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Pinterest-Chef Ben Silbermann (links, hier zusammen mit Lauren Goode von Wired) will Menschen inspirieren.

Pinterest-Gründer Ben Silbermann

„Der Sinn von Technologie ist, das Leben zu bereichern“

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Pinterest-Chef Ben Silbermann spricht im Interview über Inspirationen für Menschen, den Lärm des Internets und sein Ziel, Nutzer offline zu bekommen.

Zufällig begegnen wir uns bereits auf dem Flur. Ben Silbermann hat sich gerade einen Kaffee geholt. Die Begrüßung gerät mehr als herzlich. Silbermann ist der wohl freundlichste und bescheidenste Star der Tech-Welt. Er freue sich, dass man sich die Zeit nehme, mit ihm zu reden, sagt einer, der 2019 vermutlich einen der aufregendsten Börsengänge des Jahres hinlegen wird. Silbermann ist Chef und Mitgründer von Pinterest, einem Online-Netzwerk, auf dem Menschen Inspirationen und Ideen sammeln und teilen. Es hat global mehr als 250 Millionen Nutzer, wird mit zwölf Milliarden US-Dollar bewertet, und wächst immer schneller. Skandale blieben bisher aus. Auf der Technologiekonferenz Web Summit erläuterte Silbermann uns, was bei Pinterest anders läuft.

Ben, Ihr Web Summit-Profil sagt, dass Sie sich für Ethik interessieren.
Für Ethik?

Ja.
Das sagt es?

Ja.
Oh, das wusste ich nicht (lacht).

Wie beeinflusst Ethik die Art und Weise, wie Sie Geschäfte machen?
Der Sinn von Pinterest ist es, Menschen zu inspirieren. Sie zu inspirieren, ein Leben zu kreieren, das sie wirklich lieben. Ich denke, dass Inspiration ein universelles menschliches Bedürfnis ist. Jeder braucht es. Wir hatten das Gefühl, dass ein Werkzeug, das speziell dafür entwickelt wurde, diese Inspiration zu liefern, gut für die Menschen ist.

Man sagt aber auch, dass Pinterest nicht ist, wie all die anderen Silicon-Valley-Gründungen.
Ich denke, Pinterest ist in einigen Dingen ein bisschen anders als andere Unternehmen. Unsere Art, wie wir über Nutzer denken, ist anders. Wir glauben, dass der Sinn von Technologie ist, das Leben zu bereichern, nicht das Leben zu verkonsumieren. Wir möchten nicht, dass die Leute den ganzen Tag auf Pinterest herumhängen und Bilder durchstöbern. Unser Ziel ist, unsere Nutzer zu inspirieren und sie dann offline zu bekommen, damit sie in der realen Welt etwas ausprobieren. Da sind wir wirklich anders. Wir haben auch den Eindruck, dass die Menschen viele Werkzeuge haben, um zu kommunizieren und sich selbst darzustellen, aber sie haben nicht besonders viele Mittel, um sich selbst zu erforschen. Also wollen wir, dass Pinterest ein Ort ist, wo man über die eigenen Interessen, die eigene Zukunft, die eigenen Hoffnungen und Träume nachdenken kann, ohne das Gefühl haben zu müssen, von anderen beurteilt zu werden oder cool aussehen zu müssen.

Es heißt, dass es Ihnen sehr wichtig ist, ihre Nutzer wirklich zu verstehen.
Ich möchte, dass jeder, der bei uns im Unternehmen arbeitet, darauf fokussiert ist, wie das Produkt in das Leben unserer Nutzer passt. Das ist einfacher gesagt als getan. Wir verwenden viel Zeit darauf herumzureisen, um die Menschen bei sich zu Hause zu treffen und zu verstehen, wie sie Pinterest nutzen und was sonst noch in ihrem Leben passiert. Wenn man einen Menschen nicht in Gänze versteht, ist es sehr schwierig, ein Produkt verantwortungsbewusst zu bauen. Wir bringen auch Menschen aus verschiedenen Städten in unser Büro, damit sie uns ihre Geschichten erzählen.

Was unterscheidet Sie noch?
Wir versuchen ein Umfeld zu kreieren, in dem Menschen aus verschiedenen Disziplinen gut zusammenarbeiten können. Wir stellen üblicherweise Menschen ein, die nett sind. Keine Arschlöcher. Der lauteste oder versierteste Redner zu sein, ist nicht gleichbedeutend damit, immer Recht zu haben. Sie können ruhig sein und trotzdem gute Ideen haben. Wir versuchen sicherzustellen, dass auch die Ruhigen gehört werden. Das ist bei uns schon ein bisschen anders als bei vielen Technologiefirmen, die dazu neigen, eine ziemlich feindselige Alltagskultur zu haben.

Was haben Sie aus den Gesprächen mit Ihren Nutzern gelernt?
Die Leute sehnen sich nach einem Ort im Netz, wo sie sie selbst sein können. Viele Menschen sagen uns, dass sie Social Services wie Facebook und Snapchat nutzen, und dass sie sie mögen. Aber sie lieben Pinterest, weil sie bei uns frei sind zu träumen.

War das immer Ihre Idee von Pinterest?
Ja. Man sagt, Gründer kreieren oft Produkte, die ihre Persönlichkeit reflektieren. Und viel von meiner Persönlichkeit und der meines Mitgründers Evan sind in unserem Produkt enthalten. Wir sind beide etwas introvertierter, also geht es bei Pinterest nicht darum, großes Aufsehen zu erregen. Wir sind beide sehr visuell, also ist das Produkt sehr visuell. Und wir haben beide sehr viele Interessen, also ist Pinterest so designt, dass man so viele Interessen haben kann, wie man will. Es gibt nichts, was die Nutzer einschränkt.

Warum betonen Sie, dass Pinterest eine ‚Sammlung von Ideen’ sei, während andere von einem sozialen Netzwerk sprechen?
Wir sprechen so über uns, wie unsere Nutzer über uns sprechen. Und die reden oft davon, dass wir eine Sammlung von Ideen seien. Das Nutzergefühl ist wirklich anders als anderswo. Wenn Sie bei Instagram ein Foto hochladen und es bekommt nicht viele Likes, fühlt sich das wirklich schlecht an. Wenn sie bei uns ein Foto hochladen, spielt die Zahl der Likes keine Rolle. Sie machen es einfach, weil sie das Erlebnis inspirierend fanden.

Was sind die aktuellen Trends auf Pinterest?
Es ist gerade ziemlich spannend. Denn Pinterest ist jetzt eine globale Plattform. Wir haben jetzt mehr Nutzer außerhalb der USA als in den USA. Die Trends unterscheiden sich je nach Land. Eine interessante Sache ist, dass Halloween ein globales Phänomen geworden ist. Japan, Westeuropa, Brasilien, wir sehen es überall. Sich verkleiden und Party machen, scheint ein wirklich globales Phänomen zu sein. Das war lustig für mich zu sehen.

Wird Politik auf der Plattform geteilt?
Nicht so viel wie auf anderen Plattformen. Jede Plattform hat ihr Gravitationszentrum. Für uns sind das visuell ansprechende Inspirationen fürs Leben. Bei Twitter geht es um Politik und Nachrichten.

Pinterest hat mehr Nutzerinnen als Nutzer. Was ist Ihre Erklärung dafür?
So war das von Anfang an. Und das ist etwas, worauf ich wirklich sehr, sehr stolz bin. Denn es gibt nicht viele Produkte, von denen Frauen das Gefühl haben, dass sie mit Blick auf ihre Bedürfnisse und Interessen designt wurden. Es war übrigens auch von uns keine Absicht, aber ich war hocherfreut, dass es so gekommen ist.

Wie verändert sich die Nutzerstruktur?
Anfangs hatten wir viele Mütter, jetzt sehen wir viele Eltern. Und wir sehen viele Menschen, die Pinterest nutzen, wenn sich in ihrem Leben etwas verändert – ein neuer Job, eine Trennung, eine neue Wohnung. Unsere dritte Gruppe sind kreative Professionelle. Das begann mit Innenausstattern, jetzt haben wir Filmregisseure, Architekten und Designer.

Wie wichtig ist der europäische Markt in Ihren Plänen?
Wir sind sehr glücklich mit unserem Wachstum in Westeuropa. Doch wir müssen sehr überlegt vorgehen, denn Pinterest verbreitet sich nicht wie ein soziales Netzwerk. Sie laden nicht einfach ihr privates Adressbuch hoch, und dann – boom – sind alle ihre Freunde dabei. In jedem Markt müssen wir sicherstellen, dass sich das Produkt lokal anfühlt: dass wir hochwertige, lokale Inhalte haben und dass es gut übersetzt ist. Also, wir gehen von Land zu Land. Deutschland war eines der fünf ersten Länder außerhalb der USA, gemeinsam mit Frankreich, Brasilien, Japan und Großbritannien.

Welche Neuerungen kommen als nächste?
Wir wollen sicherstellen, dass wir den Nutzern Pins (Bilder, die Red.) zeigen, die sehr, sehr personalisiert sind. Dafür haben wir stark in maschinelles Lernen und Computer Vision investiert. Unsere visuelle Suche liefert nun bessere Ergebnisse, als wenn ein Nutzer per Stichwort sucht. Zum ersten Mal können Sie einen Bildausschnitt wählen, zum Beispiel einen Stuhl innerhalb eines Wohnzimmerfotos, und sich vergleichbare Stühle anzeigen lassen. Das produziert immer bessere Nutzererlebnisse. Wenn sie Pinterest öffnen, soll es sich anfühlen, als ob alles, was sie sehen, für sie handverlesen wurde. Und von dort aus sollten sie zu weiteren Dingen gelangen, die sich genauso anfühlen. Die Menschen nennen es, den Pinterest-Kaninchenbau herunterfallen. Sie gehen von einem Ding zu einem anderen.

Birgt das nicht das Risiko, süchtig zu werden?
Ich denke nicht. Für die Menschen ist es wie visuelles Brainstorming. Sie wissen nicht genau, was sie suchen, aber wenn sie die Dinge sehen, formt sich allmählich eine konkrete Vorstellung. Wenn sie die haben, wollen wir sicherstellen, dass sie das, was sie auf Pinterest entdeckt haben, auch im echten Leben erleben können. Das bedeutet auch: Wenn es um ein Produkt geht, verlinken wir die Nutzer zunehmend mit Websiten, wo sie es kaufen können.

Wenn Sie Bilder mit Onlineshops verknüpfen, wird Pinterest zu einer Art Marktplatz. Birgt das nicht das Risiko, das Pinterest-Gefühl zu zerstören?
Es ist witzig, dass Sie diese Frage stellen. Denn das Erste, was wir hören, wenn wir die Nutzer fragen, was wir besser machen können, ist: Es frustriert mich so, wenn ich auf Pinterest etwas sehe, was ich haben möchte, und es nicht bekommen kann. Deshalb denke ich, dass unser neues Angebot das Nutzererlebnis nicht verschlechtert, sondern verbessert. Natürlich müssen wir es gut machen, aber langfristig wird es das Produkt für die Menschen wertvoller machen.

Warum wird Pinterest gerade jetzt groß?
Es ist ja viele Jahre lang nicht so schnell gewachsen während Facebook abgehoben hat. Wir hatten erwartet, dass wir etwas anders wachsen würden. Es ist ja wie gesagt kein virales Produkt, das sich explosionsartig verbreitet.

Es gibt Gerüchte hinsichtlich eines baldigen Börsengangs von Pinterest.
Ich kann sagen, dass unsere Absicht ist, ein unabhängiges, börsennotiertes Unternehmen zu werden. Aber wir haben nichts, was wir heute ankündigen könnten.

Zur Person

Ben Silbermann, 36, ist Chef und Mitgründer von Pinterest, einem Online-Netzwerk, auf dem Menschen Bilder teilen und sammeln – zum Beispiel von Reisen, Architektur oder Mode. Silbermann ist in Des Moines, Iowa, aufgewachsen – einem landwirtschaftlichen Zentrum der USA. Er hat an der Eliteuniversität Yale Politikwissenschaft studiert. 2010 startete er mit seinen Mitgründern Evan Sharp und Paul Sciarra Pinterest. Das Netzwerk hat nun mehr als 250 Millionen Nutzer. Es wird mit zwölf Milliarden US-Dollar bewertet. Silbermann lebt mit Frau und Kindern in San Francisco.

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