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Die Verbraucher räumen derzeit die Ladenregale leer.

Analyse

Not und Preise

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Knappe Waren werden teurer. Sagt zumindest die Theorie. Die Corona-Krise zeigt: So einfach ist das nicht. Die Analyse.

Desinfektionsmittel, Mundschutz, Konserven, Toilettenpapier oder Kartoffeln – die Verbraucher räumen derzeit die Ladenregale leer. Mancherorts streiten sich die Menschen sogar um die letzten Produkte. Absolut ungewöhnliche Vorgänge. Viele Menschen in Westeuropa, die weder Nachkriegszeit noch DDR erlebt haben, dürften so etwas noch nicht gesehen haben.

Die herkömmliche Wirtschaftstheorie hat für solch ein Problem eine einfache Antwort parat: Wenn die Nachfrage nach einem Produkt größer ist als das Angebot, müssen die Preise steigen. Dann bekommen diejenigen Menschen die Ware, die am meisten dafür bezahlen, sie also – so die Theorie – am meisten wertschätzen respektive dringendsten benötigen (freilich kann nur hohe Preise zahlen, wer das Geld dafür hat).

Doch Supermärkte und viele andere Händler verzichten derzeit – soweit bekannt – auf Preisanhebungen. Warum? Weil die ökonomische Theorie das eine ist, die Realität aber etwas anderes. Denn wie die vergangenen Wochen (mal wieder) gezeigt haben, kommen Preisanhebungen in Notsituationen bei den Menschen ausgesprochen schlecht an. Wer die Not ausnutzt, um sich daran zu bereichern, erntet Entrüstung und Empörung.

Experimente von Wissenschaftlern, die schon in den 80er-Jahren den gängigen ökonomischen Annahmen auf die Pelle gerückt sind, haben dazu erleuchtende bis erheiternde Ergebnisse zutage gefördert. Sie stellten Menschen folgendes Beispiel vor und wollten wissen, was sie davon halten: „Ein Laden hat Schneeschaufeln für 15 Dollar verkauft. Am Tag nach einem großen Schneesturm hebt er den Preis auf 20 Dollar an.“ Nur knapp ein Fünftel der Befragten hielt dieses Vorgehen für akzeptabel, gut vier Fünftel hielten es hingegen für unfair.

Das Experiment wurde auch mit Studenten von Wirtschaftshochschulen durchgeführt. Kurioserweise fördert es dort das fast gegenteilige Ergebnis zutage. Knapp vier Fünftel hielten das Vorgehen des Schneeschaufel-Verkäufers für akzeptabel, nur etwas mehr als ein Fünftel bezeichnete es als unfair. Im Wirtschaftsstudium hatten die Studenten offenbar verlernt, was gesellschaftlich akzeptabel oder einfach nur menschlich ist. Der Psychologe, Ökonom und Mitbegründer der Verhaltensökonomie, Danny Kahnemann, formulierte dies etwas vornehmer als „theorieinduzierte Blindheit“.

Daraus haben auch die Unternehmen gelernt. Aber nicht alle: Die Algorithmen des Fahrdienstleisters Uber zum Beispiel erhöhen die Preise automatisch, wenn die Nachfrage steigt. Und wann steigt die Nachfrage besonders krass? Zum Beispiel in einem Schneesturm. Genau das ist vor einigen Jahren in New York passiert und hat dazu geführt, dass der dortige Staatsanwalt sich der Sache angenommen und das Unternehmen dazu gezwungen hat, den Preisanstieg wenigstens zu begrenzen.

Wer bei seinen Kunden punkten will, der lässt die Preise in Notsituationen so, wie sie sind. Und er hilft womöglich sogar, indem er möglicherweise dringend benötigte Waren – Baumaterial nach einem Sturm, Mundschutzmasken bei Pandemien – verschenkt. Das ist Menschlichkeit. Oder wie es Amartya Sen formulierte: „Der rein ökonomische Mensch ist nah dran ein sozialer Schwachkopf zu sein.“

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