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Die Plastik-Fischer von Amsterdam

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Von: Fabian Scheuermann

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An Bord von Booten der Firma „Plastic Whale“ wird aus den Amsterdamer Grachten Plastikmüll geangelt. Das Unternehmen recycelt den Fang und macht sogar Gewinne.
An Bord von Booten der Firma „Plastic Whale“ wird aus den Amsterdamer Grachten Plastikmüll geangelt. Das Unternehmen recycelt den Fang und macht sogar Gewinne. © Franzi Schädel

Immer mehr Initiativen und Unternehmen engagieren sich gegen Plastik in Meeren und Flüssen – manche verdienen sogar Geld damit. So etwa die Plastikfischer, die die Grachten in Amsterdam sauber halten und mit dem gesammelten Plastik Geld verdienen.

Es ist noch gar nicht lange her, da sah Marius Smit aus wie ein klassischer Banker: mit glatt rasiertem Kinn, feinem Hemd und glänzenden, nach hinten gegelten Haaren. Heute trägt der Niederländer Dreitagebart und Jeans und hat seinen Job bei der Bank hinter sich gelassen – stattdessen sammelt er Plastikmüll aus den Grachten Amsterdams. Er bezeichnet sich selbst als „ersten professionellen Plastikfischer der Welt“.

Smits Sinneswandel begann vor fünf Jahren während einer Reise durch Indonesien: Über Nacht waren Unmengen von Plastik an dem Sandstrand aufgetaucht, wo Smit eigentlich ins Wasser steigen wollte – ein Unwetter hatte den bunten Müllberg an das Ufer getrieben. Der Kontrast zwischen unberührter Natur und den Abfällen setzte sich in Smits Kopf fest – und so begann er zu Hause in Amsterdam, sich mit der Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll auseinanderzusetzen. Und er überlegte, was er selbst vor der eigenen Haustür dagegen tun könnte. Seine Idee: öffentlichkeitswirksam Plastik aus Amsterdams Grachten fischen und den Müll anschließend recyceln. „Ich wollte da anfangen, wo der Müll herkommt, denn wenn das Plastik im Ozean angelangt ist, hast du es verloren“, sagt Smit. Er gründete das Unternehmen „Plastic Whale“, und bald schon baute er sein erstes Boot aus Holz und recyceltem Grachtenplastik. Er hatte aus etwas vermeintlich Wertlosem etwas Wertvolles geschaffen.

Das war 2011. Heute – fünf Jahre nach dem Erlebnis am Strand – verdient Smit mit „Plastic Whale“ seinen Lebensunterhalt. Drei seiner Schiffe sind mittlerweile in Amsterdams Grachten unterwegs, und im Hafengelände hat Smit eine Halle gemietet, wo einfarbige, noch brauchbare Plastikteile – etwa PET-Flaschen – recycelt werden. Der Rest geht an die Stadtwerke.

Müllfischen fürs Wir-Gefühl

Unternehmen wie Starbucks, Tommy Hilfiger oder auch die Amsterdamer Kriminalpolizei buchen Smits Boote, um ihre Angestellten mit Fischernetzen Plastik aus den Grachten fischen zu lassen. „Die Leute lieben das“, sagt Smit. Denn man ist an der frischen Luft, kommt auf spaßige Art seinen Kollegen näher und tut dabei noch etwas Gutes. Die Arbeitgeber schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie zeigen gesellschaftliche Verantwortung und stärken das Wir-Gefühl unter den Mitarbeitern.

Der Erfolg kann sich sehen lassen: 3000 Leute sind schon auf Smits Booten gefahren – zusammen haben sie über 35 000 Plastikflaschen aus dem Wasser gefischt und 560 Müllsäcke befüllt. „Es läuft“, sagt Smit und deutet auf eines seiner elektrisch betriebenen Schiffe, das gerade durch die Prinsengracht – Amsterdams größten Kanal – schippert. Mehrere Männer und Frauen rangeln mit ihren Fangnetzen um Plastikteile im Wasser. „Es geht darum, ein Bewusstsein für das Thema zu wecken“, sagt Smit. Vom Erfolg angestachelt, überlegt er nun, mit „Plastic Whale“ zu expandieren – etwa nach London, Sydney oder Berlin.

Plastic Whale ist nur eine von vielen privaten Initiativen zur Verringerung des Plastikmülls in den Gewässern. Für Aufsehen haben in den letzten Jahren die Pläne des Niederländers Boyan Slat gesorgt: Der 21-Jährige mit den zerzausten Haaren hat einen Plan entwickelt, wie man die Weltmeere von einem Teil des Plastikmülls befreien könnte. Slat schlägt vor, an den Stellen, wo sich strömungsbedingt besonders viel Plastik sammelt, gigantische Anlagen zu bauen, die den Müll aus dem Wasser filtern, aber Fischen und Plankton nichts antun. 38 000 Menschen glaubten an die Idee und spendeten an Slats Projekt „The Ocean Cleanup“ per Crowdfunding zwei Millionen US-Dollar. So können Wissenschaftler und Umweltorganisationen weiter an dem Großprojekt arbeiten.

Kleinere Wellen schlagen die Aktionen von Stephan Horch aus dem rheinland-pfälzischen Winningen. Seit drei Jahren paddelt der Fotograf regelmäßig mit seinem Kajak die Mosel entlang und sammelt Plastikmüll aus dem Fluss. Die teilweise skurrilen Fundstücke – Horch hat schon Schuhe, Bauhelme oder buntes Sexspielzeug aus der Mosel gefischt – arrangiert der Aktivist in Collagen, die er fotografiert, um so künstlerisch auf das Problem Plastikmüll im Wasser aufmerksam zu machen. Wie Smit will Horch mit seinem „Clean River Project“ vor allem zum Nachdenken anregen.

Nicht nur Horchs Kunst, sondern auch die Zahlen sprechen für sich: Von den jährlich weltweit über 200 Millionen Tonnen produziertem Plastik landen nach Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) mehrere Millionen Tonnen in den Weltmeeren. Das Umweltbundesamt schätzt, dass sich alleine in den Tiefen der Nordsee rund 600 000 Kubikmeter Plastikmüll befinden.

Auch die Grachten Amsterdams sind voller Plastik. Kaum jemand weiß das besser als die Bootsführerin Kik. Die Mittfünfzigerin mit den kurzen blonden Haaren steuert regelmäßig Boote von Plastic Whale durch die Kanäle. Sie kann sich noch daran erinnern, was in ihrer Jugend los war, wenn damals jemand ins verdreckte Wasser fiel: „Er wurde ins Krankenhaus gebracht.“ Vieles ist seitdem besser geworden, sagt Kik und deutet während der Fahrt durch die Grachten auf einen Pulk junger Leute, die johlend ins kühle Nass springen. „So etwas“, sagt Kik, „wäre in meiner Jugend undenkbar gewesen“.

Tödlich für Vögel und Fische

Während Amsterdams Grachten also sauberer sind als früher, sammelt sich andernorts – etwa im Nordpazifik – immer mehr Müll. Und das hat Folgen: Laut Umweltbundesamt sterben weltweit jedes Jahr mindestens eine Million Seevögel und über 100 000 andere marine Spezies am Plastikmüll – entweder, weil sie nicht verdaubare Plastikteile mit Nahrung verwechseln oder weil sich die Tiere in Verpackungsmaterialien oder Abfällen aus der Fischerei verheddern. Bei der Zersetzung geben zudem manche Kunststoffe laut Umweltbundesamt „giftige und hormonell wirksame Zusatzstoffe“ wie Weichmacher oder UV-Filter an die Meeresumwelt und die Organismen, die das Plastik aufnehmen, ab. Das kann auch für die Menschen ein Problem sein, die Fische und andere Meerestiere essen.

Immerhin: Das Bewusstsein für das Problem Plastikmüll im Wasser wächst. So nehmen sich außer Umweltaktivisten und Forschern mittlerweile auch größere Unternehmen des Themas an – wohl auch, weil sich mit „nachhaltigen“ Produkten und Aktionen gut werben lässt.

So arbeitet beispielsweise der belgische Waschmittelhersteller Ecover mit Smits Firma Plastic Whale zusammen: Ab Oktober werden in ausgewählten Filialen der deutschen Drogeriekette dm Ecover-Spülmittelflaschen verkauft, die zu zehn Prozent aus recyceltem Grachtenplastik bestehen. Ein höherer Anteil ist nicht machbar, weil das wiederverwendete Material durch die Witterung brüchig geworden ist. „Wir wollen als Hersteller, der auf Verpackungen aus Plastik angewiesen ist, an einer Lösung des Problems mitarbeiten“, sagt Ecover-Produktentwickler Tom Domen.

Schon jetzt bestehen die meisten Plastikflaschen bei Ecover aus einer Mischung aus Zuckerrohr-Plastik und Plastik von recycelten PET-Flaschen. „Langfristig“, sagt Monique Klebsattel von Ecover Deutschland, wolle man generell auf die Verwendung von Primärressourcen verzichten. Für Marius Smit ist die Zusammenarbeit mit Ecover reizvoll – auch wenn weder die belgische Firma noch sein mächtig hippes Recycling-Unternehmen damit die Weltmeere säubern werden. Aber darum geht es auch nicht.

„Es geht um Aufmerksamkeit“, betont Smit noch einmal. Darum, dass jemand, der einmal mit Plastic Whale unterwegs war, beim nächsten Einkauf vielleicht auf die Plastiktüte verzichtet.

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