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Experte zu Inflation: So lange müssen wir mit hohen Preisen für Lebensmittel und Energie noch leben

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Von: Fabian Hartmann

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Inflation und Einkauf.
Vor allem für Lebensmittel und Energie sind die Preise gestiegen.  © David Gannon/afp

Der Druck auf die Preise könnte sich im nächsten Jahr etwas abschwächen, sagt Ökonom Stefan Kooths. Um die Inflation in den Griff zu bekommen, müssen Politik und EZB jetzt handeln.

Berlin – Die Inflation ist zurück. Nicht nur ein bisschen. Nein, mit voller Wucht. Die Deutschen mussten sich in diesem Jahr an zweistellige Teuerungsraten gewöhnen. Vor allem die Kosten für Energie haben das Preisniveau getrieben. Diese Dynamik könnte in 2023 etwas nachlassen, sagt Stefan Kooths, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, im Interview mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. Für die weitere Entwicklung der Inflation sei es entscheidend, dass die Zentralbank wieder Vertrauen in Preisstabilität herstelle. Sonst, sagt Kooths, könnte etwas ins Rutschen geraten – mit schwerwiegenden Folgen.

Herr Kooths, die Preise in Deutschland sind in diesem Jahr quasi überall gestiegen. Hat Sie die Wucht der Inflation überrascht?

Ich muss leider sagen: ja. Der Krieg in der Ukraine hat bei den Preisen eine zusätzliche Dynamik ausgelöst. Aber es gibt Inflationseffekte, die bereits zuvor bestanden. Es wäre falsch, die gesamte Inflation auf den Ukraine-Krieg zurückzuführen. Die Preise für heimische Produktionsfaktoren – also Arbeit zum Beispiel – waren schon vorher angezogen.

Gibt es auch Profiteure der Inflation?

Die Inflation hat zwei Ursachen. Das eine sind die Energiepreise. Das kommt vor allem den Lieferanten von Energie zugute, die meistens im Ausland sitzen und derzeit gute Geschäfte machen. Weil Geld dafür abfließt, mindert das unsere Kaufkraft und macht uns als Gesellschaft ärmer. Hier profitiert also niemand.

Und die zweite Ursache für steigende Preise?

Hat den Ursprung in der Pandemie. Es gab viele staatliche Stützprogramme, die auch noch über die Notenbanken finanziert wurden. Allein in Deutschland sind während der Pandemie bei den privaten Haushalten über 200 Milliarden Euro zusätzlich auf der hohen Kante gelandet. Dieses „Extra-Sparguthaben“ konnte während der Lockdown-Zeit nicht ausgegeben werden – und dieses viele Geld trifft nun auf ein eher knappes Warenangebot. Und ökonomisch ist es nun mal so, dass die Preise steigen, wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot. Das sehen wir aktuell.

IfW-Ökonom Stefan Kooths
Stefan Kooths ist Vizepräsident des IfW Kiel und Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum. © kielinstitute

Inflation: Warum der Staat nicht von steigenden Preisen profitiert

Profitiert der Staat – etwa über die Mehrwertsteuer – von der Inflation?

Der Staat profitiert vor allem insofern, als die Altschulden durch die Inflation entwertet werden. Im laufenden Haushalt ist das aber kein großer Effekt.

Oft wird gesagt: Wenn die Preise steigen, steige auch die Umsatzsteuer – davon profitiere dann der Fiskus.

Das stimmt so erstmal nicht. Ein Beispiel: Wenn die Leute jetzt mehr für Energie ausgeben, können sie an anderer Stelle weniger konsumieren. Der Staat würde nur dann von der Inflation profitieren, wenn die Menschen etwas machen, was sie sonst nicht getan hätten – nämlich auf ihre Ersparnisse zurückgreifen. Man darf zudem nicht vergessen: Auch auf den Staat kommen in absehbarer Zeit höhere Kosten – insbesondere für Personal – zu. Es ist also nicht so, dass der Staat im laufenden Haushalt per se von der Inflation profitiert.

Was glauben Sie, wie lange uns die hohe Inflationsrate noch begleitet?

Die Impulse von der Energieseite werden wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres auslaufen. Die Preise werden dann nicht weiter steigen, sondern wahrscheinlich – wenn auch auf einem hohen Niveau – etwas sinken.

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Inflation:

Das heißt, Sie rechnen mit Entspannung?

Für den weiteren Verlauf der Inflationsentwicklung ist es entscheidend, ob das Vertrauen in die Preisstabilität noch Bestand hat oder nicht. Wenn dieses Vertrauen ins Rutschen und die Wirtschafts-Akteure der Zentralbank nicht mehr zutrauen, das Preisstabilitätsziel von zwei Prozent zu erreichen, wird sich die Inflation verfestigen.

Die EZB hat den Leitzins bereits erhöht. War das nicht angemessen?

Der Schritt kam viel zu spät, die Zentralbank hechelt der Situation hinterher. Das, was sie bislang unternommen hat, reicht nicht aus. Die EZB hat auch selbst kommuniziert, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Klar ist: Der Leitzins muss weiter steigen.

Aber selbst wenn die Inflationsrate sinkt, heißt das nicht, dass die Preise nachgeben. Was müsste dafür passieren?

Ob das hohe Preisniveau sinkt, hängt stark von den Energiepreisen ab. Die Bundesregierung lässt bislang keine neue energiepolitische Strategie erkennen. Russisches Gas ist als Brückenträger für die Energiewende weggefallen. Aber es ist völlig unklar, was an die Stelle treten soll. Die Atomkraft wurde gerade beerdigt, eigenes Fracking machen wir auch nicht. Wir wissen nur, was wir nicht wollen und hängen damit in der Luft. Das Land braucht eine langfristig angelegte Angebotsstrategie im Energiebereich, denn man kann das industrielle Herz eines Wirtschaftsraums nicht auf Subventionsbasis schlagen lassen. Weiter wurschteln und sich von einem Entlastungspaket zum nächsten hangeln, ist jedenfalls keine Lösung.

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