US-Präsident Trump hat es auf die sozialen Netzwerke abgesehen.
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US-Präsident Trump hat es auf die sozialen Netzwerke abgesehen.

Soziale Netzwerke

Gegenwind für Verschwörer: Wie sich Twitter, Whatsapp und Facebook in der Corona-Krise schlagen

  • vonFinn Mayer-Kuckuk
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Ob Trump gegen Twitter oder Drosten gegen „Bild“. In der Corona-Krise zeigt sich eine ganz neue Qualität der Bedeutung sozialer Medien. 

  • Donald Trump* und der Social-Media-Plattform Twitter befinden sich im Zwist
  • In Deutschland wehrte sich Virologe Christian Drosten via Twitter gegen Aussagen der „Bild“
  • Die Corona-Krise* hat sozialen Medien eine ganz neue Bedeutung gegeben

Donald Trump hat die Woche für einen juristisch fragwürdigen Krieg gegen seine Lieblingsplattform Twitter genutzt. Ein bemerkenswerter Vorgang: Der US-Präsident kämpft dort mit den Mitteln der politischen Exekutive für das vermeintliche Recht, weiterhin Lügen zu verbreiten.

In der gleichen Woche tobte eine Auseinandersetzung zwischen dem deutschen Boulevardblatt „Bild“ und dem angesehenen Wissenschaftler Christian Drosten. Der Virologe akzeptiert es nicht, dass die Zeitung Lügen über seine Arbeit verbreitet – und wehrt sich auf Twitter und in seinem Podcast. Direkt und indirekt erreicht er mit seiner Richtigstellung vermutlich etwa ebenso viele Menschen wie die „Bild“. Das Boulevardblatt musste erleben, dass ein Wissenschaftler, früher ein weitgehend wehrloses Opfer des Schmierenjournalismus, heute gar nicht mehr so hilflos ist.

Twitter, Whatsapp und Facebook in der Corona-Krise: Neue Qualität der Bedeutung

Trump gegen Twitter und Drosten gegen „Bild“ – zwei Ereignisse, die eine neue Qualität der Bedeutung sozialer Medien zeigen. Sie beleuchten die Licht- und Schattenseiten der neuen persönlichen Medienkanäle. Diese zeigen gerade in der Krise, was sie können: „Viele wichtige Informationen erreichen heute viel schneller die Öffentlichkeit als früher“, sagt Netzaktivist Markus Beckedahl, Gründer des Blogs Netzpolitik.org und der Digitalkonferenz Republica. „Wer jedoch ohnehin zu Verschwörungstheorien und Misstrauen gegenüber den Institutionen neigt, fühlt sich von seinen Internetquellen auf ganzer Linie bestätigt.“

Die Faktencheck-Organisation Correctiv stellt zwar mit Besorgnis fest: „Seit Wochen nimmt der Strom falscher und manipulativer Behauptungen zum Thema Covid-19 nicht ab.“ Sie würden meist auf Whatsapp und Youtube verbreitet. „Falschinformationen erhalten innerhalb kürzester Zeit teils riesige Reichweiten.“

Warnhinweise bei Twitter, Facebook und Whatsapp: Gegen Falschmeldungen vorgehen

Tatsächlich löste die Überschrift der„Bild“ von der angeblich falschen Drosten-Studie eine Welle von Schmähungen aus: „Spinner“, „Arschkriecher von Merkel“, „nimmt Bestechungsgeld“, „Verbrecher“ wird der Professor da genannt, Schlussfolgerung: Er „muss weg“, „gehört weggesperrt“ und noch viel mehr. Die Pandemie sei von Anfang an nur Panikmache gewesen, Drosten habe keine Ahnung. „Jetzt, in dieser Extremsituation, rutschen anfällige Bürger immer tiefer ins Kaninchenloch“, befürchtet Netzaktivist Beckedahl.

Doch zugleich geben die Plattformen sich mehr Mühe als zuvor, solche Inhalte vor denen zu verbergen, die sie nicht sehen wollen. Facebook versucht nach eigener Aussage, auf falsche Inhalte hinzuweisen – auch wenn davon beispielsweise auf der Seite des umstrittenen Kochs und Corona-Leugners Attila Hildmann nichts zu sehen ist.

Trump gegen Twitter: Onlinedienst versieht Eintrag Trumps mit Warnhinweis

Twitter weitet derweil ebenfalls die Warnhinweise aus, wie der Fall Trump zeigt. Das Unternehmen reagiert damit nicht nur auf Kritik von außen, sondern auch auf wachsendes Unbehagen in der eigenen Belegschaft und generell im Silicon Valley. Die Technikwelt ist eher wissenschaftsgläubig und linksliberal eingestellt. „Unser Ziel ist es, die Verbreitung von möglicherweise schädlichen und irreführenden Inhalten zu begrenzen“, teilten Yoel Roth und Nick Pickles mit, die bei Twitter für „Produktintegrität“ verantwortlich sind.

Das heißt auch hier nicht, dass jeder Beitrag eines Impfgegners oder Corona-Leugners einen Hinweis erhält – aber gerade bei vielgelesenen Inhalten tauchen sie immer öfter auf. Der vermeintliche „Faktencheck“ dahinter ist allerdings etwas dürftig, er beschränkt sich auf Zitate von CNN. Immerhin: Wer auf Twitter nach „Corona nur Panikmache“ sucht, findet fast nichts, weil die Suchfunktion toxische Inhalte zurückhält. Stattdessen erscheinen offizielle Regierungsinformationen und Beiträge, die den offiziellen Kurs stützen.

Noch wichtiger als die zaghaften Versuche der Plattformen zur Lenkung der Informationen ist die Tatsache, dass es eben auch richtige Infos in Hülle und Fülle gibt. „Für viele Menschen funktionieren die Sozialmedien bestens, die haben einen differenzierteren Informationsmix als je zuvor“, sagt Beckedahl.

Soziale Medien in der Corona-Krise: Verschwörungstheoretiker versus Fachleute

Den Kanälen der Verschwörungstheoretiker stehen ebenso beliebte Angebote kompetenter Fachleute gegenüber. Bestes Beispiel ist Wissenschaftler Drosten. Auf Youtube ist die Chemikerin und TV-Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim zu sehen. Als Medienprofi kommt sie definitiv eingängiger herüber als Drosten. Ihr ebenso lustiger wie fundierter „Virologen-Vergleich“ zählt bereits sechs Millionen Abrufe. „Wer sich tiefgreifend informieren möchte, hat direkten Zugang zu den Worten von Experten, Originalstudien und wissenschaftlichen Daten“, so Beckedahl.

Doch dafür „müssen die Leute auch die Quellen richtig einschätzen können“, warnt der Netzaktivist. Daran hapert es freilich – was kein Wunder ist, wenn auch eine Ex-Nachrichtensprecherin, ein Ex-Amtsarzt und ein Ex-Professor für Infektiologie ebenfalls Falschinfos verbreiten. Auch wer nicht unbedingt den Behauptungen eines abgehalfterten Rappers oder eines größenwahnsinnigen Kochs vertraut, wird vielleicht hinhören, wenn ein echter Dr. med. spricht – und bekommt eine ersehnte Botschaft zu hören: Corona ist gar nicht so schlimm, das Leben kann weitergehen wie vorher. Gerade weil die Beiträge „der Verschwörungsindustrie durch Emotionalität und einfache Erklärmuster viele Reaktionen erhalten, geraten sie in den sozialen Medien auf die Überholspur“, so Beckedahl.

Twitter, Whatsapp und Facebook: Verschwörungstheoretiker nutzen Gruppen

Verschwörungstheoretiker wie Hildmann ziehen sich gleichwohl in Gruppen auf Telegram oder Whatsapp zurück, die nicht ohne Weiteres einsehbar sind – öffentliche Plattformen wie Facebook brauchen sie vor allem, um ihre Klientel in die Gruppe in der App zu locken. Ex-ARD-Nachrichtensprecherin Eva Herman zählt in ihrer Telegram-Gruppe 120 000 Abonnenten. Ebenfalls auf Telegram macht der ehemalige Journalist Oliver Janich ein thematisch sehr ähnliches Angebot. Die Gruppe zählt ähnlich viele Leser wie die Hermans.

Während Herman meist vage bleibt, positioniert sich Janich klar gegen sämtliche Corona-Maßnahmen, Impfungen und die Welterklärung durch die Wissenschaft. „Die Biowaffe ist die Impfung, nicht der Coronavirus!“, behauptet er. Der Softwareunternehmer Bill Gates habe ein harmloses Virus in die Welt setzen lassen, um Panik zu schüren und später einen Grund für Zwangsimpfungen zu haben. Unter dem Vorwand der Corona-Bekämpfung führe Angela Merkel auch die Diktatur in Deutschland ein.

Auf Twitter ist die Stimmung daher inzwischen generell anders als in den Gruppen auf Whatsapp oder Telegram. Hier mischen sich die Meinungen; es finden durchaus inhaltliche Auseinandersetzungen statt. Diese sind zwar unversöhnlich: Die einen nennen die anderen „Covidioten“ oder „Aluhüte“. Die so geschmähten nennen alle, die einer offiziellen Stelle glauben, „Schafe, die nur der Regierung nachplappern“. Doch wer sich auf Twitter tummelt, ist schnell mit beiden Seiten konfrontiert und kann sich zumindest aussuchen, was glaubwürdiger klingt.

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Von Finn Mayer-Kuckuk

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