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Die nationale Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), wird gern als „Kuchen“ bezeichnet.

Kapitalismus

Im Prinzip gespalten

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Der Kapitalismus macht das Wirtschaften zum Kampf der Menschen um die Früchte des Erfolgs.

Spaltet der Kapitalismus die Gesellschaft? Die Volkswirtschaftslehre würde diese Frage wohl verneinen. In ihrer Darstellung ist das heutige Wirtschaftssystem als funktionales Miteinander organisiert: Die Unternehmen stellen Arbeitsplätze und Kapital zur Verfügung, die Haushalte Arbeitskraft und Ersparnisse. Gemeinsam sorgen sie für das Angebot an benötigten Gütern. Aufgabe des Marktes ist es, Angebot und Nachfrage zu koordinieren. Doch schon der Begriff „koordinieren“ ist verräterisch. Offensichtlich ist das Angebot von Gütern der Nachfrage nicht subordiniert, also untergeordnet. Sondern dient einem eigenen, getrennten Zweck.

Welthandel, -finanzmarkt und -produktion fassen Volkswirte gern unter dem Begriff „globale Arbeitsteilung“ zusammen. Das klingt friedlich, vernünftig – jeder trägt das Seine zum Gesamten bei. Tatsächlich findet diese Arbeitsteilung täglich statt. Wie jede Wirtschaftsweise, so beruht auch der Kapitalismus auf Kooperation und Miteinander – niemand produziert allein und für sich, jeder braucht die anderen.

Die Verteilung des gesellschaftlich produzierten Wohlstands ist wesentlich eine Frage der Machtverhältnisse auf dem Markt. Dementsprechend große Unterschiede gibt es bei den Beträgen, die Menschen ausgeben und sparen können. Die aus den Marktgesetzen eigentlich folgende Spaltung der Bevölkerung in Arm und Reich verhindert der Staat nicht, er mildert sie aber ab: über progressive Steuern und Leistungen an die Bevölkerung.

Dass der Staat hier einiges tun kann, zeigt der Vergleich der Gini-Koffizienten des Einkommens in Deutschland und den USA. Der Gini-Koeffizient ist ein Maß der Ungleichheit, er kann Werte zwischen 0 (alle haben gleich viel) und 1 (eine Person erhält alles) annehmen. Sowohl in den USA wie auch in Deutschland hat die Ungleichheit der Markteinkommen – also der Einkommen vor Steuern und staatlichen Transferzahlungen – seit Anfang der 70er Jahre stark zugenommen. In Deutschland stieg der entsprechende Gini-Koeffizient von etwa 0,38 auf 0,56 und in den USA legte er von 0,42 auf 0,54 zu. Weniger hoch ist und weniger stark stieg dagegen die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen, also nach staatlicher Umverteilung. In den USA legte dieser Gini-Koeffizient von 0,36 auf 0,42 zu, in Deutschland von knapp 0,3 auf 0,33. kau

Die Besonderheit liegt allerdings darin, wie diese Arbeitsteilung heute organisiert ist: als Wettbewerb, als permanenter Kampf darum, wer sich welche Anteile am gemeinsam produzierten Reichtum exklusiv sichern kann. Man lebt von dem, was man anderen nimmt. Aus dieser speziellen Form des Miteinanders folgen jede Menge Interessengegensätze.

Ein Beispiel: Die nationale Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), wird gern als „Kuchen“ bezeichnet, der gemeinsam produziert und anschließend verteilt wird und an dessen Wachstum jeder Interesse hat. Nimmt man die Metapher wörtlich, so wird der Kuchen einerseits arbeitsteilig produziert. Die einen produzieren Weizen, Eier, Milch, andere liefern diese Zutaten an die Bäckerei, dort backen wieder andere den Kuchen und lassen ihn dorthin liefern, wo er gebraucht wird. Die Arbeitsleistungen wirken komplementär zueinander, sie ergänzen sich. Alle leben vom gemeinsamen Produkt.

Auch in diesem Szenario wird es Streit geben: um Menge und Art des Kuchens, um die Organisation der Zubereitung, um Bei- und Erträge der Beteiligten. Im Kapitalismus jedoch lösen sich alle Zusammenhänge auf in ein Gegeneinander. Die Bauern wollen möglichst viel Geld für ihren Weizen, die Bäcker wollen möglichst wenig zahlen. Es gibt einen Eigentümer der Bäckerei, der geringen Lohn zahlen will, die Beschäftigten wollen viel. Dazu kommt die Bank, die für ihren Kredit an den Bäckereibesitzer hohe Zinsen verlangt. Der Einzelhandel und der Grundstücksbesitzer fordern ihre Anteile. Die Kunden wollen billigen Kuchen, der Bäckereibesitzer hohen Profit. Und schließlich konkurrieren Bauern, Bäcker, Banken und Handel noch mit ihresgleichen, also mit anderen Bauern, Bäckern, Banken und Händlern, die sie unterbieten wollen. Das ökonomische Miteinander ist somit als Gegeneinander organisiert, das von Verträgen und Gesetzen nicht geheilt wird, sondern nur eine stabile Verlaufsform erhält.

Die prinzipielle Spaltung der ökonomischen Akteure ist so gewollt – denn der Markt sorgt für „Effizienz“, heißt es. Im marktwirtschaftlichen Ideal folgt daraus allgemeiner Nutzen: Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht und der Kuchen wächst. In der Realität jedoch ist der Anteil, den jeder am Kuchen erhält, abhängig von seiner Machtposition auf dem Markt, der darüber die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen schafft, die dann als „gesellschaftliche Spaltung in Arm und Reich“ beklagt wird.

Ist Gemeinsinn, ist ein „wir“ in solch einer Gesellschaft möglich? Einerseits ja, schließlich würde auch diese Wirtschaftsform ohne Kooperation, Vertrauen und Solidarität keinen Tag überleben. Zudem zeigen Institutionen wie gemeinnützige Organisationen, Vereine, Freizeitgruppen und Familie, dass Menschen ein Bedürfnis haben, sich zusammenzutun, um miteinander etwas auf die Beine zu stellen – und nicht nur, wie Gewerkschaften, sich zu verbünden, um einer Gegenseite etwas abzutrotzen.

Diesen Gemeinsinn in der ökonomischen Sphäre zu leben und die Spaltung aufzuheben, wird einem jedoch schwer gemacht. Denn hier geben die Regeln die Konkurrenz vor. Die Kraft, diese Regeln zu modifizieren, um die Spaltung wenn schon nicht aufzuheben, so doch zumindest zu entschärfen, kann jedoch nicht aus dem Wirtschaftssystem selbst kommen. Sondern nur von außen: vom Staat, der die Regeln setzt. Oder von einer starken Zivilgesellschaft.

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