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Die Energiewende muss Tempo aufnehmen - doch blindlings auf die neuen Energieträger umzustellen, wäre falsch.

Analyse

Power-to-X: Grün Gas geben, aber richtig

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Wundermittel oder Öko-Desaster? Die Speicherung von Strom in Form von Gas könnte viele Probleme lösen. Doch sie hat ihre Tücken. Die Analyse.

Power-to-X lautet das neue Zauberwort in der Erneuerbaren-Energietechnik. Es ist der Sammelbegriff für Power-to-Gas, Power-to-Liquid und Power-to-Chemicals. Die Anglizismen bedeuten: Ökostrom soll genutzt werden, um Gase wie Wasserstoff oder Methan, Kraftstoffe oder Basis-Chemikalien für die Industrie herzustellen.

Es handelt sich um die zweite Revolution des Energiesystems nach der Markteinführung des Grünstroms, der in Deutschland inzwischen bereits rund 40 Prozent der verbrauchten Elektrizität liefert. In der Praxis gibt es freilich noch große Hürden, sie umzusetzen. Das Öko-Institut hat die Probleme jetzt in einer Studie analysiert; Auftraggeber war der Umweltverband BUND.

Mit den Power-to-X-Technologien sollen zwei große Probleme gelöst werden. Erstens: Sie sollen überschüssigen Ökostrom nutzbar machen, der bei einem weiteren Ausbau von Solar- und Windenergie an wind- und sonnenreichen Tagen immer häufiger anfallen wird. Zweitens: Sie sollen es ermöglichen, die grüne Elektrizität auch in anderen Sektoren – zur Gebäudeheizung, in Verbrennungsmotoren im Verkehr und als Rohstoffe in der chemischen Produktion – nutzbar zu machen. Das Fachwort dafür: „Sektoren-Kopplung“.

Tatsächlich wäre es falsch, blindlings auf die neuen Energieträger umzustellen. Sie sind nicht per se klimafreundlich und nachhaltig. Eine CO2-Einsparung bringen sie nur, wenn sie mit überschüssigem oder zusätzlichem Ökostrom erzeugt werden. Sonst können sie sogar eine deutlich schlechtere Klimabilanz als fossile Brenn- und Kraftstoffe haben, so die Studie.

Nutzt man Normalstrom, wie er heute im Netz fließt, entstehen pro Kilowattstunde der neuen Energieträger 700 bis 1100 Gramm CO2. Zum Vergleich: Wird Erdgas direkt verbrannt, sind es nur 240 Gramm, bei Diesel 300. Ein Umstieg beim Heizen oder Tanken wäre also höchst kontraproduktiv. Anders ist es, wenn Ökostrom aus zusätzlich gebauten Solar- oder Windkraftanlagen zum Zuge kommt. Dann kann Power-to-X als fast klimaneutral gelten.

Doch nicht nur die Stromquelle ist für die Klimabilanz wichtig. Großen Einfluss hat auch, woher die zweite Komponente kommt, die für die neuen Energieträger gebraucht wird: Kohlendioxid. Es wird benötigt, um aus Wasserstoff, der bei den Power-to-X-Verfahren per Elektrolyse hergestellt wird, in gut handhabbare Energieträger umzuwandeln, synthetisches Methan zum Beispiel, das man ins Erdgasnetz einspeisen kann, oder synthetischen Sprit. Laut der Analyse macht Power-to-X nur dann wirklich Sinn, wenn das CO2 direkt aus der Luft oder bei der Biomasse-Verbrennung gewonnen wird: „Nur so wird ein CO2-Kreislauf mit der Umgebungsluft möglich“. Kohlendioxid zu nutzen, das in herkömmlichen Industrieprozessen entsteht, sei kontraproduktiv.

Noch steckt die Wasserstoff-Wirtschaft freilich in den Kinderschuhen. Das Potenzial immerhin hat die Bundesregierung erkannt. Bis Dezember will sie eine „Wasserstoff-Strategie“ aufstellen. Und Bundeswirtschaftsminister Altmaier (CDU) hat 500 Millionen Euro Fördermittel für Projekte ausgelobt, in denen es großteils um Power-to-X geht. In der Union wird zudem darüber nachgedacht, den Strom für die Elektrolyse in den neuen, grünen „Raffinerien“ von der EEG-Umlage zu befreien. Das ist in der Tat überfällig, denn sie hemmt deren Wirtschaftlichkeit.

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