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Frankreich: Will niemand Macrons grünen Strom?

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Von: Stefan Brändle

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Macron am Donnerstag in Saint Nazaire.
Macron am Donnerstag in Saint Nazaire. dpa © dpa

Emmanuel Macron hat es geschafft: Auch Frankreich hat jetzt einen Offshore-Windpark. Doch die Ablehnung im Land ist groß.

Paris – Frankreich wäre eigentlich die perfekte Offshore-Nation: Sie zählt 5500 Kilometer Küste am Mittelmeer, Atlantik und dem Ärmelkanal – mehr als doppelt so viel wie Deutschland. Doch während deutsche Betreiber schon gut 40 Meeres-Anlagen mit einer Gesamtleistung von über 10.000 Megawatt betreiben, nimmt Frankreich in Saint-Nazaire gerade erst seinen ersten Offshore-Park in Betrieb.

Emmanuel Macron weihte die Großanlage vor der Atlantikküste vor Frankreich am Donnerstag (22. September) von einem Schiff aus ein. Die Leistung der 80 kilometerweit verstreuten Propeller beträgt 480 Megawatt und versorgt etwa 700.000 Einwohner mit Strom. Und das soll laut Macron erst der Anfang sein.

Frankreich: Bis 2050 plant Macron insgesamt 50 Windparks

Der Staatschef bestätigte, dass Frankreich bis 2050 insgesamt 50 Windparks erhalten soll. Sie bilden den Hauptpfeiler der erneuerbaren Energien, die Macron parallel zur Atomkraft fördern will, um die „energetische Souveränität“, also Unabhängigkeit, zu erreichen und eine vollkommen klimaneutrale Stromproduktion anzuvisieren.

Gerade das Beispiel Saint-Nazaire führt allerdings vor Augen, wie ambitioniert – wenn nicht gar illusorisch – das gesteckte Ziel ist, obschon der Zeitrahmen bis 2050 sehr weit gesteckt ist. Um sämtliche Einsprüche abzuarbeiten und den anschließenden Bau der Anlage waren in Saint-Nazaire mehr als zehn Jahre nötig. Macron kündigte an, Planung und Bau zukünftiger Parks sollten „doppelt so schnell“ vonstatten gehen.

Frankreich: Rechtspopulistin Marine Le Pen gegen die „Verschandelung Frankreichs“

Doch die Proteste lassen kaum nach. Bei Saint-Nazaire stören sich die Anwohner:innen weiter daran, dass die 80 Windräder bei normalem Wetter vom Land aus sichtbar sind. „Das entspricht nicht dem, was uns versprochen wurde“, ärgerte sich Bruno Schmit, ein Vertreter der Standortgemeinde Batz-sur-Mer, in der Lokalpresse.

„Uns wurde gesagt, die Pylonen seien so dünn wie ein Zündholz, das man in einer ausgestreckten Hand hält.“ Die Betreiberin EDF Renouvelables, eine Tochter des staatlichen Stromkonzerns Electricité de France, zahlt dem vom Tourismus lebenden Küstenort Batz jährlich 277.000 Euro Entschädigung.

Umstritten ist die Windkraft landesweit. Vielerorts wehren sich Fischer mit handfesten Methoden. In Paris sind ganze Parteien wie etwa das Rassemblement National der Rechtspopulistin Marine Le Pen gegen die „Verschandelung Frankreichs“ durch die Windkraft. Gegen ein Offshore-Projekt bei Dünkirchen hat auch der Nachbarstaat Belgien Beschwerde eingelegt.

Frankreich: Macron zögert bei erneuerbaren Energien

Macron zögert – und zwar stärker, als er zugeben würde. Seine Priorität ist die Atomkraft. Sie stößt im Land auf weniger Widerstand als die Offshore-Windparks und die an Land. Macron und sein Vorgänger François Hollande hatten die Losung ausgegeben, dass der nationale AKW-Park aus 56 Reaktoren und die erneuerbaren Energie je die Hälfte der Stromproduktion abdecken sollten. Wegen der zahllosen Einsprüche und Verzögerungen beim Bau der küstennahen Windparks rückt dieses Ziel aber in weite Ferne. Macron kündigte im Februar den Bau von sechs, langfristig 14 EPR-Druckwasser-Reaktoren an.

Der politische Wille, die 50 Offshore-Windparks und zusätzliche Solaranlagen zu bauen, wirkt dagegen bescheiden. Macron will zwar nächste Woche einen Plan für die Förderung der Erneuerbaren vorlegen. Die lokale Umsetzung erweist sich aber als so schwierig, dass vermutlich nicht einmal der Zeitrahmen 2050 eingehalten werden kann.

Frankreich: Neuer Windpark könnte ein Fünftel des benötigten Stromes liefern

Das ist umso erstaunlicher, als gerade der neue Windpark vor Saint-Nazaire aufzeigt, welchen Beitrag die erneuerbaren Energien zum Abbau der aktuellen Stromengpässe leisten können. Im Küstendepartement Loire-Atlantique wird der Park ein Fünftel des Stromes liefern. Hätte Frankreich den Bau weiterer Anlagen entschlossen vorangetrieben, ließe sich auch der aktuelle Ausfall von 32 der 56 Reaktoren auffangen. (Stefan Brändle)

Vielleicht kommt in der europäischen Energiepolitik nun dank Putins Ukraine-Krieg der „Wind of Change“ – der wird nämlich dringend gebraucht, um sich von Russlands Energielieferungen unabhängig zu machen. Acht Ostsee-Anrainerstaaten haben jetzt verabredet: Die Offshore-Windkraft-Leistung soll bis 2030 auf knapp 20 Gigawatt versiebenfacht werden.

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