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Pipi im Taka-Tuka-Land

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Von: Stefan Behr

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Anstehen bei Hollister.
Anstehen bei Hollister. © Michael Schick

Die Modekette Hollister erlaubt Mitarbeitern auch ohne Prozess den unbeaufsichtigten Gang zur Toilette. Nach Protesten des Betriebsrates hat das US-Unternehmen die Begleitung durch Wachleute vorläufig eingestellt. Diese Regelung gilt allerdings nur in Frankfurt.

Die Modekette Hollister erlaubt Mitarbeitern auch ohne Prozess den unbeaufsichtigten Gang zur Toilette. Nach Protesten des Betriebsrates hat das US-Unternehmen die Begleitung durch Wachleute vorläufig eingestellt. Diese Regelung gilt allerdings nur in Frankfurt.

Vermutlich ist am Dienstag ein großer Druck gewichen, der auf manchen Angestellten der Modefirma Hollister lastete. Der angekündigte Prozess vor dem Frankfurter Arbeitsgericht jedenfalls fiel aus. Unternehmen und Betriebsrat einigten sich im Vorfeld, und siehe da, es läuft doch: Zumindest die Frankfurter Hollister-Beschäftigten dürfen künftig ohne die Aufsicht durch einen Wachmann pinkeln gehen.

„Bettys“ und „Dudes“

Juristisch liest sich das so: „Hollister wird es unterlassen, Mitarbeiter bei Toilettengängen durch Security-Mitarbeiter begleiten und kontrollieren zu lassen, solange hierüber keine Betriebsvereinbarung abgeschlossen wurde oder sich eine Einigungsstelle zu diesem Regelungsbereich gebildet hat.“

Bei Hollister geht es nämlich nicht bloß vor den Kulissen lustig zu. Obwohl es da schon recht munter ist, wie My-Zeil-Besucher wissen. Dort stehen meist halbnackte Angestellte vor der Pforte, vor der eine lange Schlange schnatternder Backfische auf Einlass wartet. Hollister ist nämlich cool. So cool, dass das Unternehmen seine Klamotten nicht an Mädchen und Jungen, sondern an „Bettys“ und „Dudes“ verkauft.

Hinter den Kulissen wird es aber offenbar noch viel toller. Bereits im April dieses Jahres hatten sich Unternehmen und Frankfurter Betriebsrat in letzter Sekunde vor dem Arbeitsgericht geeinigt. Damals ging es um regelmäßige Taschenkontrollen der Mitarbeiter, die nach Auffassung ihrer Arbeitgeber wohl klauen wie die Raben. Das vorläufige Ergebnis: Die als demütigend empfundenen Kontrollen wurden erst einmal ausgesetzt und finden jetzt nur noch stichprobenartig statt – bis zu einer abschließenden endgültigen Betriebsvereinbarung, versteht sich. Bis dahin hat sich Hollister ein lustiges Spiel einfallen lassen. Beschäftigte müssen nach Feierabend würfeln. Wer eine Vier würfelt, wird kontrolliert. Jeder andere Wurf gewinnt.

Bizarre Details

Am Rande dieses Schauspiels vor dem Arbeitsgericht kam damals noch ein andere bizarres Detail ans Licht. Denn die Hollister-Beschäftigten leiden nicht nur unter sozialer Kälte, sondern auch unter den Klimaanlagen, die vom Mutterkonzern Abercrombie & Fitch aus den USA ferngesteuert werden und für Temperaturen sorgen, die für Flip-Flop- und Shorts-Träger nur wenig bekömmlich sind. Der jüngste Vorwurf gegen die Mitarbeiter, das regelmäßige Randalieren auf dem stillen Örtchen, wird jetzt wohl anderweitig geklärt.

Und mit der Praxis, dass Security-Leute die potenziell randalierenden Angestellten bis auf den Abort verfolgen dürfen beziehungsweise müssen, ist erst einmal Schluss. Was bleibt ist der Zwang, auf der Arbeit selbstgekaufte Hollister-Kleider zu tragen. Und die regelmäßige Überwachung durch „Testkäufer“, die kontrollieren, ob die Beschäftigten brav ihre vorgegebenen Begrüßungsfloskeln an den Kunden weitergeben. Und eine Öffentlichkeitsabteilung von Abercrombie & Fitch, gegen die die NSA geradezu schwätzsüchtig wirkt.

Der Frankfurter Betriebsrat war lange Zeit der einzige seiner Art in Deutschland. Nach Auskunft der Gewerkschaft Verdi gibt es mittlerweile noch einen in Ludwigshafen. Eine mögliche Erklärung für die Zurückhaltung auf Arbeitnehmerseite könnte die nackte Angst vor dem Arbeitgeber sein.

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