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Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel: Das Juni-Wetter brachte einen Solarstrom-Rekord.

Energiewende

Premiere für Sonnenstrom

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Historischer Moment: Im Juni haben erstmals Solaranlagen den meisten Strom in Deutschland geliefert. Forscher halten 100 Prozent Erneuerbare bis 2030 möglich.

Der Juni 2019 wird in die Geschichte der deutschen Energiewirtschaft eingehen. Was in einigen Jahren wohl selbstverständlich sein wird, trat erstmals ein: Die Sonne war die wichtigste Quelle für die Stromerzeugung. Nach Berechnungen des Fraunhofer Instituts für solare Energiesysteme (ISE) speisten die Solaranlagen hierzulande 7,17 Terawattstunden in die öffentlichen Netze ein – dank eines wolkenlosen Himmels und dank der langen Tage im Juni. Die Energiewende kam im gesamten ersten Halbjahr deutlich voran. Sie deckte fast die Hälfte des Strombedarfs ab. Doch viel mehr könnte möglich sein.

Der Sonnenstrom allein hat im Juni 19 Prozent der sogenannten Nettostromerzeugung geliefert – damit ist die Energie gemeint, die tatsächlich aus der Steckdose kommt und von den Haushalten verbraucht wird. Nicht berücksichtigt wird der Strom, den die Kraftwerke für ihren Betrieb benötigen und mit dem sich die Industrie selbst versorgt. Knapp hinter Solar kommt in der Bilanz des vergangenen Monats die Braunkohle gefolgt von der Windenergie. Der große Verlierer ist die Steinkohle, einst Rückgrat der Stromversorgung. Sie lag im vergangenen Monat mit 2,58 Terawattstunden nur noch auf dem siebten Platz. Der Grund für den Niedergang: Steinkohle ist auf dem Weltmarkt derzeit relativ teuer, ihr Preis orientiert sich am Rohöl. Zudem kommen die gestiegenen Notierungen für die CO2-Emissionszertifikate dazu. Aktuell kostet ein Zertifikat für eine Tonne Kohlendioxid mehr als 26 Euro. Vor einem Jahr waren es nur rund 15 Euro gewesen.

Die Daten für Juni sind zwar nur eine Momentaufnahme. Sie passen aber in einen unübersehbaren Trend: Die Erneuerbaren drängen nach vorne. Das zeigen auch die Zahlen, die Professor Bruno Burger und sein ISE-Team für das erste Halbjahr berechnet haben. Alle regenerativen Erzeugungsformen zusammen kamen auf einen Marktanteil von knapp 48 Prozent. Im Vorjahr waren es gut 40 Prozent, vor zehn Jahren sogar nur rund 18 Prozent. Zur mit Abstand wichtigsten Quelle für die Stromproduktion ist der Wind geworden, der laut ISE genau ein Viertel des Bedarfs der Stromkunden gedeckt hat. Dies wurde dadurch begünstigt, dass vor allem im Norden der Republik recht häufig eine ziemlich steife Brise wehte. An zweiter Stelle rangiert die Braunkohle. Zwar fallen auch beim Verbrennen des Rohstoffs aus dem Tagebau Kosten für Emissionszertifikate an. Dies schlägt aber wegen der im Vergleich zur Steinkohle geringerem Kosten fürs Ausbaggern weniger stark ins Gewicht. Gleichwohl: Laut ISE schrumpfte der Anteil der Braunkohle am Strommix von Anfang Januar bis Ende Juni um rund 20 Prozent. Bei der Steinkohle beträgt das Minus sogar fast ein Viertel. All das wird sich günstig auf die Klimaschutz-Bilanz auswirken.

Die üppige Ernte der Betreiber moderner Windmühlen ist das Ergebnis eines massiven Ausbaus in den vergangenen Jahren. Doch inzwischen ist da einiges ins Stocken geraten. Im ersten Quartal etwa lag die Gesamtleistung der neuen Anlagen um rund 90 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Ursache dafür waren Fehlsteuerungen durch die Bundesregierung: Der Ausbau wurde vor gut zwei Jahren auf Ausschreibungen umgestellt, bei denen die günstigsten Bieter zum Zuge kommen. Die Regeln für die Errichtung der Windparks waren aber so lax, dass viele Projekte bislang nicht umgesetzt wurden.

Bewerber mussten noch nicht einmal eine Genehmigung für ihre Anlagen vorweisen. Inzwischen ist das behördliche Okay zwar wieder obligatorisch. Aber nach wie vor ist der jährliche Zubau von Windenergie an Land stark rationiert – auf eine maximale Leistung von 2800 Megawatt jährlich. Das ist mehreren Studien zufolge viel zu wenig, um die Ziele der Bundesregierung zu schaffen, die 2030 einen Anteil der Erneuerbaren von 65 Prozent erreichen will. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wären 4300 Megawatt in jedem Fall nötig.

Doch in diesem Jahr werden nach Hochrechnungen des Bundesverbandes Windenergie (BWE) sogar weniger als 2000 Megawatt zusätzlich ans Netz gehen. Unter anderem mangelt es inzwischen an Flächen, die für Windräder reserviert sind. Zudem liegen laut BWE Projekte mit einem Umfang von 11 000 Megawatt auf Eis: Genehmigungsverfahren ziehen sich hin und gegen viele Vorhaben laufen Klagen.

Hermann Albers, BWE-Präsident, fordert einen „politischen Aufbruch“. Andere Verbände machen sich vehement für Sofortprogramme stark. Die wären auch für die Photovoltaik nötig, die von der Bundesregierung auf einen Zubau von 2500 Megawatt jährlich beschränkt wird. Laut DIW braucht es hier 4400 Megawatt, um das 2030er Ziel zu schaffen. Viele Branchenkenner gehen darüber hinaus davon aus, dass die Solarenergie langfristig sogar die wichtigste Energiequelle werden kann, weil Sonnenstrom preiswerter wird, da es enorme Potenziale für Anlagen vor allem an und auf Gebäuden gibt und da die Speicherung der Energie mit Batterien immer attraktiver wird.

Die DIW-Forscher haben indes hochgerechnet, dass bis 2030 sogar 100 Prozent Erneuerbare möglich wären, wenn die Politik die Voraussetzungen dafür schafft – vor allem mittels eines beschleunigten Kohleausstieges.

Engpässe bei der Versorgung

Das Stromnetz in Deutschland ist an mehreren Tagen im Juni in eine kritische Situation geraten, weil zeitweise weniger Strom produziert wurde als benötigt. Ein großflächiger Stromausfall hat nach Einschätzung der Bundesnetzagentur aber nicht gedroht. „Es bestand keine Gefahr für die sichere Stromversorgung in Deutschland“, teilte ein Behördensprecher am Dienstag in Bonn mit.

Die Gründe für das starke Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch seien noch nicht eindeutig geklärt, so der Sprecher.

Für die Stabilität der Stromversorgung sind die Übertragungsnetzbetreiber verantwortlich. Sie müssen dafür sorgen, dass genau so viel Strom eingespeist wird, wie auch genutzt wird. Schwankungen gleichen sie mit Regelenergie aus. An den drei Tagen im Juni habe der Bedarf an dieser Regelenergie im Schnitt mehr als sechs Gigawatt betragen. Das sei doppelt so viel gewesen wie vertraglich bereitgestanden habe, sagte eine Sprecherin des Netzbetreibers Tennet. Strom sei an der Börse und im Ausland gekauft worden. Außerdem hätten Firmen gegen Geld ihren Stromverbrauch reduziert.

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