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Die Verhandlungen in Katowice laufen nur schleppend - das sorgt unter anderem die deutsche Industrie.

Politik bremst, Wirtschaft pusht

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Manche Politiker glauben immer noch, Klimaschutz schade ihren Volkswirtschaften, dabei sind viele Firmen längst weiter.

In Großbritannien ist der Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2040 verboten. Ben van Beurden geht das nicht schnell genug: „Wenn man das früher machen könnte, wäre das natürlich willkommen“, sagte er kürzlich. Viele dürfte diese Aussage überraschen, denn van Beurden ist der Chef des Ölkonzerns Shell.

Nigel Topping wundert sich dagegen nicht. Er ist der Chef von „We Mean Business“, einer Organisation, die Firmen hilft, sich am Pariser Klimaabkommen auszurichten. „Unternehmen wollen wissen, in welche Richtung es langfristig geht. Wenn Länder klar sagen, dass Verbrennungsmotoren abgeschafft werden, dann wird alles viel einfacher.“

Die Wirtschaft wünscht sich aber nicht nur eine klare Ansage der Politik, sondern fordert auch, dass die Klimapolitik am Stand der Wissenschaft ausgerichtet wird. Insbesondere der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel hat viele Bosse wachgerüttelt. Sie sehen, wie sehr der Klimawandel und seine Folgen ihre Geschäfte bedrohen.

Immer mehr Firmen sind daher bereit, ihr Geschäft an den IPCC-Berichten auszurichten. Mehr als 500 Unternehmen haben sich gemeinsam mit We Mean Business wissenschaftsbasierte Klimaziele gesetzt. Dazu gehören auch Firmen aus Branchen, die ihre Emissionen nur schwer senken können: Der indische Zementhersteller Dalmia will seinen CO2-Ausstoß bis 2040 auf null bringen.

Die Firmen nutzen außerdem ihre Nachfragemacht: So haben 168 Konzerne versprochen, nur noch Strom aus erneuerbaren Quellen zu kaufen. Zusammen haben sie einen größeren Stromverbrauch als Polen. Ähnlich ist es bei Elektrofahrzeugen. Hier haben zwar nur 26 Konzerne zugesagt, ihre Flotten komplett umzustellen, dafür gehören einige Schwergewichte dazu: das schwedische Möbelhaus Ikea, und der weltgrößte Logistiker, die Deutsche Post DHL.

Mehr Ehrgeiz von der Politik gefordert

Außerdem haben 415 Finanzkonzerne, die insgesamt 28 Billionen Euro – das Neunfache der deutschen Wirtschaftsleistung – verwalten, mehr Ehrgeiz von der Politik gefordert. Der Vermögensverwalter Schroders warnte, nicht zu handeln könne zu einem wirtschaftlichen Schaden führen, der das Ausmaß der Finanzkrise um das Drei- oder Vierfache übersteige.

Auslöser für die ehrgeizigen Klimaziele vieler Firmen war die Pariser Klimakonferenz. Dort waren zum ersten Mal Firmen eingeladen worden, einen Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten. Das Interesse an den Konferenzen hat seither noch zugenommen und ebenso die Sorge um deren Resultate. So sagt der Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie, Dieter Kempf: „Die deutsche Industrie ist sehr besorgt über den schleppenden Fortschritt bei den Klimaverhandlungen in Kattowitz.“ Er drängt darauf, dem Abkommen von Paris schnell Taten folgen zu lassen.

Doch wichtige Akteure haben die Botschaft noch nicht gehört. Am vergangenen Samstag haben die USA, Saudi-Arabien, Russland und Kuweit vorerst verhindert, dass der IPCC-Bericht verabschiedet wird. Und die polnische Konferenzpräsidentschaft hat es versäumt, eine Arbeitsgruppe für mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz einzurichten.

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