Landwirtschaft

Pestizide made in Germany

  • schließen

In der Europäischen Union sind die gefährlichsten Neonikotinoide mittlerweile verboten. Ihr Geschäft macht die hiesige Chemiebranche damit nun jenseits der EU.

DDT, Lindan, Neonikotinoide, all diesen Giften ist gemeinsam: Man verbot sie erst, als der Flurschaden für jeden unübersehbar wurde. Vor zehn Jahren wurde mit dem Bienensterben im Oberrheingraben klar, dass auch Neonikotinoide, die zu den Nervengiften zählen, eben nicht nur selektiv auf die „Zielorganismen“ wirken. Sondern die „Nebenwirkungen“ furchtbar sind.

Es dauerte zehn Jahre, bis wenigstens die drei heftigsten Neonikotinoide endgültig aus dem Verkehr gezogen wurden, was vor wenigen Wochen geschah. Was lehrt das? Die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln liegt im Argen. Zwar plant die EU mit einer Transparenz-Richtlinie eine Verpflichtung der Konzerne, alle Studien zu einem Wirkstoff offenzulegen – positive wie negative. Zudem soll die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa erstmals eigene Studien in Auftrag geben. Doch was bedeuten schon die dafür vorgeschlagenen 60 Millionen Euro im Vergleich zu den Forschungsetats der Agrarkonzerne? Zumal die Transparenzpflicht dort endet, wo das kaum definierbare Geschäftsgeheimnis beginnt.

Es wird sich also wenig ändern. Doch, eines: Deutschland wird allmählich nicht nur Fleisch-, sondern auch Pestizid-Export-Weltmeister für im Inland Verbotenes. Ob Schweinefleisch oder Milch: Der Selbstversorgergrad wird seit Jahren satt überschritten, Schnitzel und Milchpulver werden über die Welt verteilt.

Ähnlich nun bei Neonikotinoiden: Während der Binnen-Absatz der Insektizide seit dem Teilverbot von 2013 sank, stieg der Export drastisch an, und zwar von 1756 Tonnen in 2012 auf 2384 Tonnen in 2017. Produkte auf Basis von Neonikotinoiden seien in vielen Ländern zugelassen und „werden dort seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt“, sagt Utz Klages, Sprecher von Bayer Crop Science der FR. Klages nennt die USA, Mexiko, Brasilien und Argentinien, Indien, Japan und Australien als Kunden.

Überdies sank der Absatz im Binnenland weniger, als dies zu erwarten gewesen wäre: Er hatte sich trotz Teil-Verbots von 2013 nicht einmal halbiert und stieg in 2017 sogar wieder an. Das verwundert schon deshalb, weil Deutschland im Vorgriff auf die jetzt getroffene EU-Regelung bereits 2015 auch die Beizung von Wintergetreide untersagt hatte und im Wesentlichen neben dem Gewächshausanbau nur die Zuckerrübe übrig geblieben war.

Doch auch ein Verbot gilt in der EU nicht ewig: Über „Notfallgenehmigungen“, wenn also angeblich nichts anderes mehr hilft, kann ein nicht zugelassener Wirkstoff für 120 Tage doch noch erlaubt werden. In Deutschland gab es seit 2011 elf Notfallgenehmigungen mit Neonikotinoiden. Dabei betrafen die jüngsten Fälle weiter zugelassene Mittel, deren Anwendungspalette aber via Notfall ausgedehnt wurde.

In anderen Ländern, allen voran Rumänien, Finnland, Estland und Bulgarien, aber wurden etwa 2017 Ausnahmen für Neonikotinoide auch für Mais, Raps oder Sonnenblumen erteilt, Anwendungen, die dem Teilverbot von 2013 unterlagen. Glaubt man der Sendung „Unkraut“ des Bayerischen Rundfunks, dann war es weniger das Drängen der Landwirte, sondern der Druck der Konzerne, der Rumänien den Notfall erklären ließ. Die Efsa attestierte später, die gute fachliche Praxis, also Pflügen oder vielfältige Fruchtfolgen, hätten in vielen Fällen genügt, den Schaden abzuwenden. Auch ohne Chemie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare