der ihm vorab erklärt, dass er inzwischen nur noch selten zur Arbeit könne – und sich die Schübe verschlimmert hätten. Für Oliver Kunz ist es ein typisches Bild: „Wir sehen im Ruhrgebiet in den Praxen viele Patienten mit chronifizierten Leiden“, dauerhaften psychischen Erkrankungen also – für ihn eine deutliche Folge überlanger Wartezeiten.

Alles vor allem eine Frage schlechter Verteilung? Für Kunz, der auch Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie ist, liegt Minister Spahn damit falsch. Müsse er einen Patienten abweisen, gebe er ihm bereits jetzt Tipps für Beratungsstellen oder andere Hilfsangebote. „Insofern übernehmen wir auch bereits eine Lotsenfunktion.“ Die anderen Therapeuten in Mülheim und den Städten ringsum hätten genauso lange Wartelisten wie er. Den Vorschlag wiederum, erst mal nur die ganz schwer Kranken zu behandeln, hält er ebenso für falsch: „Ein Arzt würde einem Patienten mit Blutdruck 160 ja auch nicht sagen: Warte mal, bis dein Blutdruck bei 180 ist, dann kümmere ich mich um dich.“

Aus Kunz’ Sicht ist vor allem eines nötig: mehr Psychotherapeutensitze zu schaffen. Den Rahmen dafür gibt der Gesetzgeber vor, die konkrete Ausgestaltung leisten Ärzteschaft und Kassen. 1680 zusätzliche Praxissitze sind auch nach Ansicht der Kammer nötig, um auf dem Land und im Ruhrgebiet die ärgsten Nöte zu lindern. Tatsächlich würde dies den Trend der vergangenen Jahre fortsetzen: Seit Ende 2007 sind bereits 3332 Psychotherapiesitze neu geschaffen worden, insgesamt sind es nun 23 717. Zugleich teilen sich immer mehr Psychotherapeuten einen Sitz. Auch das hat das Angebot vergrößert – weil zwei Therapeuten auf halben Sitzen mehr arbeiten als einer auf einem vollen Sitz.

Verkürzt hat dies die Wartezeiten kaum – denn die Nachfrage nach Psychotherapie wächst. Studien zeigen, dass die Deutschen zwar psychisch nicht kränker geworden sind als früher – aber sie tun das, wozu Mediziner seit langem raten: Sie nehmen ihre Leiden ernster und suchen Hilfe.

Verkürzen zusätzliche Therapeuten die Wartezeit

Der große Streitpunkt ist nun: Verkürzen zusätzliche Therapeuten die Wartezeit – oder erzeugen sie selbst ihre eigene Nachfrage? Zahlen belegen, dass Patienten in Gegenden mit vielen Psychotherapeuten tatsächlich eher Hilfe bekommen. In Freiburg zum Beispiel, einer der am besten versorgten Großstädte, warten psychisch Kranke im Schnitt nur 12,5 Wochen auf einen Therapieplatz. Allerdings kommen dort auch 121,5 Psychotherapeuten auf 100 000 Einwohner, fast fünf Mal so viele wie im Bundesschnitt.

Dennoch ist es allein mit mehr Therapeuten nicht getan – sagt ausgerechnet Matthias Theophil, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im brandenburgischen Nauen. Seine Klinik liegt im Landkreis Havelland, westlich von Berlin – und damit in einer weiteren psychotherapeutischen Problemzone: Hier kommen gerade mal 13,8 Psychotherapeuten auf 100 000 Einwohner. Und diese wenigen Therapeuten, so beschreibt es Theophil, sind im Havelland auch noch ungleich verteilt: „Die meisten sitzen in Falkensee, nahe an Berlin. Doch schon in Nauen und dahinter wird es sehr, sehr dünn.“

Die Situation, sagt Theophil, sei „aus Krankenhaussicht ausgesprochen misslich“: Viele Patienten, die im Anschluss an den stationären Aufenthalt eine ambulante Therapie brauchen, fänden nur mit Mühe einen Platz – wenn überhaupt. Oft seien selbst die Wartelisten geschlossen. Gerade in den dünner besiedelten Gebieten müssten sie weit fahren. In dringenden Fällen, erklärt der Chefarzt, überbrückten sie Wartezeiten auch mit einer Behandlung in der Institutsambulanz.

Doch ihn besorgt noch etwas anderes: „In dem System, wie es jetzt ist, finden nicht unbedingt die am schwersten Erkrankten als Erste einen Platz, sondern die mit dem effizientesten Suchverhalten.“ Diejenigen also, die nach dem 19. Anruf auch noch die Energie und den Mut für einen 20. Anruf haben – statt nach der dritten Absage zu resignieren. Theophil diagnostiziert eine Art psychotherapeutisches „Survival of the Fittest“, bei dem die Kränksten auch mal leer ausgehen. Ein Befund, den Professor Andreas Heinz, Direktor der Psychiatrie der Berliner Charité sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, bestätigt: „Komplex erkrankte Patienten“, also solche mit mehreren Erkrankungen zugleich, „haben nicht nur hohe Wartezeiten, sondern finden oft gar keine ambulant arbeitenden Psychotherapeuten.“

Für Chefarzt Theophil bräuchte es daher beides: „Vor allem auf dem Land mehr Therapeuten – und eine bessere Koordination der Angebote. Eine Stelle, die weiß, wo es freie Plätze gibt – und für wen sie geeignet sind.“ Auch Charité-Chefarzt Heinz setzt auf „Kooperation und Koordination“.

Das wäre dann die Kombination aller Vorschläge. Die aufwendigste Lösung. Aus Theophils Sicht wäre sie dennoch nötig.

Für Markus Bock waren die zwölf Monate des Wartens eine schwierige Zeit. Mehrmals durchlief er weitere Krisen. „Aufgelöst“, sagt er, „habe ich sie jeweils für mich alleine.“ Dass ihm dies letztlich gelang, lag an Erfahrungen und Techniken aus früheren Therapien – und daran, dass er den Sport für sich entdeckte, dass er läuft und Rad fährt und eine Sportgruppe gegen Depressionen gründete. „Einige große Feuer habe ich für mich mittlerweile löschen können.“

Aber damit, das weiß Markus Bock, ist er unter all den Wartenden eine große Ausnahme.

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