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Das Podium: Erich Groever, Shary Reeves, Tobias Schwab, Rüdiger Baunemann und Ellen Gunsilius.

Plastikmüll

Diskussion über die Eindämmung der Plastikflut

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Das Forum Entwicklung hat die Plastikflut unter die Lupe genommen. Auch die FR produziert Plastik - leider.  

Mehr hätten kaum hinein gepasst. Das gilt für die Besucher im vollbesetzten Saalbau Südbahnhof in Frankfurt, aber auch für die Folienverpackungen in den beiden blauen Plastiktaschen eines großen schwedischen Möbelherstellers, die eine Veranstaltungsbesucherin am Mittwochabend mitbrachte. „Das sind die gesammelten Verpackungen, in denen wir jeden Tag die Rundschau geliefert bekommen“, sagte sie ins Publikumsmikrofon – und traf ohne Zweifel einen wunden Punkt beim gemeinsam von FR, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstalteten Forum Entwicklung zum Thema „Der letzte Strohhalm – wie verringern wir das weltweite Müllproblem?“

Ja, auch FR-Leserinnen und -Leser werden in manchen Fällen zu Plastiksündern wider Willen, musste FR-Moderator Tobias Schwab leidlich einräumen. Trotz guter Absichten mussten aber selbst die Diskutanten auf dem Podium eingestehen, auch an diesem Tag allesamt schon Plastikmüll verursacht zu haben.

Einzig Rüdiger Baunemann unterstrich: „So viel war das heute gar nicht.“ Ausgerechnet er, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der deutschen Kunststoff-Erzeuger. Er sieht Deutschland auf einem guten Weg, der Plastikflut Herr zu werden. Dazu hätte auch die hiesige Industrie schon einen entscheidenden Beitrag geleistet. So habe Baunemanns Verband die Bundesregierung „intensiv und aktiv“ dabei unterstützt, dass der Kampf gegen Meeresvermüllung auf die Agenda von G7 und G20 gekommen sei. Auch entwickelten derzeit viele hiesige Kunststofferzeuger in Ländern wie Indonesien oder Malaysia Systeme, „um den Kunststoffen einen Wert zu geben, damit die Leute, die den Müll sammeln, das auch mit Motivation betreiben und hinterher mit den Kunststoffen was gemacht wird.“

Damit sprach Baunemann die Recycling-Quote an, die laut UN-Schätzung weltweit bei gerade einmal neun Prozent liegt - in Deutschland beträgt sie etwa 36 Prozent und soll nach dem neuen Verpackungsgesetz jetzt auf 58,5 Prozent und ab 2022 auf 63 Prozent steigen.

Für Baunemann ist klar: „Wir haben den Erfolg der Kunststoffe in viele Regionen der Welt ermöglicht, aber den verantwortungsvollen Umgang in die Welt haben wir nicht mit exportiert.“ In Sachen Abfallwirtschaft und Biokunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen müssen ihm zufolge „Optimierungen stattfinden“.

Auch Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau werden in Plastik umhüllt ausgeliefert - eine Zuschauerin legte den Finger in diese Wunde.

Damit allein sei es „nicht getan“, sagte Ellen Gunsilius, GIZ-Expertin für Abfall- und Kreislaufwirtschaft. Im Auftrag der Bundesregierung hat die GIZ bereits in Ghana daran mitgearbeitet, dass 95 Prozent des Elektroschrotts von Einheimischen gesammelt werden – und damit für sie eine sichere Einkommensquelle geschaffen. Für die GIZ sei das auch ein Konzept für Länder, in denen Plastik noch nicht wirtschaftlich recycelt wird.

Zugleich nahm Gunsillius die Kunststoffhersteller in die Pflicht. „Die Industrie hat ein Angebot gemacht und die Leute haben es angenommen. Aber muss man Dinge anbieten, die nicht unbedingt notwendig sind?“ Als Beispiel nannte sie Nespresso-Kaffeekapseln. Dafür erntete Gunsilius viel Applaus.

Kaffeekapseln kämen der TV-Moderatorin und Botschafterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt, Shary Reeves, vermutlich auch nicht ins Haus. Ihre Kleidung trage sie jedenfalls bewusst ohne Tüte aus dem Laden nach Hause und werde dafür am Ausgang auch schon mal von der Security angehalten. Ihr Credo: „Wir sind als Konsumenten in einer sehr großen Verantwortung.“ Darüber müsste es ihr zufolge viel mehr Aufklärung geben, auch und gerade in Schulen. So gehörten die Themen Umwelt und Klima fix in die Lehrpläne.

Erich Groever, Umweltingenieur der NGO „One Earth – One Ocean“, verband Verbraucher- und Herstellerverantwortung mit dem Vorschlag einer Art Ökobilanz auf Plastikverpackungen, die die Verbraucher dazu bewegen könnte, gewisse Produkte gar nicht erst zu kaufen. Mit seinem Verein fängt der Umweltaktivist auf umgebauten Katamaranen unachtsam entsorgten Plastikmüll an Flussmündungen auf – beispielsweise in Kambodscha. Dort sei die Chance, das Plastik herauszufischen, bevor es in den Ozeanen landet, am größten. Auf hoher See sei das eine Sisyphusarbeit, zumal die Kunststoffe entweder auf den Meeresboden sänken oder in Mikroplastik zerfielen.

Ein besonderes Problem sieht Groever in Plastikmüll wie Netzen und Schnüren aus der Fischerei, die eine „fatale Doppelwirkung“ hätten: Sie seien besonders langlebig und eine erhebliche Gefahr für die Meeresbewohner, die sich daran verfingen und qualvoll verendeten. Derlei Bilder drehten auch dem Kunststoff-Lobbyisten Baunemann „den Magen um“, wie er beteuerte. Die Industrie habe jedoch erkannt, wie angekratzt ihr Ruf wegen der Müllfluten sei. Seine Zukunftsprognose: „Wenn es uns nicht gelingt, diese Probleme zu lösen, dann machen wir irgendwann in Deutschland das Licht aus.“

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