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Pillen plus Gratis-Film

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Von: Martin Rücker

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Unternehmen dürfen für Arzneien nicht mit Präsenten werben.
Unternehmen dürfen für Arzneien nicht mit Präsenten werben. © dpa

Mit jeder Packung ein Gutschein für die Online-Videothek: So wirbt Pharmakonzern Stada für den Kauf von Medikamenten wie Grippostad. Experten halten das für einen Gesetzesverstoß.

Spielzeug zum Hamburger, Sammelfiguren zum Schokoladenei: Dass Unternehmen ihre Produkte mit kleinen Beigaben vermarkten, hat lange Tradition. Eher neu ist, dass sich auch Medikamentenhersteller auf dieses Terrain begeben – wie jetzt der Pharmakonzern Stada.

„Erhalte mit jeder Packung einen gratis Film!“, wirbt das Unternehmen mitten in der Schnupfenzeit unter anderem für sein Erkältungsmittel Grippostad. Je gekauftes Medikament bekommen die Käufer:innen einen Gutschein für ausgewählte Filme bei der Onlinevideothek Videobuster. Damit „unterstützt Grippostad Ihren Abverkauf“, trommelt Stada auch bei den Apotheken für seine „große Streaming Aktion“. Manche Online-Apotheke weist denn auch per Werbebanner auf das Lockangebot hin – bei anderen verursacht Stada hingegen starke Bauchschmerzen.

„Solche Kopplungsgeschäfte sind nicht üblich“, sagt der ehemalige Apotheker und Gründer der Stiftung für Arzneimittelsicherheit, Franz Stadler. Er sehe eine solche Methode, den Verkauf anzukurbeln, kritisch: „Es untergräbt das Standing von Arzneimitteln, wenn sie wie ein beliebiges Konsumprodukt beworben werden.“

Das ist noch der mildeste Kritikpunkt, denn nach Einschätzung von Expert:innen hat Stada sogar juristische Grenzen überschritten. Susanne Punsmann, auf Gesundheitswerbung spezialisierte Rechtsanwältin bei der Verbraucherzentrale NRW, hält die Aktion schlicht für „unzulässig“. Hintergrund: Das Heilmittelwerbegesetz verbietet es, „Zuwendungen und sonstige Werbegaben“ an den Arzneimittelverkauf zu knüpfen – ausgenommen sind nur „geringwertige Kleinigkeiten“. Auch Christiane Köber von der Wettbewerbszentrale geht nach erster Einschätzung von einem „Verstoß“ aus. Die Grenze für „geringwertige Kleinigkeiten“ werde von Gerichten auf etwa einen Euro angesetzt – ein Stream kostet bei Videobuster regelmäßig 3,99 Euro und damit deutlich mehr. Die Wettbewerbszentrale werde den Fall „weiter prüfen“.

Auf Anfrage geht der Pharmahersteller aus Bad Vilbel nicht darauf ein, ob das Lockangebot erlaubt ist. „Die Idee der Aktion ist, dass Erkältete bei einem Film entspannen, ausruhen und wieder zu Kräften kommen“, teilt der Konzern mit. Weil Video-on-demand-Dienste allgegenwärtig und „äußerst erschwinglich“ seien, sehe man keine Gefahr, dass die Medikamente nur gekauft würden, „um in den Genuss der Gratis-Filme zu kommen“. Zudem sei das Medikament selbst für Risikopatienten geeignet.

Doch neben rechtlichen löst die Werbung auch fachliche Bedenken aus. „Ich halte das für kriminell“, sagt der Schmerzmediziner Gerhard Müller-Schwefe. Er kenne für kein anderes Medikament eine vergleichbare Aktion. Dabei seien Kombipräparate aus mehreren Wirkstoffen in seinem Fachgebiet „hochgradig verpönt“, so der langjährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin. Er sehe die Gefahr von Abhängigkeiten und erheblichen Nebenwirkungen. „Das ist nicht harmlos“, sagt Müller-Schwefe, die aggressive Stada-Werbung sei daher „hochproblematisch“.

Nicht nur von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel ist überliefert, dass sie Teilnehmer:innen intensiver Verhandlungsrunden Grippostad empfohlen haben soll – das rezeptfrei erhältliche Produkt gehört seit Jahren zu den meistverkauften Erkältungsmitteln in Deutschland. Ähnlich lange steht es bereits in der Kritik. 2019 stufte die Stiftung Warentest Grippostad C Kapseln als „wenig geeignet“ ein: Der Mix von unter anderem einem Schmerzmittel und einem müde machenden Antihistaminikum, das über das Blut im Körper verteilt wird und dabei auch die Nasenschleimhaut abschwellen solle, sei „nicht sinnvoll“. Gegen Schmerzen und Fieber reiche Paracetamol allein“, bei Schnupfen aber seien Patienten mit Nasensprays besser bedient.

Generell, so die Warentester, seien Kombimittel oft „nicht sinnvoll und auch teuer“, lieber sollte jedes Symptom einzeln behandelt werden. Das bewertet der Arzt Müller-Schwefe genauso, und auch Verbraucherschützerin Punsmann sieht das Medikament „äußerst kritisch“: Grippostad sei vergleichsweise teuer, es enthalte einerseits unnötige Bestandteile und andererseits könnten „bereits gering überhöhte Dosierungen von Paracetamol die Leber schädigen“.

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