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Polen braucht Kohle

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Viel Schmutz in der Luft: das Kohlekraftwerk Turow im polnischen Bogatynia.
Viel Schmutz in der Luft: das Kohlekraftwerk Turow im polnischen Bogatynia. © Imago

Der Energieträger ist unverzichtbar für die Energieversorgung des Landes. Umweltschutzverbände befürchten schlimmen Smog im Winter.

Auch in Polen wird mit Sorge auf den kommenden Winter geschaut. Doch nicht die Gasversorgung wie etwa in Deutschland macht Kummer, sondern die fehlende Kohle, mit 70 Prozent der Hauptträger der Energieversorgung an der Weichsel. „Im vergangenen Jahr wurden in Polen 42 Millionen Tonnen gefördert. Derzeit sind wir in der Lage, die Förderung zu verstärken, jedoch nur um maximal 1,5 Millionen Tonnen.“ sagte Janusz Olszowski, der Vorsitzende der Bergbau-Handelskammer am Dienstag vor Journalist:innen.

Als Grund für die geringen Kapazitäten gelten die Dekarbonisierungsmaßnahmen – Polen wird von Brüssel genötigt, den klimaschädlichen Energieträger zurückzufahren. Auch der Kohleimport aus Russland wurde bereits gestoppt.

Sorge bereitet in Polen außerdem die schlechte Luft. Denn die Grenzwerte für Abgase der Kohleindustrie wurde von der Regierung in Warschau Ende Juni für sechzig Tage gesenkt. Aufgrund der vielen Smog-Tage in den polnischen Wintern hatte die polnische Regierung 2018 ein Gesetz erlassen, dass die Verschmutzung der Luft reduzieren soll. Dies gilt nun bis September nicht mehr.

Das polnische Umweltministerium will ein Programm namens „Saubere Luft“ vorstellen

„Es ist nun sicher, dass die Luft im Winter schlechter wird.“ so Piotr Sergiej von der Umwelt-Vereinigung „Smog-Alarm“ auf Anfrage. Seine Vereinigung befürchtet, dass nun Kohleschlamm bei der Verbrennung benutzt wird, ein Abfallprodukt bei der Schwarzkohleherstellung, dass besonders viel Schwefel, Schwermetalle und andere belastende Stoffe enthält. „Wir setzen derzeit ein Protestbrief an Premierminister Mateusz Morawiecki auf“, so der Umweltaktivist.

Das Umweltministerium, das „Smog-Alarm“ für verbesserungswürdig hält, will am Donnerstag ein Programm namens „Saubere Luft“ vorstellen. Das Konzept der Regierung in Warschau soll mögliche Bestrafungen aus Brüssel abwehren – von der EU-Kommission kam bereits eine entsprechende Warnung. „Es wird unsere Verpflichtung sein für den Herbst und Winter, den polnischen Haushalten billige Kohle zu liefern“, sagte jedoch kürzlich Premierminister Morawiecki. Der Kauf von Kohle wird vom Staat bezuschusst.

In Polen existieren noch 5,37 Millionen Kohleöfen

Das wird teuer für Polen, das den fossilen Brennstoff teilweise importieren muss. Denn die Nutzung der Kohle wird durch die Inflation erschwert. Wurde die Tonne Schwarzkohle im Hafen von Rotterdam noch vor dem russischen Angriff auf die Ukraine mit 200 Dollar gehandelt, ist der Preis mittlerweile auf über 350 Dollar gestiegen.

In Polen existieren noch 5,37 Millionen Kohleöfen, die meisten beheizen ein ganzes Wohnhaus, über eine Millionen stehen noch in den Wohnungen – zumeist bei weniger begüterten Menschen. Das sind die Wähler der nationalkonservativen regierenden „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die Partei „der gewöhnlichen Polen“, wie sie sich selbst nennt. Kalte Wohnungen im Winter könnte die PiS im kommenden Jahr eher die Wahl kosten, als mehr Smog.

Doch auch die Bergleute gehören zur Wählerschaft. Und diese machen nun Forderungen geltend, sollten sie zusätzlichen Schichtdienst leisten müssen. Vor dem Gebäude der „Polnischen Bergbau Gruppe“ (PGG) in Kattowitz, dem größten Kohleproduzenten ist für Mittwoch ein Protest der Gewerkschaft „Solidarnosc“ vorgesehen, da die Regierung noch keine Auskunft über die künftige Lohntüte erteilt hatte.

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