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Die Bundesagentur für Arbeit startet eine Job-Aktion in sozialen Brennpunkten der Republik.
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Die Bundesagentur für Arbeit startet eine Job-Aktion in sozialen Brennpunkten der Republik.

Job-Aktion

Perspektive für Perspektivlose

  • VonStefan Sauer
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Die Bundesagentur für Arbeit startet eine Job-Aktion in sozialen Brennpunkten der Republik. 308 Jobcenter bundesweit beteiligen sich an der Aktion, um arbeitslosen Eltern zum Schulstart neue berufliche Perspektiven aufzuzeigen.

Es ist eine Welt jenseits von Wachstumsraten und Jobwunder. In dieser Welt leben drei von vier Kindern in Familien, die von Hartz-IV abhängig sind. Ein Viertel der ABC-Schützen hat aufgrund schwerwiegender Entwicklungsstörungen bereits eine Therapie hinter sich, doppelt so viele verfügen zum Zeitpunkt der Einschulung über nur ungenügende Kenntnisse der deutschen Sprache. Es ist eine Welt, in der Arbeit sich finanziell oft nicht lohnt, weil Friseurinnen 800 Euro im Monat erhalten und die Verkaufshilfen im Backshop nebenan vier Euro Stundenlohn. Bei solchen Entgelten bleiben auch Vollzeit-Beschäftigte auf zusätzliche staatliche Hilfe angewiesen – oder eben gleich zu Hause.

Es gibt viele solcher Welten in Deutschland: in der Uckermark und im Ruhrgebiet, in Bremerhaven, Köln-Chorweiler, Frankfurt-Nied und dem Münchner Hasenbergl. In Berlin-Neukölln aber konzentrieren sich soziale und wirtschaftliche Probleme so stark wie in keinem anderen Stadtteil der Republik. Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA), taucht am Dienstag ein in diese Welt, um die Aktion „Einstellungssache – Jobs für Eltern“ an der Neuköllner Karl-Marx-Straße zu begleiten. Insgesamt beteiligen sich 308 Jobcenter bundesweit, um arbeitslosen Eltern zum Schulstart neue berufliche Perspektiven aufzuzeigen. „Für die Kleinen beginnt mit der Einschulung ein neuer Lebensabschnitt. Wir wollen Eltern dabei unterstützen, dass auch sie die Chance auf einen Neustart wahrnehmen“, sagt Alt.

Lohnendes Unterfangen

Dass dies ein lohnendes Unterfangen sein kann, verdeutlicht der BA-Vorstand anhand zahlreicher Daten: Bundesweit seien 15 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren von Hartz IV abhängig. Fast eine Million dieser insgesamt 1,62 Millionen Minderjährigen wachsen in Haushalten mit nur einem Elternteil auf. Unter den bundesweit 625 000 Alleinerziehenden, die von der Grundsicherung abhängen, sind, das betont Alt, sehr viele mit guter Ausbildung. Die Hälfte von ihnen kann auf ein abgeschlossenes Studium verweisen oder hat einen Beruf erlernt. „Das ist ein ungehobener Schatz, den wir heben wollen und heben müssen“, sagt Alt.

Dass dies in sozialen Brennpunkten nicht so einfach ist, verdeutlicht Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Woher könne die Motivation, zu arbeiten, denn kommen, wenn die Löhne zum Leben nicht reichten? Wie sollten Kinder ihrer beruflichen Laufbahn mit Zuversicht entgegensehen, wenn ihre Eltern in der Welt von Hartz-VI und Minijobs gefangen seien? Und was, wenn nun auch noch monatlich 150 Euro Betreuungsgeld gezahlt werden, sofern Kinder nicht in die Kita gehen?

Buschkowsky fragt das nur rhetorisch. Er kennt die Antworten, auch die der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die einst das Betreuungsgeld als bildungspolitische Katastrophe bezeichnet hatte. Dabei geht es Buschkowsky um solch fatale Konsequenzen für die Kinder, wie Einschulungsuntersuchungen sie nahe legen. Danach weisen drei Viertel der Neuköllner Erstklässler, die zuvor keine Kita besucht hatten, gravierende Sprachdefizite auf. Nach zwei Jahren Kitabesuch sinkt der Anteil auf 50 Prozent, nach drei Jahren sind es nur noch 25 Prozent.

„Wir vernichten die Lebenschancen der Kinder, wenn wir Anreize schaffen, sie nicht in Vorschuleinrichtungen zu schicken“, sagt Buschkowsky. Mit dem steuerfinanzierten Betreuungsgeld produziere die Gesellschaft Jobcenter-Kunden von morgen. Stattdessen bedürfe es – „da sind mir die Gefühle der Eltern ehrlich gesagt ziemlich piepe“ – einer Kita-Pflicht. Andernfalls würden auch bundesweite Aktionstage der BA nicht viel helfen.

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