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Besteck zum Wegwerfen

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Welches Set ist das Original, welches die Kopie?
Welches Set ist das Original, welches die Kopie? © Plagiarius

Der Negativpreis Plagiarius knöpft sich freche Produktkopien vor – die manchmal auch gefährlich sein können. Von Louis Leible-Hammerer.

Ein gefälschtes Künstlerhemd, eine abgekupferte Radzierblende, eine imitierte Katzenfutterbar – sie alle wurden am Montag mit dem „Plagiarius 2022“ ausgezeichnet. Der Schmähpreis richtet sich an Firmen, die außergewöhnlich unverfrorene Plagiate herstellen oder mit ihnen handeln. Bereits zum 46. Mal setzte sich der Verein „Aktion Plagiarius“ auf diese Weise für den Schutz geistigen Eigentums ein.

Hier das geschützte Original, dort die billige Nachahmung: Durch eine Gegenüberstellung nahm der Verein die „Einfallslosigkeit und Dreistigkeit von Nachahmern“ ins Visier. Über 400 Milliarden Euro ökonomischer Schaden entstünden laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), indem mit Fälschungen gehandelt werde, Tendenz steigend. Und nicht nur das bloße Ausmaß sei frappierend, auch die mangelnde Sicherheit einiger Artikel stelle ein Risiko dar. Die „volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung“ dieser Umstände wolle man in den Vordergrund rücken, sagte die Pressesprecherin von Plagiarius, Christine Lacroix, bei der Bekanntgabe der „Preisträger“ im Stuttgarter Haus der Wirtschaft.

Produktpiraterie juristisch verfolgen und ächten

Die baden-württembergische Ministerin für Wirtschaft Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) machte in ihrem Grußwort darauf aufmerksam, dass es „erst durch den Einsatz von Patenten und eingetragenen Marken“ Rechtsschutz gebe. Aus reiner Profitgier setze Ideendiebstahl Menschenleben aufs Spiel und beeinträchtige Wohlstand und Arbeitsplätze. Deshalb müsse Produktpiraterie nicht nur juristisch verfolgt, sondern auch von Verbraucher:innen geächtet werden.

Protagonist des ersten Preises ist das dreiteilige Besteckset „Klikk“ des Erbacher Designentwicklers Koziol. In China hergestellt und von einer australischen Firma vertrieben bietet die instabile Kopie keinen Nutzen. 20 Jahre habe er an der Komposition gefeilt, sagt Geschäftsführer Stephan Koziol. Und auch ein zweites Mal ist sein Unternehmen von einer Fälschung betroffen: Eine minderwertige Unterwegs-Version des Bestecksets wurde vom Onlinehändler Shein vertrieben.

Sicherheitstechnisch äußerst bedenklich ist die Nachbildung eines Druckmessgeräts der fränkischen Firma Wika (zweiter Preis). Das Messgerät kommt in chemischen und verfahrenstechnischen Prozessen zum Einsatz – und kann bei ungenauer Erfassung des Drucks zur unkalkulierbaren Gefahr für Nutzer:innen werden. Unvorhergesehene Konsequenzen sind auch bei dem Nachbau eines Axial-Schrägkugellagers nicht ausgeschlossen, das oft in Werkzeugmaschinen zu finden ist (dritter Preis). Das ursprüngliche Modell kommt vom Herzogenauracher Hersteller Schaeffler Technologies.

Der „Hyänen-Preis“ für Imitate eines Schlüsselsets

Mehr als 9500 irreguläre Angebote von Imitaten eines Schaltschrankschlüssels der Marke Knipex aus Wuppertal haben Onlinehändler in den letzten drei Jahren feilgeboten. Ganze 14 von ihnen dürfen sich nun mit einer Sonderauszeichnung – dem Hyänen-Preis – schmücken, weil sie das Original im Rudel umzingelt und bedrängt hätten. Insgesamt hat die Jury acht Fälle ausgewählt, denen nun die zweifelhafte Ehre des Plagiarius-Awards zuteilwird.

Gründer des Preises war der im vergangenen Jahr verstorbene Industriedesigner Rido Busse. Dieser war 1977 auf einer Messe in Hongkong auf das 1:1-Plagiat einer Waage gestoßen, deren Original seine eigene Firma designt hatte. Nach einigen Rechtsstreitigkeiten fasste Busse den Entschluss, mit der Verleihung eines Negativpreises auf die aus seiner Sicht prekäre Situation von Produktschöpfer:innen hinzuweisen. Anlass der diesjährigen Auszeichnung ist der Welttag des geistigen Eigentums am 26. April.

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