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Kunststoffindustrie

Plastik noch dreckiger als gedacht

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Rund fünf Prozent der Treibhausgasemissionen weltweit gehen auf das Konto von Kunststoffen. Vor allem die Plastikproduktion in Schwellenländern ist problematisch.

Frankfurt – Die Nutzung von Plastik boomt weltweit. Die globale Nachfrage danach hat sich seit 1980 vervierfacht. Doch das Image des so vielfältig genutzten Materials ist schlecht. Besonders seit im vergangenen Jahrzehnt die Bilder der gigantischen Plastikmüllstrudel durch die Medien gingen, die sich auf den Weltmeeren gebildet haben. Doch nicht nur der Abfall ist ein wachsendes Problem. Eine neue Untersuchung zeigt, dass die Kunststoffindustrie auch für einen beachtlichen Teil der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, nämlich für fast fünf Prozent. Der CO2-Fußabdruck von Plastik ist damit in etwa doppelt so groß, wie in Ökobilanzen bisher angenommen wurde.

Der größte Teil dieser Emissionen – rund 96 Prozent – entsteht laut der Untersuchung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) bei der Produktion der Kunststoffe, zumeist aus Erdöl oder Erdgas, teils aber auch aus Kohle. Das Verbrennen des Materials respektive der Energieaufwand für das Recycling machen dagegen nur einen geringen Anteil aus.

Für das Jahr 2015, auf das sich die Untersuchung bezieht, kalkulierten die Forschenden den Anteil auf rund zwei Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent oder 4,5 Prozent. Allerdings steigt der CO2-Ausstoß in diesem Sektor weiter an. Die Autor:innen der Studie gehen davon aus, dass die globale Plastikproduktion bis 2030 um 40 Prozent wachsen wird, ausgehend vom Basisjahr 2015. Erschienen ist die Untersuchung jetzt im Fachmagazin „Nature Sustainability“.

Plastikmüll in Äthiopien: Die globale Kunststoffproduktion wird laut einer Studie bis 2030 gegenüber 2015 um 40 Prozent wachsen.

Plastik: Der Verbrauch fossiler Energie bei der Herstellung wird stark unterschätzt

Für ihre Studie bilanzierte das Team die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus der Kunststoffe – von der Gewinnung fossiler Ressourcen über Verarbeitung und Verwendung bis zur Entsorgung, einschließlich Verbrennung und Deponierung. Es zeigte sich, dass der CO2-Fußabdruck vor allem wächst, weil die Kunststoffproduktion in Schwellenländern wie China, Indien, Indonesien und Südafrika boomt, deren Energieversorgung stark auf Kohle beruht. Die Prozesswärme und der Strom für die Plastikherstellung stammen hauptsächlich aus dieser Quelle. Teils wird Kohle dort auch als Rohstoff für Kunststoffe verwendet.

Die ETH-Expertin Livia Cabernard erläutert: „Bisher ging man vereinfachend davon aus, dass für die Herstellung von Kunststoffen etwa so viel fossile Energie benötigt wird, wie in den Rohstoffen des Kunststoffs enthalten ist – vor allem Erdöl.“ Damit werde der Verbrauch durch die Herstellung jedoch stark unterschätzt. Tatsächlich wird laut der Untersuchung dabei doppelt so viel fossile Energie verbrannt, wie als Rohstoff im Plastik enthalten ist.

Die Ökobilanz der Kunststoffe hat sich auch deswegen verschlechtert, weil reiche Staaten sie zunehmend aus Entwicklungs- und Schwellenländern importieren. So sind laut dem ETH-Team die Treibhausgasemissionen aus der Plastikproduktion in der EU in den vergangenen Jahren zwar gesunken. Das liege aber vor allem daran, dass mit der Produktion auch die damit verbundenen Emissionen ausgelagert werden. Zwei Drittel des CO2-Ausstoßes, der bei der Herstellung von in der EU genutztem Plastik entsteht, werden danach in anderen Teilen der Welt ausgestoßen – vor allem in China und im Nahen Osten. Diese gehen also nicht in europäische Emissionsstatistiken ein. Ein ähnliches Bild ergibt sich laut der Studie für Länder wie die USA, Australien und Kanada.

Die Kunststoffproduktion.

Hinzu kommt als Problem, dass durch den Trend zur Kohle auch die weiteren negativen Umweltfolgen wachsen. Bei der Kohleverbrennung entsteht unter anderem Feinstaub, der Asthma, Bronchitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen kann. Da immer mehr Kohle für Prozesswärme, Elektrizität und als Rohstoff für die Kunststoffherstellung verwendet wird, nähmen auch die negativen Folgen für die Gesundheit zu, so die ETH-Studie.

China: CO2-Bepreisung könnte Anreize zu erneuerbarer Energie schaffen

Doch wie könnte der Öko-Fußabdruck der weltweiten Plastikproduktion verringert werden? Dazu müssten vor allem die erneuerbaren Energien in den Ländern mit hoher Plastikproduktion wie China ausgebaut werden, rät das ETH-Team. Dabei könne eine konsequente CO2-Bepreisung helfen, durch die CO2-intensive Produkte teurer würden. Das setze Anreize für die Hersteller, in sauberere Produktion zu investieren. Alternative Materialien wie Bioplastik halten die Expert:innen hingegen kaum für eine Lösung. Diese hätten häufig eine noch schlechtere Umweltbilanz als herkömmliche Kunststoffe.

Die EU-Kommission arbeitet seit 2018 an einer Strategie, die Umwelt- und Klimafolgen von Plastik zu verringern, als Teil ihres Aktionsplans zur Kreislaufwirtschaft. Danach sollen Einwegkunststoffe reduziert und bis 2030 alle in der EU genutzten Kunststoffverpackungen wiederverwendet oder recycelt werden können, außerdem soll die Umweltverschmutzung durch Mikroplastik sinken.

Plastik: Ampel schreibt höhere Recyclingquoten fest

Die künftige Ampelkoalition in Deutschland plant eine „nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie“, die auch den Kunststoffsektor betrifft. So will sie ein ressourcenschonendes und recyclingfreundliches Verpackungsdesign sowie den Einsatz von Recyclingplastik fördern. „Wir schreiben höhere Recyclingquoten und eine produktspezifische Mindestquote für den Einsatz von Rezyklaten und Sekundärrohstoffen auf europäischer Ebene fest“, heißt es im Koalitionsvertrag. Das würde unter anderem bedeuten, dass weniger Altplastik als bisher verbrannt wird.

Letzteres hält auch der Experte Andreas Köhler vom Öko-Institut Freiburg für überfällig, der die Ergebnisse der ETH-Studie daraufhin analysiert hat. Daraus werde klar, „wie wichtig es ist, Kunststoffabfälle stofflich anstatt nur energetisch durch Müllverbrennung zu verwerten“, sagte er. Die Nutzung von Plastikmüll als Ersatzbrennstoff sei doppelt ungünstig, da hierbei zu dem bereits in der Herstellung eingetretenen Klimaeffekt auch der durch das bei der Verbrennung entstehende CO2 hinzuzurechnen sei. „Kunststoffrecycling kann helfen, die vorgelagerten CO2-Emissionen der Herstellung zu vermeiden.“ Laut Umweltbundesamt wird in Deutschland bisher rund die Hälfte aller Kunststoffe bei der Entsorgung verbrannt. (Joachim Wille)

Rubriklistenbild: © Stefan Trappe/imago

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