Volkswirtschaft

Profit und Wachstum

  • schließen

Wenn es den Unternehmen gut geht, geht es auch der Gesamtwirtschaft gut, wird oft behauptet. Stimmt diese Gleichung wirklich?

Ein wichtiger Teil des Images jeder politischen Partei ist ihre sogenannte Wirtschaftskompetenz – also die ihr zugetraute Fähigkeit, für Wohlstand und Wachstum zu sorgen. Diese Kompetenz versuchen Politiker meist zu belegen, indem sie Steuersenkungen fordern, sparsame Haushaltspolitik, Entbürokratisierung, bessere Investitionsgelegenheiten – also allesamt Faktoren, die Rentabilität der Unternehmen zu erhöhen.

Dahinter steht die Idee: Wenn es den Firmen gut geht, geht es der Wirtschaft gut – eine Annahme, die sich auch dadurch ausdrückt, dass Forderungen der Unternehmerverbände oft pauschal als Forderungen „der Wirtschaft“ tituliert werden. Die aktuelle Lage in Europa zeigt aber, dass von einer Identität von Unternehmen und Gesamtwirtschaft nicht die Rede sein kann.

Die Wirtschaft der Euro-Zone hat sich von der vergangenen Krise nur langsam erholt. In einigen Ländern wie Deutschland und Spanien war das Wachstum zwar kräftiger. Doch andere Schwergewichte wie Italien und Frankreich lieferten lange nur enttäuschende Konjunkturzahlen, die Arbeitslosigkeit ist dort weiter hoch. Und nun ebbt der Aufschwung seit einigen Monaten deutlich ab, vor allem in der Industrie.

Das gesamtwirtschaftliche Wachstum lässt nun zwar nach, weswegen auch immer wieder Steuersenkungen für Unternehmen gefordert oder umgesetzt werden, um die Investitionen anzuheizen. Gleichzeitig aber scheint es dem europäischen Unternehmenssektor an Geld nicht zu fehlen.

Beispiel Nachsteuergewinne: In Deutschland und Italien betrugen sie vor 20 Jahren etwa acht Prozent der Wirtschaftsleistung, in Deutschland sind es heute etwa 13 Prozent, in Italien etwa zehn Prozent. In Frankreich hat sich dieses Verhältnis seit 1998 zwar nicht verändert, die Gewinne liegen aber immer noch bei zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Spanien sind sie sogar auf 18 Prozent gestiegen.

Die hohe Profitabilität der vergangenen Jahre zeigt sich auch daran, dass der europäische Unternehmenssektor viel Geld auf der hohen Kante hat: In Deutschland betrug die Summe an liquiden Mitteln der Firmen 1998 etwa zehn Prozent des BIP. Inzwischen sind es 15 Prozent. Noch krasser ist die Entwicklung in den als schwächer geltenden Ökonomien: In Italien stiegen die Ersparnisse der Unternehmen in den letzten 20 Jahren von fünf Prozent des BIP auf 20 Prozent. In Frankreich legten sie von zehn auf über 25 Prozent zu. Kurz: Die Firmen schwimmen in Geld.

Geld für Investitionen müssen sich die Unternehmen in ihrer Gesamtheit eigentlich nicht mehr leihen – ihre Selbstfinanzierungsrate liegt in Italien und Frankreich bei etwa 100 Prozent und in Deutschland und Spanien darüber. Das bedeutet: Investitionen könnten sie aus ihren Einnahmen bestreiten. Dass die Investitionen dennoch eher gering sind, liegt nicht an fehlenden Mitteln, sondern an den schlechten gesamtwirtschaftlichen Aussichten – siehe Wachstumsschwäche.

Dass Unternehmenswohl nicht gleichbedeutend ist mit Wirtschaftswachstum, zeigt auch Japan, dessen BIP seit langem schwächelt, wo aber gleichzeitig die Unternehmensprofite von fünf auf 15 Prozent der Wirtschaftsleistung zugenommen haben. Wirtschaftskompetenz bedeutet also ein bisschen mehr, als den Unternehmen hohe Gewinne zu ermöglichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare