1. Startseite
  2. Wirtschaft

Protest im Namen der Natur: Eine junge Frau verklagt den Staat Ecuador

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Bäuerin Cenaida hat von ihrem Vater die Kunst der Rebellion geerbt – und klagt nun gegen den ecuadorianischen Staat, um ihre Heimat vor der Zerstörung zu retten.
Die Bäuerin Cenaida hat von ihrem Vater die Kunst der Rebellion geerbt – und klagt nun gegen den ecuadorianischen Staat, um ihre Heimat vor der Zerstörung zu retten. © Jelca Kollatsch

Der Staat Ecuador hat Umweltschutz in der Verfassung festgelegt - und erlaubt trotzdem den schädlichen Kupferabbau. Eine junge Frau lernt, sich zu wehren 

Reportage von Elisabeth Weydt (Text) und Jelca Kollatsch (Fotos)

Cenaida Guachagmira gräbt ihre rosa Fingernägel tief in die feuchte, schwarze Erde. Ihre Strickjacke leuchtet pink im Nebel, an den Gummistiefeln klebt Matsch. Sie reißt das wuchernde Grün zwischen den Kaffeesetzlingen aus, begutachtet die Papayas und pflückt eine Baumtomate. Nach einem Monat Aufenthalt in der nächst größeren Stadt ist sie zurück auf ihrem Feld, tief hinten auf einem der vielen Hügel des Intag-Tals im Norden Ecuadors. „Hier vergesse ich Zeit und alle Probleme“, sagt sie, „hier bin ich einfach nur mit der Erde verbunden.“

Morgen wird sie ihre Regierung vor Gericht bringen. Das Umweltministerium, das Rohstoffministerium und die Generalstaatsanwaltschaft. Diese hätten zusammen mit dem nach eigenen Angaben größten Kupferkonzern der Welt, Codelco aus Chile, die Rechte der Menschen und die Rechte der Natur im Intag-Tal verletzt, heißt es in der Anklageschrift. Denn tief unter Cenaidas Gummistiefeln liegt ein Kupferschatz verborgen. Ihr Feld, ihr Häuschen, ihr Dorf und die Nachbargemeinden gehören zu den knapp 50 Quadratkilometern, auf denen eine Kupfermine aufgerissen werden soll und um die es seit knapp 30 Jahren einen bitteren Kampf gibt.

Protest gegen Kupfermine in Ecuador: Widerstand will gelernt sein

„Warum sehen die nicht, dass hier oben der eigentliche Reichtum ist?“ seufzt Cenaida und blickt auf ihre drei Hektar Obst- und Gemüsewildwuchs den Steilhang hinab und dann in die grüne Weite, die sich zwischen den Wolkenschwaden auftut. Das Intag-Tal liegt auf 1500 bis knapp 3000 Höhenmetern. Die Kleinbäuerin hat sich mit mächtigen Gegnern angelegt, um die vielen Vögel, Flechten, Orchideen und ihr eigenes Feld zu verteidigen. Doch sie ist dabei nicht allein. Drei Männer aus dem Tal ziehen mit ihr vor Gericht. Und die Natur.

Ecuador ist das einzige Land auf der Welt, dessen Verfassung die Natur zum Rechtssubjekt erhoben hat. Demnach sind Bienen, Flüsse und Wälder nicht nur schützenswert, weil sie dem Menschen dienen, sondern einfach so – weil sie Natur sind. Dadurch können in dem kleinen Andenstaat nicht nur Menschen, sondern auch die Natur selbst Klage erheben – vertreten durch menschliche Anwälte. Im Fall von Intag macht das gerade unter anderem der langnasige Harlekin-Frosch, eine ausgestorben geglaubte und im Intag wieder entdeckte Art.

Ecuador hat als einziges Land die Existenz, Erhaltung und Regeneration der Natur in der Verfassung festgeschrieben.
Ecuador hat als einziges Land die Existenz, Erhaltung und Regeneration der Natur in der Verfassung festgeschrieben. © Jelca Kollatsch

Der Fall hat schon jetzt internationales Aufsehen erregt, er wird in Doktorarbeiten und Jura-Workshops behandelt und selbst Leonardo DiCaprio hat sich mehrfach unter dem Hashtag #Salvemosintag – Retten wir Intag – dazu geäußert.

Mit einer Machete hakt Cenaida eine Stange Zuckerrohr ab. „Zum Knabbern. Für die Besprechung mit den Anwälten gleich.“ Den Frosch mit der langen Nase hat sie noch nie gesehen. Aber irgendwo zwischen den vielen Hügeln hier muss er sitzen. Morgen ist ihr großer gemeinsamer Tag. Im Häuschen hinter dem Feld hängt Cenaidas Protest-Bettlaken über einem Regal. „Wasser trinken gibt uns Leben. Aber Wissen trinken gibt uns Wasser“, steht drauf, in verwaschenem Blau. Damit war sie auf vielen Demonstrationen und sogar im Parlament. Schon als Vierjährige hat ihr Vater sie auf Veranstaltungen gegen den Bergbau mitgenommen. Heute ist sie 27, „ein Jahr älter als der Konflikt“, wie sie sagt. Als wäre es ihr Markenzeichen oder ein besonderer Charakterzug.

Seit den 90er Jahren versuchen verschiedene internationale Bergbaukonzerne an das Kupfer unter dem Intag-Tal zu gelangen. Cenaida und ein großer Teil der Anwohner:innen aber sind dagegen. Sie kämpften schon gegen Paramilitärs, gegen korrupte Politiker, falsche Anschuldigungen, Bestechungsgelder und Morddrohungen. Bewaffnete Ex-Militärs versuchten auf das Gelände vorzudringen, es kam zu Ausschreitungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Mine. Aber ernsthaft verletzt wurde bisher niemand. Doch der Konflikt hat die Gemeinschaft gespalten, viele mürbe gemacht und lähmende Angst verbreitet. Cenaida hat er beigebracht, ihre Stimme zu erheben.

Mit 14 hat Cenaida die Schule abgebrochen und so viel mehr im Leben als im Klassenzimmer gelernt, wie sie sagt. Sie wollte zum Beispiel nicht wissen, dass Ecuador stolz auf Christoph Kolumbus und die Eroberung Lateinamerikas sein sollte.

Wenn der Staat die eigene Verfassung bricht: Umweltschutz in Ecuador

Also widersprach sie ihrem Lehrer. Der drohte mit schlechten Noten und sie ging nicht mehr in die Schule. Schon von klein auf habe ihr Vater ihr beigebracht, sie sollte nur lernen, was sie wirklich weiter bringt. Vor allem aber sollte sie ihre Rechte kennen. „Wenn du lesen kannst, kannst du dich informieren. Wenn du rechnen kannst, kommst du mit deinen Finanzen klar. Und den Rest kannst du dir dann schon erschließen“, erinnert sie sich an seine Worte. Er selbst studierte ein paar Semester Jura und musste dann aus Geldnöten abbrechen.

Die Armut ist auch heute noch ein Problem. In Cenaidas Ein-Zimmer-Häuschen ist es kalt und nass. Der Boden aus Lehm, das Dach aus Wellblech, die Steinwand unverputzt. Hinten links ein Bett für Cenaida, ihren Partner und die zwei Töchter. Die eine fünf Jahre alt, die andere vier und mit einer Hirnschädigung seit der Geburt. Sie kann nicht sprechen und nicht laufen. Cenaida nennt sie das schönste Mädchen auf der ganzen Welt. Immer dreimal hintereinander, wie eine Zauberformel. Dabei kitzelt sie die Kleine mit ihrer Nase und den langen, schwarzen Haaren bis die vor Freude gluckst. Ihren Kampf gegen die Kupfermine führe sie auch für die Zukunft ihrer Töchter, sagt sie.

In der Klage gegen die Regierung geht es um ihre Lebensgrundlage, um die ihrer Nachbar:innen und um die von tausenden Tier- und Pflanzenarten. Denn die Kupfermine würde ein giftiges Loch von der Größe einer Kleinstadt in eine der biodiversesten Regionen der Welt reißen. Doch die Konzessionen gehören mittlerweile der staatlichen Bergbauagentur Enami. Die hat einen Vertrag mit Codelco, das Kupfer aus der Erde zu holen. 2014 sind sie gemeinsam und mit Polizeigewalt ins Intag-Tal gekommen, haben Straßen, Camps und ein paar Häuser errichtet, Probebohrungen durchgeführt. Die Klage hat die Bauarbeiten bis auf Weiteres gestoppt.

 „Nach dem indigenen Weltbild sind auch wir Menschen Teil der Natur und können ihr gar nicht schaden, ohne uns selbst zu schaden. Pacha Mama ist alles für mich, meine Mitte, mein Geist, die Erde.“

Cenaida Guachagmira, Umweltaktivistin

Auf dem Weg zum Treffen mit den Anwält:innen im größten Dorf des Intag-Tals blickt Cenaida durch das Beifahrerfenster. Ihr Partner lenkt den Pickup über mittlere Erdrutsche und durch kleine Wasserläufe. Die feuchte Wärme und der fruchtbare Boden der tropischen Anden haben ein triefend-tropfendes Geflecht aus Moosen, Farnen, Lianen und riesigen Bäumen wachsen lassen. Hier und da zeichnen die Kaffee- und Bananen-Felder der Bäuer:innen ein paar Rechtecke in den grünen Wildwuchs.

„Wir Menschen haben die Verbindung zur Natur und unsere spirituellen Werte verloren“, sagt sie. Alles, was zähle, sei das Materielle. Cenaida dagegen glaubt an Pacha Mama, an Mutter Erde und die Verbundenheit aller Lebewesen. „Nach dem indigenen Weltbild sind auch wir Menschen Teil der Natur und können ihr gar nicht schaden, ohne uns selbst zu schaden. Pacha Mama ist alles für mich, meine Mitte, mein Geist, die Erde.“

Bei einem Workshop lernen Aktive aus den betroffen Gemeinden, wie sie sich gegen die Bergbaugesellschaft verteidigen können.
Bei einem Workshop lernen Aktive aus den betroffen Gemeinden, wie sie sich gegen die Bergbaugesellschaft verteidigen können. © Jelca Kollatsch

„Pacha Mama“ existiert in fast allen indigenen Sprachen Lateinamerikas. Die Völker verehren sie auf ihre jeweils eigene Weise. Cenaida gehört zu keiner der 14 indigenen Gruppen Ecuadors. Von welchen Völkern genau sie abstamme, wisse sie gar nicht. Von Völkern aus Peru, Kolumbien und Ecuador, habe ihr Vater gesagt. Spanisches Blut hätte sie bestimmt keines in sich, nur indigenes. Deswegen kenne sie auch keine Angst. Vor nichts und niemandem. Viel wisse sie aber nicht über ihre Familiengeschichte. Vielleicht werde sie irgendwann mal ein Buch darüber schreiben.Pacha Mama steht auch in Cenaidas Lieblingsartikel der ecuadorianischen Verfassung, Artikel 71:

„Die Natur oder Pacha Mama, in der sich alles Leben erneuert und realisiert, hat ein Recht darauf, dass ihre Existenz sowie die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen vollständig respektiert werden.“

Die ecuadorianische Verfassung von 2008 ist außergewöhnlich, manche bezeichnen sie als revolutionär, gar als mögliche Lösung gegen das Massenaussterben der Arten und gegen die Klimakrise. Sie ist die erste und bisher einzige Verfassung der Welt, in der die Natur als Rechtssubjekt gilt.

Seitdem wurden in Ecuador 56 Prozesse angestrengt, die die Rechte der Natur verletzt sehen. Das geht aus einer Erhebung von CEDENMA hervor, einer juristischen Beobachtungsstelle in Quito, zu der mehrere Nichtregierungsorganisationen gehören. Ein Großteil sei noch im Verfahren, aber von den abgeschlossenen Fällen, sei die Mehrheit für die Rechte der Natur entschieden worden.

Viele der Anwält:innen, die nun für die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen eintreten, haben den Kurs von Adriana Rodriguez besucht. Sie unterrichtet die Rechte der Natur an der Universität Andina in Quito. In ihrem Büro hängen Bilder von Rosa Luxemburg, Che Guevara und Sigmund Freud an der Wand. Dass die Natur als Rechtssubjekt in die ecuadorianische Verfassung aufgenommen wurde, sei vor allem den indigenen Völkern hier zu verdanken, erklärt sie. „Da können Bäume fühlen und Flüsse sprechen. Deshalb schützen sie die Natur, weil sie als Lebewesen betrachtet wird.“ Einige haben an der Verfassung mitgearbeitet und Verbündete in den eher westlich geprägten Beteiligten gefunden. Nicht zuletzt im damaligen Präsidenten der verfassungsgebenden Versammlung: Alberto Acosta. Im Gerichtsverfahren um die Kupfermine von Intag ist er als einer der Fürsprecher der Natur geladen.

Die Serie

Die heutige Reportage aus Ecuador ist Teil der FR-Serie mit dem Titel „Wie verändert Bildung das Leben?“. Ausgehend von dieser Frage recherchiert die Frankfurter Rundschau in Kooperation mit dem Zeitenspiegel-Reportage-Team ein Jahr in zwölf Ländern der Welt und erzählt von Menschen, denen Bildung ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht hat. Die Reporter:innen und Fotograf:innen wollen mit ihren Geschichten Einblicke ermöglichen, wie Bildung den persönlichen Aufstieg fördern und auch ein wichtiger Schritt für die Entwicklung ganzer Gesellschaften sein kann. Alle Texte finden Sie hier.

Die Serie ist Teil eines internationalen Projekts, für das insgesamt acht Medien in Deutschland, Frankreich und England ausgewählt wurden. Das European Journalism Center (EJC) und die Bill & Melinda Gates Stiftung fördern die acht Projekte zur Berichterstattung über die Herausforderung globaler Entwicklung mit insgesamt 900 000 Euro. FR

„Es ist aber nicht so, dass hier jetzt einzelne Tiere oder Pflanzen als Rechtssubjekte gelten“, sagt Adriana Rodriguez, „es geht um ganze Ökosysteme.“ Einer ihrer ehemaligen Studenten, Gustavo Redin, vertritt als einer von acht Anwälten die Klage der Natur im Intag-Prozess. Das Geld für die Klage kommt von NGOs, unter anderem von CEDENMA oder Amazone Frontlines.

Auch Cenaida hat vor ein paar Wochen einen Kurs bei Adriana Rodriguez angefangen. 200 Stunden über die Rechte der Natur für Menschen vom Land, via Zoom und vor Ort, bezahlt von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen. Sie wurde unter die 74 Teilnehmer:innen des Kurses gewählt und ist ein bisschen stolz darauf.

Beim Vorbereitungsworkshop mit den Anwält:innen sitzen knapp 20 Menschen aus verschiedenen Intag-Dörfern in Gummistiefeln oder Turnschuhen im Kreis in einem zugigen Gemeindehaus. Auf dem Boden erdfarbene Fließen, die Türrahmen und Deckenbalken aus dunklem Holz. Cenaida saugt die Worte der Profis auf und gibt ihr Wissen an ihr Team weiter.

Bäuerin verklagt Ecuador: Artenschutz im Intag-Tal

Sie sind Ankläger, Zeugen oder Fürsprecher für die Rechte der Natur und die Rechte der Menschen aus dem Intag. Cenaida ist neben den beiden Anwältinnen aus Quito die einzige Frau. Ihr Partner ist mitgekommen, um auf die Töchter aufzupassen, ihr Vater ist via Zoom mit dem Handy zugeschaltet. Er hatte vor kurzem einen Unfall und liegt noch im Krankenhaus. Beide ergreifen in den sieben Stunden des Workshops kein einziges Mal das Wort, lassen Cenaida sprechen. Und die redet und fragt und redet und fragt. „Du kannst sagen, dass du nie eine Einladung zu einer Informationsveranstaltung bekommen hast“, schlägt sie einem älteren Herren vor, der nervös immer wieder über seine Knie streicht und sich bei seinen Antworten verhaspelt. „Es ging da ja aber nur um Jobs und nicht um die Umweltzerstörung!“ beruhigt sie den anderen Herren mit dem blauen Kapuzenpulli.

Die Anklageschrift führt zwei verfassungsmäßige Rechte auf, die der Staat verletzt haben soll. Zum einen habe es vor den Bauarbeiten keine vorherige Information und Befragung der Bevölkerung gegeben und zum anderen hätte der Staat keine Vorsorgemaßnahmen getroffen, um das Aussterben von Arten zu verhindern.

Die bäuerlichen Rechtslehrlinge gehen die zu erwartenden Befragungen im Rollenspiel mit den Profis durch. „Was könnte die Gegenseite fragen?“ „Lasst euch nicht aus der Ruhe bringen. Sie werden versuchen, Euch zu diskreditieren und zu verunsichern!“, „Ihr müsst nicht der Präsident eurer Gemeinde sein, um vor Gericht sprechen zu dürfen.“ Die lokale Umweltorganisation Decoin spendiert Sandwiches, Getränke und ein Mittagessen.

Der Prozess soll wegen Covid nicht im Gerichtssaal, sondern via Zoom stattfinden. Nach dem Workshop macht sich Cenaida mit ihrer Familie auf in die nächst größere Stadt: Cotacachi. Da ist das Internet sicherer. Cenaida und ihr Mann leben zur Hälfte auf dem Land und zur Hälfte in Cotacachi. Dort versuchen sie gerade ein Internet-Startup aufzuziehen und Wlan in entlegene Regionen zu bringen.

Am Tag des Prozessauftakts muss ihr Partner auf einen Außentermin, Cenaida ist mit den Töchtern und dem Gericht alleine. Die Kleine hält sie auf dem Arm, die Große schickt sie vor den Fernseher.

Auf dem Bildschirm ihres Laptops sind 25 Kacheln zu sehen, die eine Hälfte mit Köpfen, die andere schwarz mit Namen. Insgesamt sind 122 Menschen zugeschaltet. Wenn der Richter jemandem das Wort erteilt, erscheint dessen Kopf groß. Am ersten Verhandlungstag sprechen nur die Anwält:innen, er dauert sechs Stunden. In der Mittagspause geht Cenaida kurz ein paar Lebensmittel einkaufen und mit den Töchtern in ein Schnellrestaurant.

Am dritten Tag ist sie an der Reihe. Sie darf ein Statement abgeben und soll dann befragt werden. Schon in der ersten Minute ihrer Ausführungen unterbricht sie ein Anwalt der Gegenseite. Ihre Kindheit hätte nichts mit dem Fall heute zu tun. Cenaida hatte angefangen von den ersten Unternehmen zu erzählen, die mit Gewalt ins Tal gekommen waren. Wie sie deshalb bei der aktuellen Firma besonders auf ihre Rechte gepocht hätten. Der Richter gibt dem Anwalt Recht. Also erzählt sie von den Bauarbeitern, die ihr nicht sagen wollten, für wen und warum sie auf dem Gelände unterwegs waren. Ihre Ausführungen werden fahrig und verfranzen sich. Die Klarheit aus dem Workshop ist ihr verloren gegangen. Dann fängt sie sich wieder: „Und erzählen Sie mir nicht, dass ich nicht auf der Uni war oder keine technische Ausbildung habe! Das, was ich über die Auswirkungen einer offenen Kupfermine in einer Region wie Intag weiß, vor allem auf die vielen Wasserquellen hier, das ist Allgemeinwissen.“ Ein Mitstreiter applaudiert.

Als Klägerin muss Cenaida dem kompletten Zoom-Prozess beiwohnen. Eine finanzielle Aufwandsentschädigung gibt es nicht.
Als Klägerin muss Cenaida dem kompletten Zoom-Prozess beiwohnen. Eine finanzielle Aufwandsentschädigung gibt es nicht. © Jelca Kollatsch

Cenaidas Befragung dauert eine gute Stunde, der gesamte Prozess zehn Tage. Als Anklägerin muss sie die ganze Zeit über anwesend sein. Es gibt keine Aufwandsentschädigung, sie kann nicht arbeiten und sich nicht wirklich um ihre Töchter kümmern.

Das Urteil des Provinzgerichts von Cotacachi fällt eine Woche nach einem wegweisenden Urteil des höchsten Gerichts Ecuadors. Das hatte entschieden, dass die indigenen Gemeinschaften des Landes ein weitaus größeres Mitspracherecht bei Öl- und Bergbauprojekten haben müssten als bisher. So stünde es schließlich in der Verfassung.

Das gibt Cenaida und den anderen Hoffnung. „Wir sind zwar keine indigene Gemeinschaft, aber unsere Rechte stehen auch in der Verfassung“, sagt sie. Der Richter aus Cotacachi aber lehnt ihre Klage ab. Es seien keinerlei Rechte verletzt worden, sagt er den gut 100 Zuhörer:innen via Zoom, weder die der Natur, noch die der Gemeinden. Vielmehr sei es doch schon sehr verwunderlich, dass in dem Gebiet des angeblich so umweltschädlichen Bergbaus eine ausgestorben geglaubte Froschart aufgetaucht sei.

Ecuador: Die Natur vor Gericht verteidigen - trotz korrupter Justiz

Cenaida schickt eine Sprachnachricht. Sie ist wütend aber zuversichtlich: „Eigentlich wussten wir ja schon vorher, wie das hier ausgeht. Und die Argumente des Richters hatten überhaupt keine juristische Grundlage. Wir machen weiter und hoffen, dass die zweite Instanz anders entscheidet.“

Der Richter hatte tatsächlich schon bei einem anderen Fall im Intag-Tal gegen die Natur entschieden. Da ging es um das besonders geschützte Gebiet von Los Cedros. Sein Urteil wurde vor zwei Monaten vom Verfassungsgericht gekippt und die Bergbauarbeiten dort mussten eingestellt werden. Der Abbau von Kupfer und Gold dort sei verfassungswidrig, verstoße gegen die Rechte der Natur.

Auf der Korruptionsliste von Transparency International steht Ecuador auf Platz 105 von 180. Und eine aktuelle Umfrage unter der Bevölkerung besagt, dass 83 Prozent kein Vertrauen in ihr Justizsystem haben.

Cenaida glaubt trotzdem an diesen Weg. Nach 26 Jahren Widerstand gegen die Kupfermine seien so ein paar Schleifen im Justizsystem schon noch in Ordnung. „Der Glaube und die Wahrheit, das ist alles.“

Auch interessant

Kommentare