G20-Gipfel

Politisches Bühnenspiel

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Warum Gipfel wie G20 ihre Berechtigung haben.

Gipfeltreffen sind die Hochämter staatspolitischer Inszenierung. Ihr Maximalerfolg liegt im Minimalkonsens. Müssen sie deshalb nutzlos sein, wie nach G20 zu hören ist? Die Schweizer Soziologin Bettina Heintz beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Die Unverzichtbarkeit von Anwesenheit“ mit globalen politischen Treffen. Am Anfang steht die Beobachtung, dass über offizielle Instanzen Einigkeit schwer zu erreichen ist. Mit Gipfeltreffen kann versucht werden, diese ‚Lücke‘ zu schließen. 

Nützlich ist die persönliche Einbindung der Regierungschefs in das Verfahren, die Folgebereitschaft öffentlich ausdrückt und spätere Versuche, sich vom hergestellten Konsens zu lösen, hemmt. Gipfeltreffen, die auf Face-to-Face-Kontakte setzen, machen nachträgliche Distanzierung unwahrscheinlich, da die Akteure mit Entzug von Vertrauen rechnen müssen.
Konsens ist nicht gleich Konsens. Es gehört zu politischen Gipfeln dazu, dass die Beteiligten Abweichendes vermuten und sagen dürfen, wenn sie die offene Kontroverse meiden. Es lassen sich Ausweichwege einrichten – etwa mit indirekten Sondervoten, geschickt platziert dank sprachlicher Hintertüren in Abschluss-Communiqués. Oder durch die Erklärung, man sei vorerst darin einig, noch nicht ganz einig zu sein. Ausgerechnet konsensualisierter Dissens entschärft bestehende Konflikte.

Wichtig ist auch das Informelle. Man spricht vom bilateralen Einzelgespräch oder Sondierungsfrühstück; die Staatsgäste wandeln in den Gängen und Gärten ihrer Tagungsorte und führen Beredungen, die für Minuten Bestand haben, an anderer Stelle nicht einfach fortgesetzt werden können und doch ihre Wirkung entfalten. Bei allem Verhandeln gibt es ein Auf und Ab der Zugeständnisse, ein Changieren zwischen Geben und Nehmen.

Gipfeltreffen mögen teuer und ergebnisarm erscheinen. Doch man könnte sich vergegenwärtigen, dass kein politisches Prozedere der Welt gänzlich ohne Zeit und Orte für Dramaturgie und Spiel auskommt. Vorzüge sozialer Abkühlung und Stoßdämpfung können nicht übersehen werden. Wenn auch nur vage Aussichten bestehen, dass der direkte Augenkontakt und das persönliche Gespräch beste Mittel gegen militärische Eskalation bieten, so ist manches Bühnenspiel vielleicht weit weniger kostspielig, als man auf Anhieb vermutet.

Der Autor ist Organisationsforscher an der Universität Oldenburg.

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