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Der E-Roller-Anbieter Bird war Pionier auf dem deutschen Markt. Doch die Krise führte zu einem jähen Absturz. 

Kampf ums Überleben

Die plötzliche Bruchlandung der Startups

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    Alicia Lindhoff
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Viele junge Unternehmen, die vor der Krise erfolgreich waren, kämpfen nun ums Überleben. Kaum jemand will in diesen unsicheren Zeiten noch Geld in Start-ups stecken.

Katharina Jüngers Freunde glauben, dass ihr derzeit Geld geradezu hinterhergeworfen werden müsste. Denn die Unternehmensgründerin aus München hat vor fünf Jahren mit Tele Clinic den heimischen Marktführer für Videosprechstunden beim Arzt aus der Taufe gehoben. Das müsste bei Start-up-Investoren in Corona-Zeiten doch den Geldbeutel weit öffnen, vermutet Jüngers Freundeskreis. Das Gegenteil ist aber aktuell der Fall. „Es ist kein deutscher Investor in Sicht“, sagt die Jungunternehmerin zur laufenden Finanzierungsrunde, die unfreiwillig mit dem Hochlauf der Pandemie gestartet wurde. Wenn aber ein gesundheitsnahes Start-up wie Tele Clinic derartige Finanzierungsprobleme hat, wie mag es dann erst bei anderen Jungunternehmen aussehen? Ein Blick in die Szene zeigt: nicht gut.

In einer Umfrage des Bundesverbands Deutsche Start-ups gaben 80 Prozent der befragten Unternehmen an, sich durch die Krise in ihrer Existenz bedroht zu sehen. Insbesondere gilt das für all jene, deren Geschäftsmodell wegen Kontaktsperren und sonstigen Einschränkungen nicht mehr funktioniert – wie etwa bei Reise-Start-ups wie Flixbus oder solchen, die im Mobilitätsbereich aktiv sind. Ein Horrorbeispiel, das derzeit in der Szene kursiert, ist das des E-Scooter-Start-ups Bird, das in Deutschland 2018 als Erstes die neuen Roller getestet hatte. Doch ohne Touristen, offene Geschäfte und Gruppenaktivitäten nutzten sie seit Mitte März nur noch wenige. Ein steiler Wachstumskurs kam zum jähen Halt – und der kalifornische Anbieter reagierte radikal: Per Videokonferenz informierte eine Sprecherin mehr als 400 Angestellte gleichzeitig über ihre Kündigung.

Hart trifft die Krise auch Veranstaltungs-Start-ups wie Artnight. Mit Mal-, Back- und Cocktailkursen wollten Gründerin Aimie Carstensen und Gründer David Neisinger Menschen „offline zusammenbringen“. Laut Neisinger besuchten zuletzt mehr als 30 000 Menschen pro Monat ihre abendlichen Kurse. Doch von einem Tag auf den anderen mussten die Jungunternehmer alles absagen. „Es hat sich angefühlt, wie gegen eine Wand zu fahren.“ Doch nach dem ersten Schock machten sie sich schnell daran, ihr Geschäftsmodell anzupassen. Statt offline heißt die Devise jetzt auch bei Artnight: online. Per Livestream schalten sich die freischaffenden Künstlerinnen, Bäcker und Cocktailprofis, die auch sonst die Workshops geben, zu den Teilnehmern nach Hause. Das funktioniere überraschend gut, auch wenn sie damit nur einen Bruchteil des Umsatzes machen könnten, so Neisinger.

Doch auch Start-ups, deren Kerngeschäft weder vom Unterwegssein noch von Veranstaltungen abhängt, sind keineswegs sorgenfrei. Janina Mütze ist Geschäftsführerin des Meinungsforschungs-Start-ups Civey. Sie hat beobachtet, dass das Bedürfnis nach „schnellen validen Daten“ eher steige: „Viele unserer Kunden wollen momentan wissen, was ihre Zielgruppe derzeit umtreibt oder wie sich die Krise auf sie auswirkt.“ Trotzdem macht sich die Situation auch bei Civey bemerkbar. „Wir wissen heute noch nicht, was noch auf uns zukommen kann, und verschieben zukunftsorientierte Investitionen – von Neueinstellungen bis hin zur Entwicklung.“

Denn härter als kurzfristige Umsatzeinbrüche trifft viele Start-ups das Austrocknen des Markts für Risikokapital. In einer Umfrage der Start-up-Konferenz Bits & Pretzels gaben 65 Prozent der befragten Unternehmen an, nur für höchstens sechs Monate ausfinanziert zu sein. Neun Prozent fürchten sogar, es nicht länger als einen weiteren Monat ohne neues Kapital durchzuhalten.

„Finanzierungsrunden werden last minute abgesagt, kaum jemand wagt sich in dieser Situation noch an Neuinvestitionen“, sagt Janina Mütze, die froh ist, eine solche Runde noch vor dem Einbruch abgeschlossen zu haben. „Viele Investoren kümmern sich jetzt erst mal darum, ihr bestehendes Portfolio zu stabilisieren.“ Soforthilfen der Bundesregierung kommen nur für einen Bruchteil der Start-ups infrage und sind für die meisten von ihnen viel zu niedrig.

Und weil Start-ups per Definition auf neuartige Geschäftsmodelle und schnelles Wachstum setzen, sind klassische Bankkredite für sie in der Regel keine Option. Das Ausfallrisiko ist zu hoch. Zwar gibt es seit etwa einem Jahr spezielle Start-up-Kredite der staatlichen Förderbank KFW, aber den Erstantrag prüft nach wie vor die Hausbank. Auch diese Kredite kommen deswegen meist nur für Unternehmen infrage, die schon profitabel sind.

Der Start-up-Verband warnte deswegen Ende März, wenn nicht bald eine Lösung gefunden werde, sei die gesamte Branche in Gefahr. Kurz darauf reagierte die Bundesregierung und verkündete, den staatlichen Rettungsschirm für „spätphasige“ Start-ups mit einer Bewertung von mehr als 50 Millionen Euro zu öffnen. Außerdem versprachen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Anfang April, ein zwei Milliarden Euro schweres Unterstützungspaket für Start-ups und kleine Mittelständler zu schnüren.

Die Förderung soll dabei jedoch nicht direkt an die Unternehmen fließen, sondern an Privatinvestoren ausgeschüttet werden, die sich zu einem neuen Risikoinvestment entscheiden – oder an Bestandsgesellschafter, die „ihre“ Start-ups bei Kapitalerhöhungen unterstützen, um die Krise zu überbrücken. So will die Regierung verhindern, dass all jenen jungen Technologieunternehmen die Liquidität ausgeht, auf deren Innovationskraft sie so sehr hofft, um die Digitalisierung in Deutschland voranzutreiben.

Doch bislang scheint die Hilfe nicht anzukommen. Von deutschen Behörden sei Tele Clinic hinsichtlich Staatshilfen an die EU verwiesen worden, erzählt Katharina Jünger. Dort habe sie erfahren, dass über ihren Antrag im August entschieden wird. „Also nach dem Tod“, sagt sie.

Abgesehen davon ist der Einsatz von Steuergeldern für riskante Investments umstritten. Der Start-up-Gründer und Risikokapitalexperte Sven Schmidt bezeichnete die Forderungen des Start-up-Verbands im Gespräch mit dem „Manager Magazin“ sogar als „asozial“. Dort schrien „Millionäre nach Staatshilfe“.

Viele junge Gründerinnen und Gründer der Branche dürften sich davon eher nicht angesprochen fühlen. Doch auch Artnight-Gründer David Neisinger sieht die Problematik: „Ich will nicht wehleidig klingen. Schließlich haben wir uns als Unternehmer bewusst dazu entschlossen, ein Risiko einzugehen, und wissen, dass letztlich wir selbst Verantwortung übernehmen müssen.“ Wie die meisten Start-ups hat sein Unternehmen Kurzarbeit beantragt.

Als dritter Weg zwischen staatlichen Hilfen und klassischen Privatinvestoren könnte für manche Start-ups die Finanzierung über Crowdfunding infrage kommen. Ein Unternehmen, das gerade trotz Corona eine Crowdfunding-Kampagne gestartet hat, ist Pickawood, eine Online-Plattform für maßgefertigte Möbel. Geschäftsführer Tim Ehling berichtet, Pickawood habe zwar den Starttermin der Kampagne wegen der allgemeinen Unsicherheit im März um zwei Wochen verschoben. Doch Mitte April wagte es Pickawood doch – und hat nach gut zwei Wochen fast 240 000 Euro von 245 Kleininvestoren eingesammelt.

Ein Modell auch für andere Start-ups? Ehling zögert: Damit Crowdfunding funktioniere, brauche es entweder eine besonders gute Geschichte – oder vorweisbare Erfolge. Außerdem brauche auch das Crowdfunding drei bis vier Monate Vorlauf, um funktionieren zu können. Pickawood wurde bereits 2012 gegründet und hat seitdem rund 20 Millionen Euro Umsatz erzielt.

Doch auch Ideen, die gut in die Zeit passen, können Erfolg haben. So hat Intelligent Fluids, ein Produzent nachhaltiger Reinigungsmittel, innerhalb von fast drei Wochen mehr als eine halbe Million Euro einsammeln können.

Ehling sieht in der Krise auch eine Chance für einen Teil der Start-up-Szene: „Wer diese Krise überlebt, wird es danach leichter haben.“ Denn es werde zwangsläufig zu einer – wenn auch schmerzhaften – Konsolidierung des Marktes kommen. Und für junge Digitalunternehmen sieht er dabei manche Vorteile. „Wir zum Beispiel können als technologiebasiertes Start-up viel leichter und schneller unsere Ausgaben senken als etwa ein großes Möbelhaus.“

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