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Die Polizei rückt an, um Baumhäuser im Forst Kasten zu räumen.
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Die Polizei rückt an, um Baumhäuser im Forst Kasten zu räumen.

Umwelt

Protest in München: Wald soll Kiesabbau weichen

  • VonPatrick Guyton
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Im Münchner Grüngürtel wächst der Protest gegen die Rodung eines Forsts. Die Bevölkerung solidarisiert sich mit den Protestierenden und versorgt sie in den Baumhäusern.

Nach 20 Minuten Fußweg durch den Wald erreicht man die Transparente, auf denen „Jeder Baum zählt“ oder „Kies ist mies“ steht. Ein paar Meter weiter ist das Lager der Aktivisten – rechts ein Schlafzelt, links Tisch und Stühle für den Tag. Bärchen und Leo, so nennen sich die beiden jungen Menschen, sind noch ziemlich durchnässt von der Nacht, als es wie aus Kübeln auf München gegossen hat. Mit Helferinnen und Helfern haben sie hier ein ständiges Lager errichtet, eine „Mahnwache“ gegen die geplante Rodung dieses Teil des Waldes im Forst Kasten südwestlich von München.

Hier soll Kies abgebaut werden, und das im großen Stil: 42 Hektar Wald sollen geopfert werden, das sind 59 Fußballfelder, wie die Initiative „Rettet den Würmtaler Wald“ ausgerechnet hat. Schon lange protestieren sie gegen das, was sie als Raubbau ansehen, demonstrieren, haben knapp 15 000 Unterschriften gesammelt und der bayerischen Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) übergeben.

München: Protest wie im Hambacher Forst

Nun sind die Leute von der Mahnwache hinzugekommen mit ihren Baumhäusern, die immer wieder aufgebaut werden. Seit Ende Mai besteht das Camp – „ich hänge hier fast seit dem Beginn“, erzählt Bärchen, 20 Jahre alt, die gerade ihr Abitur gemacht hat. Sie war auch immer wieder im Hambacher Forst, um gegen den dort geplanten Kohleabbau zu protestieren. Nach „Hambi“ nun „Kasti“, wie das Waldstück immer häufiger bezeichnet wird.

Forst Kasten gehört zum großen Forstenrieder Park, das geplante Gebiet für den Kiesabbau liegt zwischen den Umland-Gemeinden Neuried und Planegg. Die Gegend im Würmtal gilt als saturiert, doch seit einiger Zeit feiern die Grünen hier große Erfolge. Schon seit Jahrzehnten wird im Forst Kies abgebaut, für die Bevölkerung war das immer ein Ärgernis, galt aber als unabwendbar.

Jetzt nicht mehr. Die Bürgermeister und Gemeinderäte wenden sich dagegen, es gibt eigentlich niemanden, der für den Kiesabbau ist. Der Forst ist ein beliebtes Ausflugsziel und wird gepriesen als geschützter Bann-, Erholungs- und Klimawald. Er ist Teil des Münchner Grüngürtels.

Abholzung für Kies: Mahnwache im Wald

Bis zu zehn Aktivist:innen sind immer an der Mahnwache, sagt der 21-jährige Leo. Insgesamt zählen 35 Personen zum festen Kreis, die von 350 weiteren hauptsächlich logistisch unterstützt werden. Um Essen und Trinken müssen sie sich aber kaum kümmern, das bringen die Bürger aus Neuried und Planegg vorbei.

An diesem Vormittag kommt, wie immer, der Lieferant mit den Butterbrezn angeradelt. Es ist Michael Samay, Musiklehrer aus Neuried. Bärchen hat ihre Klarinette bei ihm daheim abgestellt. „Sie spielt wunderbar“, weiß Samay. „Bei der nächsten Baumbesetzung“, so ist sein Plan, „stellen wir uns rauf und jammen Mozarts Klarinettenkonzert.“

Warum der Forst eigentlich abgeholzt werden darf, ist auch jenen nicht begreiflich, die sich mit dem Thema auskennen. Der „Stiftungswald“ gehört der Heiliggeistspital-Stiftung, die mit den Erlösen ein Pflegeheim in München finanziert. Für die Stiftung wiederum ist der grün-rot dominierte Münchner Stadtrat zuständig. Dieser ist angeblich, so wird gesagt, verpflichtet, für die Abholzung zu stimmen – auch wenn die Volksvertreter:innen ganz anderer Meinung sind. Ansonsten würden sie persönlich Schadensersatzklagen erwarten. Einzig die Stadträte der ÖDP und der Linken ließen sich nicht schrecken und stimmten dagegen.

Münchener Stadtrat unter Zugzwang?

Abholzung für Kies in Zeiten des Klimawandels? Massive Eingriffe in den Münchner Grüngürtel? Und ein Stadtrat, der nicht frei abstimmen darf? Das findet die Bevölkerung immer empörender. Und so erfahren die Aktivist:innen, wie Bärchen sagt, „eine Welle der Solidarität, die ich so noch nie erlebt habe“. Auch ein Mathematiker von der Uni Augsburg ist unter den Protestierenden. Ingo Blechschmidt – einer der wenigen, der mit seinem Klarnamen auftritt. Das Errichten von Baumhäusern hält er für legitimen „gewaltfreien, zivilen Ungehorsam“.

Das Landratsamt genehmigt aber nur die Mahnwache, nicht die Häuser. Wird eines errichtet, kommen am Morgen um fünf Uhr die Einsatzkräfte samt Sondereinsatzkommando, holen die Aktivist:innen wieder runter und bauen die Buden ab. Auch sonst werden sie von der Polizei gut bewacht – jede Stunde kommt ein Fahrzeug vorbei. „Es waren auch schon berittene Polizei und Beamte auf dem Radl da“, berichtet Bärchen. Wie es aussieht, wenn der Kasti gerodet ist, zeigt sich an einer Grube direkt nebenan, die derzeit ausgekiest wird: Es eröffnet sich der Blick auf einen gigantischen grauen, tiefen Krater, mehrere 100 Meter lang wie breit.

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