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Vielleicht bald bebaut: Äcker an der A 5 nördlich von Frankfurt.

Hessen

Polit-Gärtnern statt Beton

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Auch in Hessen formiert sich Widerstand gegen die Versiegelung von Böden. Dabei hat das Land den Flächenfraß bereits auf 2,5 Hektar am Tag reduziert.

In Hessen ziehen Naturschützer und konventionelle Landwirte neuerdings bei einem Thema an einem Strang. Was sie zu ihrer ungewöhnlichen Allianz zusammenschmiedet ist der wachsende Flächenfraß im boomenden Ballungsraum Rhein-Main. Das Zubetonieren der Landschaft entzieht den Bauern Äcker und bedroht damit ihre Existenz. Tieren, Pflanzen und letztendlich auch dem Menschen entzieht er die Lebensgrundlage, kritisiert der „Bund Umwelt und Naturschutz“ (BUND). Da treffen sich ihre Interessen, die sie jüngst zusammen präsentierten: „Boden ist ein endliches, nicht vermehrbares Gut, das wir ständig weiter verbrauchen“, warnte BUND-Landesvorsitzender Jörg Nitsch. „Ohne Landwirtschaft vor Ort gibt es auch keine Versorgung mit regionalen Produkten“, gab der Präsident des Hessischen Bauernverbands, Karsten Schmal, zu bedenken.

Drei Hektar unbebaute Fläche gingen im schwarz-grün regierten Hessen bislang täglich verloren. Das entspricht etwa dreieinhalb Fußballfeldern. Der jüngst verabschiedete neue Landesentwicklungsplan aus dem Haus von Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) hat das Maximum auf 2,5 Hektar reduziert. Für Kommunen gilt jetzt der Grundsatz, zunächst freie oder brachliegende Areale innerhalb der bestehenden Bebauung zu nutzen, bevor Wohn- oder Gewerbegebiete auf der grünen Wiese ausgewiesen werden. Damit setze er die nationale Nachhaltigkeitsstrategie um, argumentierte der Minister und erteilte der Allianz eine Absage, die perspektivisch einen Flächenfraß von null fordert. Das könne nur ein langfristiges Ziel sein, sagte Al-Wazir. Seine Parteifreundin Angela Dorn sprach von einem Zwischenschritt. „In der Landes- und Regionalplanung wollen wir uns weiter für verbindliche Ziele zur Flächenverbrauchsreduktion sowie zur Sicherung notwendiger Grünflächen in Ballungsgebieten und Naturschutzflächen für den Klimaschutz einsetzen“, versicherte die Sprecherin für Umweltschutz der Grünen im Hessischen Landtag.

Sorgen wegen Neubaugebiet

Grund für den gemeinsamen Appell von Bauernverband und Naturschützern ist ein umstrittenes Neubauprojekt für 10 000 Wohnungen der Stadt Frankfurt an der vielbefahrenen Autobahn A5. 500 Hektar fruchtbarsten Ackerlands sollen dem neuen Stadtteil weichen, befürchten sie. Flächen, auf denen Getreide angebaut wird, die Menschen als Naherholungsgebiet dienen, gefährdeten Arten als Rückzugsraum, die das Klima schützen und die Grundwasserneubildung ermöglichen. Gefährdet ist unter anderem eine Streuobstwiese mit rund 50 Apfelbäumen. Gepflanzt wurden sie seinerzeit auf dieser sogenannten Ausgleichsfläche, das heißt Ersatz für Äcker, die vor Jahren andernorts dem Beton weichen mussten.

„Ein Hektar pro Tag bis 2020 und eine schnellstmögliche Reduktion des Flächenverbrauchs Netto-Null.“ So lautet die Forderung der beiden Verbände. Sie wollen eine Politik, die dem Trend in dem Ballungsraum etwas entgegensetzt. Digitaler Ausbau schaffe Arbeitsplätze und stoppe die Landflucht. Der Speckgürtel rund um Frankfurt müsse sich als Alternative zu Frankfurt als Wohnort stärker anbieten. Allerdings sehen die Partner auch hier nicht Neubaugebiete an den Ortsrändern als Lösung. Nachverdichten, Aufstocken im Bestand, das Nutzen von Industriebrache sei der besser Weg. Und das Entsiegeln nicht mehr benötigter Straßen.

Die Allianz bei Frankfurt ist übrigens nicht die einzige. Im nördlich angrenzenden Wetteraukreis haben Bauernverband, Naturschutzorganisationen und Kirchen eine gemeinsame Resolution gegen den Flächenfraß verfasst. Anlass ist ein 300 000 Quadratmeter großes Logistikzentrum, das die Firma Rewe an der Autobahn-Auffahrt Wölfersheim bauen will. Die Größe entspricht zwei Ikea-Filialen, haben die Aktivisten ausgerechnet. Und das auf einem Boden, der als einer der fruchtbarsten der Republik gilt. Die „Bürger für Boden“ zeigen ihren Widerstand nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Alle zwei Wochen treffen sie sich auf dem Gelände, um gemeinsam auf einem Teil der Fläche Gemüse großzuziehen, die ihnen ein Pächter zu Verfügung gestellt hat. Die Aktion nennt sich Politik-Gärtner.

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