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Setzt auf Soft Skills: Martin Stork.

Cockpit Coaches

„Piloten sind Führungskräfte“

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Der ehemalige Flugkapitän Martin Stork hat eine Firma gegründet, die arbeitslosen Kollegen hilft, neue Perspektiven außerhalb des Cockpits zu entwickeln.

Die Corona-Pandemie hat der Luftfahrtbranche besonders zugesetzt. Tausende Piloten sind weltweit von heute auf morgen arbeitslos geworden, ihre Zukunft ist über Jahre hinweg unklar. Martin Stork, selbst ehemaliger Kapitän, hat im März als Antwort auf die Krise gemeinsam mit einem Partner die Firma Cockpit Coaches gegründet, um Piloten in dieser schwierigen Zeit zu helfen und ihnen neue Perspektiven außerhalb des Cockpits aufzuzeigen.

Herr Stork, liefern Piloten jetzt wirklich Pizza aus, weil sie nichts anderes finden?

Tatsächlich hatten wir Kollegen in unserem Programm, die anfangs Essen ausgefahren sind, weil sie unbedingt schnell wieder arbeiten wollten. Andere verschicken wahllos 30 Bewerbungen. Die Frage ist, wie sinnvoll das ist. Ich würde sagen, die meisten haben mehr Potenzial.

Momentan sind die Alternativen aber knapp. Welche Möglichkeiten haben Piloten, die ohne Job dastehen?

Piloten sind Fachexperten und natürlich sehr spezialisiert. Im fliegerischen Umfeld gibt es derzeit kaum Optionen und die Cockpits von Privatjets und Cargomaschinen sind ebenfalls voll besetzt. Aber die Piloten können mit ihren Soft Skills und Kenntnissen punkten. Sie sind Führungskräfte, gut in Kommunikation, in zügiger Entscheidungsfindung, im Zeit-Management und kulturellen Verständnis. Kein Studium kann die Erfahrung im Cockpit ersetzen, die Piloten über Jahre gewonnen haben.

Aber wo könnten sie konkret arbeiten?

Überall dort, wo diese Qualifikationen wichtig sind. Piloten können etwa Unternehmen unterstützen, um zu schnelleren Entscheidungen zu kommen, darin sind sie geschult. Das kann in der Logistik- oder Cargobranche sein, aber auch im Consulting-Bereich als Berater. Genauso in der Medizin, schließlich können Verfahren im Cockpit Leben retten. Ein Kollege aus England hat zum Beispiel seine eigene Firma gegründet und unterstützt Unternehmen darin, Cockpitverfahren auf Managementebene zu integrieren.

Zur Person

Martin Stork , 40, aufgewachsen in Bad Nauheim, war 17 Jahre Pilot für verschiedene Fluggesellschaften. Von 2013 bis Ende 2019 war er Kapitän für die Fluglinie Norwegian und vertrat die Piloten als Vorsitzender der transnationalen Pilotenvereinigung „Norwegian Pilot Group“ weltweit. Zudem ist er ausgebildeter Coach. Cockpit Coaches gründete er im März zusammen mit dem Neuseeländer Nathan Seaward. Stork lebt aktuell in Kanada und auf Gran Canaria. jkö

Bieten die Airlines selbst oder andere Firmen Unterstützung an?

Es gibt Karriere-Berater, die etwa beim Lebenslauf helfen und viele Well-Being Programme. Bei Fluggesellschaften habe ich noch keine industrieübergreifenden Weiterbildungskonzepte gesehen. Das ist natürlich auch ein Kostenfaktor, die haben genug Probleme.

Wie helfen Sie den Piloten?

Wir begleiten sie von Anfang an, wenn die Kündigung kommt, bauen auf und geben Unterstützung. Es geht ja einerseits um Emotionen, aber auch um finanzielle Absicherung. Ich vergleiche die Situation gerne mit einem Triebwerksfehler im Cockpit. Wir kümmern uns darum, die Maschine erstmal in sichere Fluglage zu bekommen. Die Familien werden auch mit einbezogen. Zudem helfen wir bei Lebensläufen und bereiten sie auf Vorstellungsgespräche vor. Es gibt auch einen Headhunter im Team. Gleichzeitig haben wir eine öffentlich Kampagne gestartet, warum Firmen Piloten einstellen sollten. Darüber hinaus arbeiten wir mit den Gewerkschaften und Fluggesellschaften zusammen. Denn wenn Abfindungspakete für Piloten attraktiver werden, haben alle Seiten etwas davon. Vier Monate dauert unser Programm mit Online-Kursen und Coaching.

Die neue Arbeit soll also keine Zwischenstation sein, bis die Piloten wieder fliegen können ?

Es geht schon darum, etwas Nachhaltiges zu finden. Falls sich die Branche wieder stabilisiert, können sie ja zurückkehren – aber währenddessen eine sinnhafte Tätigkeit ausüben. Vielleicht merken die Piloten auch, dass freie Wochenenden, mehr Zeit mit der Familie und frei von Jet-Leg zu sein gar nicht so schlecht ist. Eventuell fragen sie sich zum ersten Mal, ob es andere Möglichkeiten gibt, auch wenn der Beruf für viele ein Kindheitstraum war. Aber das ist eine individuelle Entscheidung, das Wichtige ist, dass sie die Möglichkeit haben zu wählen. (Interview: Judith Köneke)

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