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Die demokratische US-Senatorin Elizabeth Warren verglich Private-Equity-Fonds zuletzt mit Vampiren. Foto: Imago Images

Private-Equity-Fonds

Private Equity: Angriff der „Vampire“

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Weltweit gibt es immer mehr und immer größere Private-Equity-Fonds. Sie kaufen Unternehmen und pressen sie dann häufig aus. Eine Gefahr für die Finanzstabilität.

Heuschrecken“ nannte sie 2005 der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering und meinte damit jene Finanzinvestoren, die Unternehmen kaufen, restrukturieren und mit Gewinn verkaufen. Die Kritik an der Private-Equity-Branche hat sich in Deutschland inzwischen gelegt. Nicht weil sie ihr Geschäftsmodell geändert hätte oder weil sie verschwunden wäre, im Gegenteil: Private Equity Fonds (PE) sammeln Milliarden ein und wachsen rasant, in den USA gehören ihnen schon mehr Unternehmen, als an der Börse notiert sind. Der Boom bringt Gefahren mit sich – für Beschäftigte, für Unternehmen und für das Finanzsystem.

Über den „Heuschrecken“-Vorwurf beklagte sich 2006 Stephen A. Schwarzman, Chef des PE-Riesen Blackstone, bei Angela Merkel persönlich: Wie könne es sein, dass er von einem Minister ihres Kabinetts als Insekt bezeichnet werde? Merkels Antwort ist nicht überliefert. Fest steht aber, dass Schwarzman heute ein angesehener Mann ist. Sein gerade erschienenes Buch „What it takes“ lobt die Ex-US-Zentralbankchefin Janet Yellen als „inspirierendes“ Werk voller guter Ratschläge für eine „Generation von Politikern rund um den Globus“. Der Finanzwissenschaftler Benjamin Braun wundert sich über das Lob für Vertreter jener Berufsgruppe, die er als „extraction artists“ bezeichnet – als Künstler nicht der Wertschöpfung, sondern des Herausquetschens von Profit.

Für diese Extraktion sammelt die PE-Branche zunächst Geld ein, vor allem von reichen Privatinvestoren und Fonds, Kleinanleger haben kaum Zugang. Im zweiten Schritt werden Immobilien oder Unternehmen gekauft, die Firmen werden zerschlagen oder mit anderen fusioniert, auf Rendite getrimmt und anschließend verkauft. Finanziert wird der Kauf zum Großteil auf Kredit, der anschließend dem übernommenen Unternehmen aufgehalst wird.

Das lohnt sich. Denn je höher der Kreditanteil ist, umso weniger Eigenkapital ist nötig und umso höher ist die auf das Eigenkapital erzielte Rendite beim Verkauf. Laut J.P. Morgan erzielten PE-Fonds aus den USA in den vergangenen zehn Jahren einen Ertrag von durchschnittlich über 15 Prozent pro Jahr und damit doppelt so viel wie europäische Aktien. In den vergangenen 25 Jahren waren es immerhin 13 Prozent.

Bei den Übernahmen handelt es sich nicht nur um unbekannte, kleine Firmen. So will 3G die Aufzugsparte von Thyssen-Krupp erwerben, die der deutsche Stahlkonzern verkaufen will, um sein Kerngeschäft zu stützen. KKR greift derzeit nach der größten US-Apothekenkette Walgreens Boots, die einen Marktwert von über 50 Milliarden Dollar hat – plus 17 Milliarden an Schulden. Walgreens-Chef Stefano Pessina hatte 2007 KKR bereits dabei unterstützt, den Schweizer Chemie- und Pharmakonzern Alliance Boots zu übernehmen – auf ein Anfangsinvestment von zwei Milliarden Dollar kamen für KKR neun Milliarden an Einnahmen.

Die hohen Renditen machen PE attraktiv: In Zeiten von Niedrigzinsen und schwankenden Aktienmärkten fließen ihnen immer größere Summen zu. Blackstone legte vor einigen Monaten einen Fonds über 22 Milliarden Dollar auf, der Rivale Apollo warb fast 25 Milliarden ein, im Juni pumpten Anleger 17 Milliarden in den Global Private Equity Fonds IX von Advent.

Die Finanzierungskraft von Private Equity beläuft sich laut Finanzdienst Bloomberg inzwischen auf weltweit 1300 Milliarden Dollar. Dieses Wachstum hat den ökonomischen und politischen Einfluss der Branche massiv erweitert, warnt Slavkin Corso vom US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO.

Der Boom der PE-Branche beinhaltet viele Risiken. Auch für die Finanzstabilität: Für ihre Käufe sammeln die PE-Fonds Abermilliarden an Krediten ein. Angesichts rekordniedriger Zinsen leihen Banken den Finanzinvestoren gern ihr Geld in der Hoffnung auf höhere Renditen. Ob diese Renditen eingespielt werden, ist allerdings unsicher. Die PE-Branche ist ein undurchsichtiges Geschäft. Anders als bei börsennotierten Unternehmen ist der Wert der erworbenen Firmen nicht bekannt, weil kein täglicher Handel stattfindet. Quartalsberichte müssen sie nicht vorlegen. Das gibt den PE-Gesellschaften viel Freiraum bei der Bewertung ihrer Anlagen. Erst beim Verkauf des übernommenen Unternehmens zeigt sich, ob diese Bewertung korrekt war. Zu den Risiken der Bewertung kommt die relative Illiquidität der PE-Fonds: Anleger können sich von ihren Anteilen nicht von heute auf morgen trennen.

Zudem könnten die hochfliegenden Renditehoffnungen der PE-Anleger sich als überzogen erweisen. Denn die Konkurrenz wächst: Die PE-Fonds haben immer mehr Geld, ihre Strategie verfolgen inzwischen viele Investoren, von Hedgefonds über Investmentfonds. Das bedeutet, dass immer mehr Geld potenziell unterbewertete Übernahmeopfer jagt. Das treibt die Preise in die Höhe und damit die Möglichkeit von kreditfinanzierten Fehlinvestments. Dadurch könnten in der nächsten Rezession unangenehme Überraschungen ans Tageslicht kommen.

Riskant ist PE auch für die gekauften Unternehmen. Denn die Kredite für ihren Kauf schreiben die Investoren meist dem übernommenen Unternehmen in die Bilanz. Viele von ihnen sind anschließend hoch verschuldet und müssen daher radikal restrukturiert werden, um den PE-Fonds beim Verkauf einen Profit einzuspielen und zwar möglichst schnell, denn die Investoren wollen nicht warten. Da die Private-Equity-Firmenjäger überall investieren, in allen Branchen und Bereichen, verallgemeinern sie den Zwang zu hohen Renditen – auch für jene Unternehmen, die noch eigenständig sind, sich aber vor einer Übernahme durch Finanzinvestoren schützen wollen, indem sie die letzten Produktivitätsreserven ausschöpfen.

Dieser Zwang zur Renditesteigerung trifft die Belegschaften. Ökonomen der Universitäten Maryland, Michigan und Chicago haben untersucht, wie eine Übernahme durch einen PE-Investor auf die Beschäftigten in den betreffenden Unternehmen zwischen 1980 und 2011 wirkte. Laut ihrer Untersuchung variieren die Folgen von Fall zu Fall, es kommt ebenso zu Massenentlassungen wie zu Neueinstellungen. Im Durchschnitt sei der Effekt „statistisch nicht signifikant“. Der Druck auf die Beschäftigten wächst dennoch: Ihre Produktivität wächst deutlich schneller als bei anderen Firmen. Zudem geht der Lohn pro Arbeitskraft nach der Übernahme zurück.

Auch für Mieter können harte Zeiten anbrechen, wenn ihr Haus in die Hände von PE-Firmen fällt. So hat Blackstone in den USA massenhaft zwangsgeräumte Häuser billig aufgekauft. Gemeinsam mit den Vermögensverwaltern Starwood und Colony Capital schuf der Private-Equity-Riese anschließend den größten Vermieter von Einfamilienhäusern in den USA, Invitation Homes, dessen Aktie seit Jahresbeginn um über 50 Prozent zugelegt hat. Für solche Renditen muss die Miete stetig steigen.

Während Beschäftigte und Mieter sich um ihre Zukunft sorgen müssen, geht es den Private-Equity-Profis zumeist blendend: Laut einer Untersuchung der Universitäten Chicago und Stanford gab es im Jahr 2013 mehr PE-Manager, die mindestens 100 Millionen Dollar pro Jahr verdienten, als unter sämtlichen Investmentbankern und Profisportlern zusammen.

Damit zieht die Branche nun allerdings den Zorn einiger Politiker auf sich: „Ich habe genug von großen Finanzfirmen, die die Wirtschaft ausplündern, um die eigenen Taschen zu füllen“, schimpfte die Demokratische Abgeordnete Elizabeth Warren, die 2020 gegen US-Präsident Donald Trump antreten will. Private-Equity-Investoren handelten oftmals wie „Vampire“. Franz Müntefering hat das wohl gefreut.

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