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Erdbeeren wachsen genug auf den Feldern. Doch sie könnten dieses Jahr sehr teuer werden. Michael Schick

Lieferketten

Personalmangel bei Obsternte

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Engpässe auch bei Schlachtbetrieben und Molkereien.

Julia Klöckner hat in diesen Tagen zwei Grundbotschaften. Die eine ist kurz und soll die elementarsten Ängste eindämmen: „Wir werden nicht verhungern“, sagt die Bundeslandwirtschaftsministerin bei jeder Gelegenheit. Die andere ist etwas ausführlicher und zeigt die Probleme der Agrarbranche in der Corona-Krise: „Eine Ernte wartet nicht, eine Ernte, die nicht reingeholt wird, kann man nicht nachholen. Und das, was nicht gepflanzt wird, das kann man dann auch nicht ernten. Das bereitet uns große Sorge.“

Sorgen bereitet der CDU-Politikerin vor allem eine Entscheidung ihres Unions- und Kabinettskollegen Horst Seehofer. Als Corona-Prävention hatte Seehofer verfügt, die Grenzen für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft kurzfristig zu schließen. Seit Mittwoch 17 Uhr wird niemand mehr hineingelassen.

Betroffen ist laut Klöckner vor allem der saisonale Gemüse- und Obstanbau. Und ausgerechnet dort kommt ein anderes Problem hinzu: Wenn wegen der Corona-Pandemie Lieferketten nicht mehr funktionieren und in den besonders schwer betroffenen Ländern Italien und Spanien der Gemüse- und Obstanbau leidet, könnten in Deutschland Engpässe auftreten.

Bei Obst und Gemüse liegt der Selbstversorgungsgrad nur bei 40 Prozent. Bei Kartoffeln, Getreide, Schweinefleisch und Milchprodukten liegt der Selbstversorgungsgrad indes bei weit über 100 Prozent.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, forderte, der Einreisestopp müsse so kurz wie möglich gehalten werden. Insbesondere die Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe bräuchten dringend Arbeitskräfte. „Es sieht schlecht aus“, sagt auch der Brandenburger Spargelbauer Jürgen Jakobs. Der Beelitzer Spargelverein, dem er vorsteht, hat eigens Flugtickets für rumänische Erntehelfer gebucht, doch noch längst nicht alle haben es vor Seehofers Einreisesperre nach Deutschland geschafft.

Die Ministerin sagte am Donnerstag, sie verhandele ständig mit Seehofer darüber, unter welchen Auflagen die Einreiseverbote wieder rückgängig gemacht werden könnten. Zudem dränge sie darauf, dass der Innenminister das Arbeitsverbot für Asylbewerber in der Landwirtschaft aufhebt.

Im März braucht Deutschland laut Klöckner in der Regel 30 000 Saisonarbeitskräfte, im Mai sogar 85 000. Sie warb erneut dafür, Asylbewerbern Arbeitserlaubnisse zu erteilen, wenn sie auf den Feldern arbeiten. Zudem regte sie an, Studierende als Erntehelfer einzusetzen und einen Anreiz zu schaffen, indem der Lohn nicht mit Bafög-Zahlungen verrechnet werde. Die AfD-Bundestagsfraktion forderte sogar, nicht nur Studierende, sondern zusätzlich auch Schüler ab der 10. Klasse auf den Acker zu schicken.

Auch bei Schlacht- und Zerlegebetrieben sowie Molkereien gibt es laut der Ministerin Engpässe. Dort sind viele Berufspendler aus Polen und Tschechien beschäftigt. Fahren diese jetzt über die Grenze, müssten sie in 14-tägige Quarantäne. Mehrere Bundesländer zahlen Auslandspendlern jetzt eine Aufwandsentschädigung, um sie im Land zu behalten. In Brandenburg sind das etwa 65 Euro pro Tag plus 20 Euro für jedes Familienmitglied, um Mehrkosten auszugleichen.

Währenddessen laufen die verschiedenen Erntehelfer-Vermittlungsportale anscheinend sehr gut an. Laut Klöckner werde die Website daslandhilft.de, an der ihr Ministerium beteiligt ist, geradezu überrannt. Binnen vier Tagen hätten sich dort bereits 20 000 Erntewillige registriert.

Die Saisonarbeitskräfte, die bereits in Deutschland sind, sollen ab sofort statt 70 nun 115 Tage sozialversicherungsfrei arbeiten dürfen. Wer Kurzarbeitergeld bezieht, darf übergangsweise bis Ende Oktober 2020 Nebeneinkünfte bis zur Höhe des bisherigen Nettolohns ohne Abzüge verdienen.

Die Hinzuverdienstgrenze von Vorruheständlern wird in der gesetzlichen Rentenversicherung deutlich angehoben und in der Alterssicherung der Landwirte vollständig aufgehoben. Bauern, die Schwierigkeiten haben, ihre Pacht zu bedienen, darf bis Ende Juni nicht einseitig gekündigt werden.

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