Analyse

Politik mit Zahlen

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Der Einzelhandelsumsatz ist im August leicht gesunken. Schuld sei die Regierung, sagt die Branchenlobby HDE. Eine kühne These.

Handelskrieg, Turbulenzen in Italien, steigende Zinsen und Wachstumsschwäche in den Schwellenländern – der deutsche Export ist einigen Risiken ausgesetzt. Umso wichtiger ist eine stabile inländische Konjunktur, die vor allem vom privaten Konsum bestimmt wird. Der Umsatz des Einzelhandels erfreut sich daher großer Aufmerksamkeit. Hier hat es nun einen Rückgang gegeben. Bemerkenswert ist aber weniger der Rückgang selbst als vielmehr die Begründung, die für ihn geliefert wird: die Bundesregierung.

Abzüglich Inflation nahm der deutsche Einzelhandel laut Statistischem Bundesamt im August 0,1 Prozent weniger ein als im Juli – und das, obwohl die Arbeitslosigkeit extrem niedrig liegt und die Einkommen steigen. Der Branchenverband des Einzelhandels (HDE) hatte für das Minus prompt eine Erklärung parat: Viele Verbraucher seien wegen der Zollstreitigkeiten mit den USA und den vielen offen ausgetragenen Konflikten in der Bundesregierung verunsichert. Der Wirtschaftsstandort Deutschland könne sich deshalb eine Bundesregierung, die von einer Krise zur nächsten taumele, nicht länger leisten, so HDE-Präsident Josef Sanktjohanser.

Das ist ein kühne These. Denn erstens ist völlig unklar, ob der Einzelhandelsumsatz überhaupt gesunken ist. Die Zahl des Statistischen Bundesamtes beruht auf einer Befragung von einer Stichprobe von Unternehmen und weist damit ohnehin eine gewisse Unsicherheit auf. Dazu kommt, dass nicht alle auskunftspflichtigen Einzelhändler aus der Stichprobe auch fristgemäß Daten liefern – tun sie es nicht, muss das Bundesamt den Umsatz schätzen. Weitere befragte Händler kennen ihre August-Einnahmen noch nicht und schätzen diese selbst. Daher werden die Zahlen des Einzelhandelsumsatzes sehr oft und stark im Nachhinein korrigiert – aus minus 0,1 kann schnell ein Plus werden, womit der Erklärung des HDE der Boden entzogen wäre.

Zweitens handelt es sich bei der August-Zahl lediglich um den Umsatz eines einzigen Monats. Gut, bereits im Juli hatten die Einzelhändler weniger umgesetzt. Dennoch wird die Branche im laufenden Jahr mehr einnehmen als im Vorjahr, von Januar bis August stieg ihr Umsatz real um 1,4 Prozent.

Drittens: Beim Befund, Handelskrieg und Koalitionskrach seien für das Minus verantwortlich, handelt es sich um eine reine Vermutung des HDE-Präsidenten. Er hat die Menschen nicht befragt. Weder weiß er mit Sicherheit, ob die Politik der Bundesregierung die Bevölkerung überhaupt stört, noch, ob dies einen Einfluss darauf hat, wie viel sie beim Einkauf ausgibt. Dennoch macht er umstandslos die Koalition für das Einzelhandelsminus verantwortlich und fordert von ihr ein anderes Vorgehen. So wird mit Zahlen Politik gemacht.

Viertens schließlich folgt die Erklärung des HDE dem Bedürfnis nach Psychologisierung der Wirtschaft gemäß dem Muster: Warum setzt der Einzelhandel weniger um? Weil die Konsumneigung der Menschen schwächer ist! Warum sparen die Menschen mehr von ihrem Einkommen? Ihre Sparneigung ist gestiegen! Sinkende Investitionen erklären sich nach dieser Logik schlicht aus einer gesunkenen Investitionsneigung. Auf diese Weise werden lauter Trivialitäten erzeugt: Die Menschen geben weniger aus, was wohl daran liegt, dass sie weniger ausgeben wollen.

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