Beim Obi Baumarkt in Landsberg bekommt jeder Kunde am Eingang einen Mundschutz.  
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Beim Obi Baumarkt in Landsberg bekommt jeder Kunde am Eingang einen Mundschutz.  

Baumärkte

Pflanzen, hämmern, streichen

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Der wochenlange eingeschränkte Lockdown hat zu einem Ansturm auf die Baumärkte und deren Online-Angebote geführt. Doch die Branche fühlt sich nicht als Krisengewinner.

Wartende Kunden mit Mund-Nasen-Schutz in einer langen Schlange vor einem Baumarkt. Und beglückt wirkende Kunden, die mit hochbeladenen Einkaufswagen aus dem Gebäude herauskommen. Das ist eines der markanten Bildmotive der Corona-Krise. Die Branche hat von Kontaktbeschränkungen profitiert. Doch nun befürchten Manager, dass die Umsätze im Laufe des Jahres wegbrechen könnten.

„Homeing“ ist in den vergangenen Wochen zu einem Schlüsselwort für Verhaltensänderungen geworden. Sich auf ein Leben zu Hause einrichten, wenn man im Homeoffice arbeiten muss, von Kurzarbeit betroffen ist und die Kinder von morgens bis abends bespaßt werden müssen. Was ist da naheliegender, als beherzt anzupacken? Zum Beispiel beim überwiegend schönen Wetter der vergangenen Tage zu graben, zu säen und einzupflanzen. Genau dies hat die Männer und Frauen in die Baumärkte getrieben. Erde, Dünger und Pflanzen hätten in jüngster Zeit zu den beliebtesten Produkten gezählt, sagt ein Sprecher der Baumarktkette Hornbach. Hinzu kämen – beinahe logisch – Gartenspielgeräte und Pools für den Nachwuchs.

Die Branchenlobby BHB bestätigt dies. Neben dem Grün- und Gartenbereich kommen zur hohen Nachfrage beim „Grundbedarf an systemrelevanten Sortimenten“ unter anderem Artikel zum Renovieren, Verschönern (beispielsweise Farben) und zum Reparieren. Letzteres insbesondere im Sanitär- und im Elektrobereich. Ferner habe es zeitweise eine Sonderkonjunktur für Materialien gegeben, mit denen Schutzvorrichtungen im Einzelhandel, in Restaurants oder Arztpraxen gezimmert wurden, also Absperrbänder, Folien oder Plexiglasscheiben.

Und selbst in den härtesten Phasen des Shutdowns konnten mehr als zwei Drittel der Baumärkte offen gehalten werden – wegen Systemrelevanz. „Die Kunden machten tatsächlich von den Einkaufsmöglichkeiten regen Gebrauch“, sagte BHB-Hauptgeschäftsführer Peter Wüst dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Beispiel Hornbach – einer der großen Fünf unter den hiesigen Baumarktketten und die Nummer eins in Europa. Das Unternehmen teilte am Mittwoch bei der Vorlage der Geschäftszahlen mit, dass sowohl der Umsatz als auch der Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit in den drei Monaten von Anfang März bis Ende Mai „erheblich über den Vorjahreswerten“ lagen. Und schon im Frühjahr 2019 liefen die Geschäfte gut. Konkrete Zahlen wurden allerdings nicht genannt.

Zwar sei das stationäre Geschäft in mehreren Ländern und Regionen teilweise mehrere Wochen unterbrochen gewesen, so das Hornbach-Management. Jedoch seien Einkäufe über den Onlineshop, das Abholen von online reservierter Ware sowie Umsätze mit gewerblichen Kunden weiterhin möglich gewesen. Die Hornbach-Leute sind auf das florierende Internet-Geschäft so stolz, weil die Baumärkte beim E-Commerce eher Spätstarter waren.

Auf jeden Fall: Im weiteren Verlauf des Frühjahrsquartals habe sich gezeigt, „dass die Corona-bedingten Umsatzeinbußen dank der hohen Umsätze in den wieder geöffneten Baumärkten mehr und mehr überkompensiert werden“. Was wohl auch mit den nach wie vor bestehenden Kontaktbeschränkungen zusammenhängt.

So erfreulich wie bei Hornbach dürfte es nicht überall gelaufen sein. Die jüngsten Entwicklungen in der Branche seien „alles andere als normal“, betonte Wüst. So hätten die Bau- und Gartenmarktbetreiber schon sehr früh „in einem deutlichen Akt der Selbstbeschränkung“ zur Sicherung der Beschäftigten und der Kunden ein sehr hohes Maß an Sicherheitsvorkehrungen getroffen, das die Maßnahmen der Lebensmittelbranche bei weitem übertreffe.

Gemeint sind vor allem Zugangsbeschränkungen, was zu den Schlangen am Eingang führte. Dies sei mit einem hohen Kostenaufwand verbunden gewesen. Zudem verzichteten die Unternehmen über Wochen nahezu flächendeckend auf Werbung, um „große Kundenballungen in den Märkten zu verhindern“. Höhere Kosten und gebremste Umsätze waren die Folge. Ob das Online-Geschäft dies überall mehr als ausgleichen konnte, wird von Branchenkennern bezweifelt. Es kursiert die Vermutung, dass auch unter den Baumarktbetreibern demnächst Insolvenzfälle auftreten könnten – vor allem die Kleineren mit wenig ausgeprägtem Online-Angeboten sind gefährdet.

Für Wüst ist indes klar: „Das Urteil, ob die Gartencenter und Baumärkte in 2020 eventuell mit einem blauen Auge davonkommen, wird am Jahresende gesprochen.“ Damit spielt er auf eine Verhaltensauffälligkeit der Kundschaft an, die viele Manager derzeit nervös macht: Der Kauf von Farbe und vielen anderen Produkten zum Verschönern und Renovieren ist höchst untypisch für das Frühjahr. So etwas wird normalerweise in den dunkleren Monaten gemacht. Gut möglich, dass nun – weil Zeit dazu war – Projekte vorgezogen wurden, die eigentlich für den Herbst geplant waren. Dann könnte der Frühjahrsboom als Nullsummenspiel enden.

Zugleich gibt es eine Gegenbewegung: „Homeing“ im Sommer 2020 – mit vielen unerwarteten Chancen, um Baumarktprodukte an die Frau und den Mann zu bringen. Doch hierfür müssen die Unternehmen nach Einschätzung von Branchenkennern erstmal Ideen und Marketingstrategien entwickeln und dann neue Sortimente aufbauen. Die Frage ist, ob das auf die Schnelle noch möglich ist. Der Hornbach-Vorstand jedenfalls sieht wegen „schwer abschätzbarer Auswirkungen der Corona-Krise erhebliche konjunkturelle Risiken“ für die nächsten Monate.

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