„The Ocean Cleanup“

Plastik abfangen, bevor es ins Meer gelangt: Boyan Slat nimmt Flüsse ins Visier

Große Bühne: Boyan Slat präsentiert in Rotterdam den Spezial-Katamaran, der das Plastikmüll aus Flüssen holen soll.
1 von 3
Große Bühne: Boyan Slat präsentiert in Rotterdam den Spezial-Katamaran, der das Plastikmüll aus Flüssen holen soll.
Der 25-jährige Niederländer lässt trotz Rückschlägen nicht locker.
2 von 3
Der 25-jährige Niederländer lässt trotz Rückschlägen nicht locker.
3 von 3
  • schließen

Boyan Slat gründete „The Ocean Cleanup“, um die Ozeane von Plastik zu befreien. Jetzt nimmt der Niederländer die Flüsse in den Blick: Ein Katamaran mit Fangarmen soll Plastikmüll abfangen, bevor der das Meer erreicht. 

Der Plastikfischer Boyan Slat lässt sich von Rückschlägen nicht entmutigen. Die von dem jungen Niederländer gegründete Organisation „The Ocean Cleanup“ will nun auch die neue Einleitung von Plastikmüll in die Weltmeere stoppen, die zumeist über Flüsse geschieht. Entwickelt wurde dafür ein Spezial-Katamaran mit Fangarmen – genannt „The Interceptor“ (Abfangjäger). Er soll auf den Flüssen einsetzt werden. „Wir haben jetzt ein System, das Plastik einfangen kann“, sagte Slat.

Der Niederländer ist durch sein Projekt bekannt geworden, mit dem er die Weltmeere von den gigantischen Plastikstrudeln befreien will, die sich dort in den vergangenen Jahrzehnten gebildet haben. Mehrere Versuche mit den dafür konzipierten Müllfang-Anlagen im größten dieser Strudel – dem „Great Pacific Garbage Patch“ – scheiterten jedoch. Anfang Oktober dann meldete Slats Truppe aber einen ersten Erfolg. Das Aufsammeln der Teile aus dem Müllteppich habe geklappt, hieß es, allerdings offenbar erst mit kleineren Mengen.

Mit dem neuen Projekt will Slat das Problem nun an der Wurzel packen – bei der Einleitung. „Um das Plastik in den Ozeanen wirklich loszuwerden, müssen wir sowohl die Überreste beseitigen als auch den Zulauf stoppen, indem wir verhindern, dass neues Plastik überhaupt in die Meere kommt“, sagte er.

Von dem Spezial-Katamaran sind bisher vier Stück gebaut worden. Die Boote sind mit einer bogenförmigen Auffang-Einrichtung ausgerüstet, die den im Wasser schwimmenden Kunststoff-Müll sammelt. Pro Tag sei es möglich, damit 50.000 Kilogramm aus dem Wasser zu holen, was rund einer Million Plastikflaschen entspreche, erläuterte Slat. „Unter optimalen Voraussetzungen könnten wir sogar das Doppelte schaffen“, sagte er. Die Entwicklung der Boote dauerte den Angaben zufolge vier Jahre. Sie werden mit Solarenergie betrieben, haben Akkus zur Stromspeicherung und können so 24 Stunden am Tag eingesetzt werden.

Slats Organisation plant, die neue Einfangtechnik innerhalb der nächsten fünf Jahren auf besonders belasteten Strömen einzusetzen. Rund 80 Prozent des Plastikmülls gelangten über 1000 der 100 000 weltweit existierenden Flüsse in die Ozeane, ermittelte sie in einer Studie, vor allem in Asien und Afrika. Zwei der Katamarane sind laut „The Ocean Cleanup“ derzeit bereits in Indonesien und Malaysia im Einsatz, ein weiterer wird demnächst in Vietnam im Mekong-Delta Plastik fischen. Der vierte „Interceptor“, der jetzt in Rotterdam der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, geht in die Dominikanische Republik. Ein weiterer soll für Thailand gebaut werden, auch für die USA (genauer: Los Angeles County in Kalifornien) gibt es Verhandlungen.

Slat, der inzwischen 25 Jahre alt ist, arbeitet bereits seit sieben Jahren an seiner Mission, die Weltmeere von Plastik zu säubern. Er schaffte es – unter anderem per Crowdfunding – Millionen Euro an Spenden für sein Cleanup-Projekt einzusammeln. Seine Organisation entwickelte U-förmige-, 600 Meter lange Fangarme, die, gesteuert durch die Meeresströmung, Plastikabfälle zusammentreiben und aufnehmen sollen. Doch die vor einem Jahr im Pazifik angelaufenen Tests scheiterten mehrfach. Hauptgrund: Die eingesammelten Plastikteile schwammen immer wieder aus den Fangarmen heraus.

Erst eine Neukonzeption mit mehr Fangarmen und einem „Unterwasser-Fallschirm“ brachte Anfang Oktober den ersten Erfolg. Slats Team sammelte größere Kunststoffteile ein, darunter Stühle, Helme und Netze, aber auch Mikroplastik von einer Größe von einem Millimeter. Die Tests sollen noch bis Dezember fortgesetzt werden. Sollten sie erfolgreich sein, will Slat mehrere dieser Anlagen bauen lassen. Das Konzept von „The Ocean Cleanup“ sieht vor, dass das Plastikmateriel dann an Land gebracht und dort recycelt wird.

Der 25-jährige Niederländer lässt trotz Rückschlägen nicht locker.

Andere Experten bezweifelten von Anfang an, dass Slats System wirklich so viel Plastik einsammeln kann, dass die riesigen Müllteppiche auf den Ozeanen tatsächlich beseitigt werden können, wie es das Ziel des Niederländers ist.

Kritisiert wurde erstens, dass es immer wieder Plastikmüll-Nachschub gibt, und zweitens, dass ein Großteil des Kunststoffs mit seinem System gar nicht angegangen wird, weil der Müll sich unter Einwirkung von Sonne, Salzwasser und Wellengang zerreibt und als Mikroplastik in tiefere Wasserschichten sowie auf den Meeresboden sinkt. Zumindest der ersten Kritik könnte Slat mit seinem neuen Projekt nun den Wind aus dem Segeln nehmen.

Experten verweisen allerdings darauf, dass eine wirklich nachhaltige Lösung darin bestünde, in den Entwicklungs- und Schwellenländern effektive Sammel- und Recyclingsysteme für Plastik aufzubauen. „Das ist machbar, in den Industrieländern ist das Standard“, meint zum Beispiel der Hydrogeologe Christian Schmidt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ). Größte Einzelquelle für Meeresplastik ist nach einer UFZ-Studie der Jangtsekiang in China, der alleine bis zu rund 1,7 Millionen Tonnen pro Jahr ins Meer befördert. Zum Vergleich: Beim größten deutschen Fluss, der Elbe, sind es maximal 570 Tonnen. Einen Vorteil haben Slats Abfangjäger allerdings: Sie einzusetzen geht schneller, als die Müllsysteme auf Vordermann zu bringen.

Alles im Fluss

Die Kunststoffproduktion beträgt weltweit rund 320 Millionen Tonnen jährlich. Im Meer landen davon laut UN-Umweltprogramm rund acht Millionen Tonnen. Nur 20 Länder sind für rund 83 Prozent des nicht sachgemäß behandelten Plastikmülls verantwortlich. China steht in absoluten Zahlen an der Spitze, gefolgt von Indonesien, den Philippinnen, Vietnam und Sri Lanka. Als einziges Industrieland befinden sich die USA unter den Top 20, rechnet man alle Küstenländer der EU zusammen, kommen diese auf Rang 18.

Der Großteil des Plastiks in den Meeren wird laut einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung von nur zehn großen Flüssen weltweit „angeliefert“. Acht davon befinden sich in Asien: Amur, Hai He, Yangtse, Gelber Fluss, Perlfluss,

Ganges, Indus, Mekong. Die beiden restlichen Flüsse (Nil und Niger) sind in Afrika. Gemeinsam ist allen: Sie sind sehr lang, an ihren Ufern liegen Megacities mit insgesamt Hunderten Millionen Menschen, und das Abfallmanagement in den Länder ist mangelhaft. jw

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare