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Der schwäbische Milliardär Adolf Merckle (Ratiopharm, Heidelberg-Cement) ist tot.

Adolf Merckle

Politik und Banker sind erschüttert

Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger und Bundesforschungsministerin Schavan zeigen sich erschüttert. Auch unter den Gläubigerbanken herrscht Fassungslosigkeit. Von Gabriele Renz

Von Gabriele Renz

Stuttgart. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) äußerte sich tief erschüttert über den Freitod des Unternehmers Adolf Merckle (Ratiopharm, Heidelberg-Cement): "Baden-Württemberg verliert eine große Unternehmerpersönlichkeit. Trotz der Finanzprobleme der letzten Wochen hat Adolf Merckle ein mittelständisches Unternehmen von europäischer Bedeutung aufgebaut. Sein unternehmerisches Vermächtnis bleibt", betonte Oettinger in einer Mitteilung des Staatsministeriums in Stuttgart.

Als Unternehmer und Mäzen habe Merckle seine Verantwortung in besonderer Weise wahrgenommen und wurde dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) zeigte sich tief erschüttert und schockiert. "Er war ein leidenschaftlicher Unternehmer und bedeutender Mäzen", teilte Schavan mit. "Das Gemeinwesen lag ihm immer sehr am Herzen."

Die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende hat ihren Wahlkreis in Ulm und Umgebung. Dort liegt auch Merckles Heimatstadt Blaubeuren.

Börsen und Banken reagieren auf den Freitod

Unter den Gläubigerbanken Merckles herrschte Fassungslosigkeit angesichts des Todes des Unternehmers. "Einfacher wird die ganze Situation dadurch sicher nicht", sagte ein Banker.

Trotz des Freitods steht die Rettung seiner früheren Vermögensgesellschaft VEM nach deren Angaben unmittelbar bevor. "Der Überbrückungskredit ist kurz vor der Zustimmung durch alle Banken", erklärte die Familie Merckle in der Ulmer "Südwest Presse". Nach Medienberichten hatte Merckle mit etwa 30 Gläubigerbanken über einen Kredit von rund 400 Millionen Euro verhandelt.

Mittelfristig ist der Finanzbedarf aber höher - daher stehen in den nächsten Monaten weitere Verhandlungen über eine umfassende Umschuldung der Gruppe an. Zunächst sind Wirtschaftsprüfer dabei, das Firmenimperium zu entflechten.

Die Aktien von Heidelberg-Cement gerieten nach Bekanntwerden des Todes von Merckle an der Börse stark unter Druck. Sie verloren rund 6,2 Prozent.

Die Krise seines Imperiums

Bis zuletzt hielt sich die Information aus Verhandlerkreisen, die Banken verlangten nicht weniger als die Zerschlagung seines Firmenimperiums, das weltweit mehr als 100.000 Menschen beschäftigt und mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz verbucht.

Adolf Merckle, dessen Privatvermögen vor der Krise auf acht Milliarden Euro taxiert wurde, hatte sich durch Fehlspekulationen mit VW-Aktien massiv verzockt - ein Mann, der bis dahin als Inbegriff des erfolgreichen schwäbischen Unternehmers galt. Das Bild des makellosen, nur seinen Mitarbeitern verpflichteten Familienunternehmers bröckelte.

Firmen wie die Pommersche Provencial Zuckersiederei oder die Kötitzer Ledertuch- und Wachstuchwerke sollen nur als Namensdach existiert haben, über die Geschäfte abgewickelt wurden - Wertpapiergeschäfte, wie sie Merckle im Herbst 2008 in große Bedrängnis brachten.

Adolf Merckle kannte die Tricks. So finanzierte er Kapitalerhöhungen bei Heidelberg-Cement fremd und deckte Kredite durch Aktien - Aktien, deren Kurse sich im Herbst im freien Fall befanden.

Merckle schuf ein Kartenhaus, das wegen einiger abgestürzter Wertpapiere zusammenfiel. Niemand weiß genau, wie viel Milliarden am Ende gefehlt haben. Nur so viel wurde zugegeben: Der Merckle-Vermögensverwaltung VEM, die Beteiligungen bündelt und alleinige Gesellschafterin von Ratiopharm ist, drohte die Insolvenz. Und mit ihr hätte Merckle auch seinen Einfluss beim Pharmagroßhändler Phoenix oder Heidelberg-Cement verloren. Das wollte er unbedingt verhindern.

Die Polizei gab sich lange bedeckt

Die Polizei in Ulm hatte sich am Dienstag lange bedeckt gehalten. Auf Gerüchte reagiere man nicht. Bestätigt wurde lediglich, dass am Montagnachmittag ein Mann tot bei einem Bahngleis nahe Blaubeuren aufgefunden worden sei.

Über die Identität des Toten gebe man keine Auskunft. Man verwies auf die Staatsanwaltschaft Ulm. Gegen 16 Uhr am Dreikönigstag dann die Bestätigung: Bei dem Toten handelt sich um den Ulmer Unternehmer Adolf Merckle.

Die Staatsanwaltschaft Ulm bestätigte ein anhängiges "Todesermittlungsverfahren". Man prüfe "die Umstände eines tödlichen Bahnunfalls, der sich am Montagabend auf der Bahnstrecke Ulm-Sigmaringen im Bereich von Blaubeuren-Weiler ereignet hat". Bei dem Unfall habe der Unternehmer Adolf Merckle den Tod gefunden.

Die Kriminalpolizei ermittelte den Hergang: Merckle war, wie die Angehörigen am Abend der Polizei meldeten, am Nachmittag aus dem Haus gegangen - wie sie meinten zu einem Spaziergang - und nicht wieder zurückgekehrt. "Nach dem Stand der Ermittlungen gibt es keine Hinweise auf Fremdverschulden", teilte die Polizei mit. Eine DNA-Analyse "zur Sicherheit" stehe noch aus.

Die Erklärung der Familie

Am frühen Abend dann die Mitteilung der Familie: "Adolf Merckle hat für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet. Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet."

Der Tod des 74-jährigen Milliardärs, der zu den 100 reichsten Menschen weltweit zählte, hatte nur einen Hintergrund: Er sah sein selbst geschaffenes Firmenimperium bedroht. In einem Abschiedsbrief soll er keine Gründe für den Freitod nennen. Er entschuldigt sich bei seiner Familie: seiner Frau Ruth, den drei Söhnen Ludwig, Philipp Daniel und Tobias sowie der Tochter Jutta.

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