Sozialabgaben

Politik der Angst

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Höhere Sozialabgaben kosten Zehntausende Jobs, warnen Arbeitgeber. Seriös sind solche Prognosen nicht. Eine Analyse.

Die Beiträge zur Pflegeversicherung steigen ab Januar um 0,5 Prozentpunkte, und die Unternehmen finden das nicht gut. Das ist verständlich, schließlich erhöhen sich damit ihre Kosten. Wie üblich argumentieren die Arbeitgeber aber nicht mit ihrem finanziellen Interesse, sondern mit dem Interesse der Arbeitnehmer. Höhere Sozialabgaben, so die Unternehmervertreter, machen arbeitslos. Pro zusätzlichem Beitragssatzpunkt stünden bis zum Jahr 2040 etwa 90.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Wirklich?

Die Berechnung stützt sich auf eine Studie der Prognos AG von 2017, die die Arbeitgeber in Auftrag gegeben hatten und die das von ihnen gewünschte Ergebnis hatte: höhere Sozialabgaben kosten Jobs. Warum? Weil laut Prognos-Modell die Sozialausgaben die Lohnkosten der Firmen erhöhen. Das allein mindert die Arbeitsnachfrage der Unternehmen. Daneben leidet das Wirtschaftswachstum. Denn höhere Kosten schlagen die Unternehmen auf die Preise auf, womit sich ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert. Das drückt den Export. Im Inland erhöht sich gleichzeitig die Inflationsrate, das lässt das Zinsniveau steigen, was beides das verfügbare Einkommen der Haushalte und damit den Konsum mindert. So weit die unterstellten Zusammenhänge.

Immerhin gestehen die Arbeitgeber in ihrer Rechnung zu, dass es sich bei den Sozialabgaben um Lohnkosten handelt und nicht um Lohnnebenkosten, die irgendwie im Nachhinein als Extra-Beigabe auf den Lohn aufgeschlagen werden.

Mehr Positives ist über die Berechnung aber auch nicht zu sagen. Denn sie ist äußerst fragwürdig. Ökonomen tun sich schon schwer, die Entwicklung von Konsum, Investitionen oder Wirtschaftsleistung im laufenden Quartal vorherzusagen. Prognos traut sich die Berechnung von Arbeitsplatzverlusten über Jahrzehnte zu. Das ist unseriös.

Erstaunlich ist nicht nur der Zeitraum der Prognose, sondern auch ihre Exaktheit. Bis zu 90 000 Arbeitsplätze pro Beitragssatzpunkt sollen bis 2040 auf dem Spiel stehen. Das sind knapp 4000 pro Prognosejahr – angesichts von 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland also gar nichts. Das fällt unter statistische Unschärfe.

Die Prognos-Berechnung basiert auf einem Modell, dessen Annahmen beliebig variierbar sind. Ob die Unternehmen verteuerte Jobs überhaupt abbauen, ist kaum zu sagen. Zudem ist die Verteuerung übersichtlich. Laut einer Überschlags-Rechnung des Instituts IAQ führt eine Anhebung des paritätischen Beitragssatzes zur Rentenversicherung um einen Prozentpunkt zu einer Erhöhung der Personalgesamtkosten von 0,4 Prozent. Das ist keine Kostenlawine.

Gleichzeitig sind höhere Sozialabgaben nicht nur Kosten, das Geld fließt auch in die Wirtschaft zurück. Was das alles mit Preisen, Zinsen und dem Export macht – alles Spekulation. Ob durch höhere Lohnnebenkosten Firmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, ist abhängig von der künftigen Lohn- und Produktivitätsentwicklung im In- und Ausland. Und wie sich die Wirtschaftsleistung entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab, etwa dem Ölpreis, dem Dollar-Kurs, der Konjunktur in der Euro-Zone, in den USA und China.

Man ist erinnert an die Warnungen der Arbeitgeber vor der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns. Auch in diesem Fall haben sich die Warnungen vor massenhaftem Job-Abbau als wenig haltbar erwiesen.

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