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Kampf gegen Plastikmüll: Die Ampel-Regierung bringt Ideen mit

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Von: Hanna Gersmann

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Allein in Deutschland fielen im Jahr 2019 knapp 6,3 Millionen Tonnen Plastikmüll an.
Allein in Deutschland fielen im Jahr 2019 knapp 6,3 Millionen Tonnen Plastikmüll an. © imago images/H. Tschanz-Hofmann

Die geplanten Maßnahmen der neuen Bundesregierung gegen Plastikmüll sind sinnvoll, findet ein Vordenker der Kreislaufwirtschaft. Doch eine Sorge bleibt.

Frankfurt – Aus. Vorbei. Ab dem 1. Januar wird es an der Supermarktkasse keine Plastiktüten mehr geben so wie sie lange Standard waren – 2019 waren es zum Beispiel noch 1,49 Milliarden. Nur besonders stabile Mehrweg-Tüten und die dünnen Plastikbeutel, die an Obst- und Gemüsetheken zu finden sind, bleiben erlaubt. Es ist ein Schritt, um Kunststoffmüll zu vermeiden. Doch bleibt noch immer ein Berg – und Plastikmüll ein Problem. Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP wollen dies ändern. Nur: Taugt ihr Plan?

Anruf bei einem, der als Vordenker der Kreislaufwirtschaft gilt: Reinhard Schneider, Chef des Mainzer Unternehmens Werner & Mertz, neben den Schuhpflegemitteln der Marke Erdal auch bekannt für seine Frosch-Öko-Reinigungsmittel. Als Schneider – sein Vater war verstorben – das Familienunternehmen im Jahr 2000 übernahm, baute er radikal um. Er änderte die Inhaltsstoffe der Putzmittel. Vor allem beschäftigte ihn allerdings eins: die Verpackung.

Er entwickelte Flaschen, die zu 100 Prozent aus altem Plastik bestehen, darunter ein Rekordanteil von recyceltem Kunststoff aus dem Gelben Sack. 2019 erhielt er den Deutschen Umweltpreis. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ehrte ihn als „Pionier der Kreislaufwirtschaft“. Die Kreislaufwirtschaft ist sein Ding. Wer mit ihm telefoniert, merkt das sofort. Und: Er räumt auf – und manche Idee ab, die zunächst gut klingt.

Es ist unschlagbar billig, Plastik herzustellen

Dass Plastik zu schade sei zum Wegschmeißen, erklärt er am Anfang. Dass Mehrwegsysteme für Spülmittelflaschen – anders als für Bier, Milch, Saft – aber nicht taugten. Dass man dafür extra Rückgabeautomaten, extra Lagerräume, extra Laster bräuchte, weil das Lebensmittelrecht einem gemeinsamen Transport von leeren Flaschen etwa für Bier und jenen für Putzmittel entgegenstehe. Und dass auch Abfüllstationen, an denen Verbraucher:innen in Drogerien und anderen Läden mittlerweile ihre Putzmittel einfach abzapfen können, nicht so recht gegen Plastikmüll helfen würden. Denn die Kanister zum Auffüllen der Stationen seien aus schwerem Kunststoff. Schneider: „Am Ende brauchen Sie mehr Plastik, als wenn Sie Reinigungsmittel in dünnen Nachfüllbeuteln verkaufen.“

Schneider sieht nur einen Weg. An dem misst er auch die neue Regierung: Aus altem Plastik muss Neues entstehen, das Recycling gestärkt, Kunststoff länger im Kreislauf gehalten werden. Größte Hürde bisher: Es ist unschlagbar billig, Plastik herzustellen, es wird aus Erdöl gemacht, Steuern fallen keine an. So ist der wirtschaftliche Anreiz für eine Plastikwende gering, das Problem aber gewaltig.

Seit den 1960er Jahren ist die weltweite Plastikproduktion geschätzt von 1,5 Millionen auf 400 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen. Mittlerweile finden sich kleine und kleinste Teilchen im Wasser, im Boden, auch in der Luft wieder. Erst vor kurzem hat ein Team um die Gießener Korallenforscherin Jessica Reichert entdeckt, dass Korallen Mikroplastik dauerhaft in ihr Kalkskelett einbauen. Allein in Deutschland fielen laut dem Umweltbundesamt im Jahr 2019 knapp 6,3 Millionen Tonnen Plastikmüll an, die Hälfte davon waren Verpackungen.

Ampel-Koalition: Hersteller sollen Plastikabgabe zahlen

SPD, Grüne und FDP haben sich mit ihrem Koalitionsvertrag nun grundsätzlich vorgenommen, dass Produkte länger im Umlauf bleiben und „langlebig, wiederverwendbar, recycelbar und möglichst reparierbar sein“ sollen. Dafür wollen sie auch eine „Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie“ auflegen. Das ist alles nicht falsch, bleibt allerdings vage. Aber das ist nicht alles. Für Schneider ist „entscheidend und überfällig“: Recycling soll sich in Zukunft besser rechnen.

Konkret geht es ihm um zwei Punkte. Erstens: Künftig soll den Hersteller:innen und Inverkehrbringenden von Plastik die Plastikabgabe in Rechnung gestellt wird, die die EU schon seit Anfang dieses Jahres erhebt. Das sind 80 Cent je Kilo unrecyceltem Plastikverpackungsmüll, der im jeweiligen Land anfällt. In Deutschland macht das derzeit im Jahr etwa 1,4 Milliarden Euro. Noch werden diese aus dem Bundeshaushalt bezahlt, sodass sich Hersteller:innen wenig kümmern müssen, ob ihre Verpackungen aus Altplastik sind oder die Produkte sparsamer verpackt werden können.

Zweitens verspricht die Ampel, „ressourcenschonendes und recyclingfreundliches Verpackungsdesign sowie den Rezyklateinsatz“ künftig mit einem „gesetzlich verankerten Fondsmodell“ zu belohnen. Grob vereinfacht: Alle Hersteller:innen von Plastikverpackungen zahlen künftig in einen Fonds ein, die Rückzahlung daraus bekommen jedoch nur diejenigen, die Rezyklate einsetzen. Das ist alles „gut, ja ideal“, sagt Schneider. Es bleibt für ihn jedoch eine Sorge.

Chemisches Recycling: Keine ökologische Maßnahme

Im Koalitionsvertrag heißt es auch: „Wir nehmen chemisches Recycling im Verpackungsgesetz als Recyclingoption auf.“ Große Kunststoffhersteller:innen wie BASF setzen darauf, dass sie Plastik wieder in ihre molekularen Grundbausteine zerlegen und dann wieder neu zu Plastik zusammensetzen können. Das aufwendige Sortieren verschiedener Kunststoffmaterialien zum Beispiel entfiele. Doch Schneider kritisiert das als „den falschen Weg“.

Nur: Warum? Könnte es nicht eine Art Durchbruch sein für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft? Schneider sagt: „Die Technik gibt es noch gar nicht im großen Stil. Und selbst, wenn sie mal kommen sollte, verbraucht sie Unmengen an Energie. Das ist einfach nicht ökologisch. Und es geht in den meisten Fällen anders, bei Verpackungen auf jeden Fall.“ Sein Unternehmen zeige das. Jeder könne es sich anschauen. Die Koalition wird sich nun über die Details beugen müssen. (Hanna Gersmann)

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