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Der Fischerdübel und sein Erfinder: 14 Millionen Stück werden täglich produziert.
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Der Fischerdübel und sein Erfinder: 14 Millionen Stück werden täglich produziert.

Arthur Fischer

Der pietistische Problemlöser

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Artur Fischer, Patent-König und Dübel-Erfinder, ist mit 96 Jahren gestorben. Mehr als 1100 Patente hat Artur Fischer erhalten. Rund 14 000 Produkte verkauft heute seine Unternehmen.

Bei dem Namen Artur Fischer rattert sofort die Vorurteilsmaschine los. Er wurde 1919 in Tumlingen geboren. Der Ort wird um 900 das erste Mal erwähnt. Heute hat er etwa 1000 Einwohner. Seit 1974 gehört er zur Gemeinde Waldachtal. Bei den letzten Wahlen gab es dort nur CDU und Freie Wählervereinigung. Wir befinden uns am Rande des Schwarzwaldes. Das war eine Weile eine der ärmsten Gegenden Deutschlands. Heute wirbt Tumlingen im Internet mit diesen Worten: „Nähert man sich Tumlingen aus östlicher Richtung von Horb her, hat man von oberhalb des Tumlinger Sees einen wunderbaren Panoramablick. Vorbei an den weltbekannten Fischerwerken geht der Blick auf die idyllische Ortsmitte. An den Hängen und zu den Seitentälern breitet sich das Wohngebiet aus.“

Das ist die Welt, aus der das Wirtschaftswunder kommt. Jeden Tag zum Beispiel allein 14 Millionen Dübel. Die Idylle gehört zur Industrialisierung dazu. Sie wird durch sie vernichtet und sie bringt sie immer wieder hervor. Wenn die Hälfte der Menschheit inzwischen in Großstädten, in Megacities lebt, dann wissen wir: Falls dort Wachstum kreiert werden sollte, muss es auf ganz neuen, bisher unbekannten Wegen geschehen.

Und um welche Vorurteile geht es? Die Schwaben. Diese Schwaben, Daimler, Bosch – alles Tüftler. Mehr als 1100 Patente hat Artur Fischer erhalten. Rund 14 000 Produkte verkauft heute seine Unternehmen, das inzwischen seinem Sohn gehört. Es ist eine gigantische Erfolgsgeschichte.

Die Deutschen neigen dazu, sich für das Volk der Dichter und Denker zu halten. Sie folgen damit dem Bild, das die französische Schriftstellerin Madame de Staël Anfang des 19. Jahrhunderts von ihnen zeichnete. Die Schwaben brachten das in diese Reimformel: „Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff, die sind bei uns die Regel, die fallen gar nicht auf.“

Das ist ein völlig falsches Bild von Deutschland und auch von Württemberg.

Die Geschichte Deutschlands seit dem 19. Jahrhundert ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte dank seiner Techniker und Erfinder, seiner Ingenieure und deren Geschäftssinn. Welche Rolle dabei die spezifischen Ausprägungen des Protestantismus zum Beispiel in Elberfeld und im Schwäbischen gespielt haben, darüber haben sich längst Vorurteile zum Beispiel den bastelnden Pietismus betreffend gebildet.

Wie oft schon ist die kalifornische Garage beschrieben worden, in der das Internetzeitalter geboren wurde? Die schwäbischen Bastelstuben des 19. Jahrhunderts sind den älteren Mitbürgern vertraut. Zum Beispiel aus der Biographie Robert Boschs, die Ex-Bundespräsident Theodor Heuss in den Jahren seiner inneren Emigration schrieb. Aber gibt es eine Arbeit oder auch nur eine Serie von Reportagen über die zahlreichen Garagen und Scheunen, in denen nach dem Krieg Neues entwickelt wurde?

Ein anderes Vorurteil ist unsere Rede vom Wiederaufbau. Die ist nicht ganz, aber doch vor allem falsch. Der wirtschaftliche Aufschwung der Bundesrepublik nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wäre so rapide nicht möglich gewesen, wenn man es beim bloßen Wiederaufbau belassen hätte. Man musste die Zerstörung nicht nur als etwas Schreckliches sehen, das es zu beseitigen galt. Man musste eine Chance darin erkennen, Neues zu schaffen. Dass das geschah, machte ein Wunder aus der Entwicklung der Bundesrepublik. Mit der puren Rekonstruktion des Alten hätte es das nicht gegeben. Auch die Tatsache, dass so viele Männer im Krieg umkamen, war nicht nur schrecklich, sondern auch eine Chance für die Jüngeren.

Alles begann in Tumlingen

Artur Fischer bringt 1958 den S-Dübel auf den Markt. Er gehört weltweit zu den erfolgreichsten Produkten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In einem erhellenden Interview, das Alexander Smoltczyk im „Spiegel“ mit ihm führte, warnt Fischer vor dem Nachahmen. Man muss „seine eigenen Wege suchen“, meinte er. Das kann mit so viel Überzeugung nur sagen, wer zum Beispiel auch den „Blitzwürfel“ für den Fotografen erfunden hat. Es ist ja nicht so, dass der eigene Weg unbedingt zum Erfolg führt. Nachahmend kann man sich da schon sicherer fühlen. Aber der eigene Weg zeigt einem auch, was alles nicht geht. Das hilft einem bei der weiteren Suche.

Fischerwerke gibt es inzwischen fast überall auf der Welt. In den Vereinigten Staaten, in Lateinamerika, in fast jedem europäischen Land, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Indonesien, China und Japan. Es fehlen also Afrika, Australien und die ganze Fläche zwischen Moskau und Peking. Alles begann in Tumlingen!

Die Hauptstadt mag sexy sein. Darüber gehen die Meinungen auseinander. Einig ist man sich freilich darüber, dass sie arm ist. Die Provinz macht Deutschland reich. Dort sind es nicht Menschen, die aus dem Geld anderer Menschen noch mehr Geld machen, in dem sie es anderem Geld hinterherschicken, sondern es sind die Tüftler, die nicht müde werden, sich kleine Verbesserungen, Erleichterungen auszudenken, nach denen weltweit nachgefragt wird.

Artur Fischer zog sich schon im Jahr 1980 aus der Geschäftsführung des Unternehmens zurück. Damals wurde sein 1950 geborener Sohn Klaus Fischer Gesamt-Geschäftsführer des Unternehmens. Unter seiner Leitung, so die Firmenselbstdarstellung, „entwickelte sich der noch stark auf Deutschland und auf Kunststoffdübel fokussierte Mittelständler zu einem global agierenden Unternehmen“. Man darf gespannt sein, ob das Familienunternehmen ähnlich erfolgreich in die dritte Generation gehen wird.

Am vergangenen Mittwoch starb Artur Fischer. Der pietistische Bastler soll heute das letzte Wort haben. Auf die Frage von Alexander Smoltczyk „Gibt es etwas, das Sie gern erfunden hätten?“, antwortete er Ende des Jahres 2014: „Man soll das machen, was einem gerade einfällt und was man braucht. Das Erfinden geht durch die Seele. Die Seele ist zugleich Empfänger und Spender. Wir sind ein Teil der Schöpfung, deswegen können wir mit ihr umgehen und uns zur Aufgabe machen, schöpferisch zu sein. Aus.“

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