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Windkraft in Wäldern ist umstritten - dennoch werden sich in nordrhein-westfälischen Forsten bald 100 Windräder drehen.

Analyse

100 Prozent Ökostrom

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Wirtschaftsforscher halten eine Vollversorgung durch erneuerbare Energien schon bis 2030 für möglich. Ist das wirklich realistisch?

Ihr Klimaziel für 2020 hat die Bundesregierung bereits vor einem Jahr aufgegeben. Die angepeilte CO2-Reduktion um 40 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 sei nicht mehr zu schaffen, hieß es damals. Das Ziel für 2030 allerdings – minus 55 Prozent – soll Ex-Klimavorreiter Deutschland auf jeden Fall schaffen, versprach die große Koalition. Eine neue Analyse zeigt nun aber, dass diese Marke nicht nur wegen der Versäumnisse im Verkehr, im Gebäudebereich und in der Landwirtschaft wackelt. Auch der Ausbau der Ökoenergien im Elektrizitätssektor geht viel zu langsam voran. Die Regierung muss die Ausschreibungen für Windkraft- und Solaranlagen deutlich erhöhen, um hier in die Spur zu kommen.

Laut Groko soll der Ökostromanteil bis 2030 von derzeit rund 40 auf 65 Prozent ansteigen. Mit dem im EEG festgelegten Ausbaupfad werden allerdings nur rund 55 Prozent erreicht, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung jetzt in einer Studie festgestellt hat. Auch die von Schwarz-Rot vorgesehenen zusätzlichen Sonderausschreibungen für Wind und Solar, die 2019 und 2020 durchgeführt werden sollen, reichen danach nicht aus, um das Manko auszugleichen. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Bundestagsfraktion der Grünen.

Bisher sieht das EEG einen jährlichen Zubau bei Windkraft an Land von 2900 Megawatt (MW), bei Solar von 2500 MW und bei Biomasse von 200 MW vor, zudem bei Offshore-Wind in Nord- und Ostsee bis 2030 insgesamt 15 000 MW. Um das Ausbauziel von 65 Prozent Ökostrom bis 2030 zu schaffen, müssen diese Werte bei Wind an Land auf 4300 und bei Solar auf 4400 angehoben werden.

Die DIW-Forscher halten es aber sogar für denkbar, bis zu diesem Datum, also bereits in elf Jahren, 85 bis 100 Prozent Erneuerbare zu erreichen – also fast die Vollversorgung. Dazu müsste der Zubau generell noch weiter angehoben werden, vor allem aber bei Offshore-Wind. Statt 15 000 wären hier dann 20 000 bis 35 000 MW nötig. Und logischerweise müssten dann die Kohlekraftwerke schneller vom Netz gehen als von der Kohlekommission empfohlen; die hat als Enddatum erst 2038 angepeilt.

Natürlich stellen sich bei einem solch ambitionierten Kurs wichtige Fragen: Ist das Stromnetz dann noch stabil? Wie entwickelt sich der Strompreis? Das DIW meint, dass es dafür Lösungen gibt. Die Versorgungssicherheit könne über flexible Gaskraftwerke gewährleistet werden, die dann „überwiegend“ mit synthetischem Ökogas, zum Teil aber auch mit Erdgas betrieben werden. Der Strompreis werde bis 2030 nur „leicht“ ansteigen; der durch den schnelleren Kohleausstieg verursachte Anstieg werde durch den preissenkenden Effekt der Ökoenergien weitgehend kompensiert.

Ob der rasante Zubau überhaupt realistisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Bei Solaranlagen ist er denkbar – angesichts der vielen dafür geeigneten noch freien Dachflächen in den Kommunen. Besonders bei der umstrittenen Windkraft an Land aber wären hohe Hürden zu überwinden. Der Zubau ist hier zuletzt stark eingebrochen - Genehmigungen brauchen zu lange, es fehlen Flächen, und einige Landesregierungen, wie in Bayern und NRW, stehen politisch auf der Bremse. Hier müsste, angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels, umgedacht werden, sonst herrscht weiter Flaute bei der Energiewende.

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