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Mitte 2018 fehlten der Deutschen Bahn 1200 Lokführer/innen.

Deutsche Bahn

Personal verzweifelt gesucht

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Die Verhandlungsposition der Lokführer war so stark wie nie. Sie konnten der Deutschen Bahn daher hohe Zugeständnisse abringen und freuen sich nun über mehr Geld und Freizeit.

Keine Streiks bis 2021. Eine kräftige Lohnerhöhung, höhere Zuschläge und bessere Arbeitsbedingungen. Darauf haben sich die Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL geeinigt. Wir erläutern, warum die Manager des Staatsbetriebs gar keine andere Wahl hatten, als auf die Forderungen einzugehen.

Wie viel mehr gibt es für die Beschäftigten?

Für die GDL-Mitglieder gelten die gleichen Entgelterhöhungen wie für die Leute von der konkurrierenden Eisenbahnergewerkschaft EVG. Für die 36 000 Beschäftigten des Zugpersonals gibt es eine Einmalzahlung von 1000 Euro im Februar und 3,5 Prozent mehr Geld von Juli an. Anfang 2020 kommen weitere 2,6 Prozent hinzu. Ab Anfang 2021 kann der zweite Teil der Gehaltserhöhung in zusätzliche Freizeit umgewandelt werden. Hinzu kommt eine Aufstockung der betrieblichen Altersvorsorge. Die Zulagen für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit werden um 1,5 Prozent erhöht. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit bis Ende Februar 2021.

Wie beurteilen die Tarifparteien den Abschluss?
GDL-Chef Claus Weselsky spricht von „erheblichen Verbesserungen in allen vitalen Belangen des Zugpersonals“. Die Einigung bedeute „insgesamt eine starke Wertschätzung für die Leistung unserer Beschäftigten“, sagte DB-Personalvorstand Martin Seiler. Pikant daran ist, dass noch vor einigen Monaten in einem internen Papier des Vorstandes schon deutlich geringere Aufschläge als zu hoch dargestellt wurden, da sie die Bahn in Bedrängnis bringen würden - zumal die Produktivität der Beschäftigten gesunken sei.

Warum akzeptiert der Vorstand nun die Erhöhungen?
Weil er keine andere Wahl hat. Der Vorstand steht mit dem Rücken zur Wand. Die Erhöhungen sollen auch dazu dienen, den Staatsbetrieb für Beschäftigte attraktiver zu machen. Denn die Bahn hat ein gigantisches Personalproblem. Mitte vorigen Jahres fehlten laut GDL allein 1200 Lokführer. Unter anderem wurden ferner mehr als 1000 IT-Experten gesucht. Auch bei der Wartung und Instandhaltung gibt es Engpässe in der Belegschaft. Riesige Berge an Überstunden sind entstanden. Die Bahn hat im vorigen Jahr begonnen, gezielt Studienabbrecher, ausscheidende Zeitsoldaten und Frauen und Männer, die älter als 50 Jahre sind, anzusprechen. 19 000 Beschäftigte sollten 2018 eingestellt werden, vor allem um Abgänge zu kompensieren. Insider vermuten, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte. In Ballungsgebieten ist es derzeit kaum möglich, überhaupt Personal zu rekrutieren. In Schleswig-Holstein mussten im September sogar Verbindungen eingestellt werden – wegen des Lokführermangels.

Wie soll der Mangel bekämpft werden?
Das Management hat mit den Arbeitnehmervertretern ein Paket namens „Zukunftsperspektive Zugpersonal“ beschlossen. Eine Werbekampagne ist geplant. Und es gehe darum, Qualifikation, Verantwortung und die Bezahlung „in einen sachgerechten Einklang“ zu bringen, erläutert Weselsky. Im Klartext ist damit gemeint, das eher bescheidene Gehaltsniveau insgesamt zu erhöhen und Arbeitsbedingungen zu verbessern. So soll das Grundgehalt für Lokführer-Einsteiger von Juli an um 210 Euro auf 2950 Euro brutto steigen. Das sei ein Schritt, um den dringend benötigten Nachwuchs zu gewinnen, betont der GDL-Chef. Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen hat seine Gewerkschaft auch festgezurrt, dass es eine strikte Trennung zwischen Berufs- und Privatleben geben soll. So bestehe außerhalb der Arbeitszeit nun ein „unanfechtbarer Anspruch auf Nicht-Erreichbarkeit“ – gemeint ist per Handy oder E-Mail.

Wer ist für die Misere bei der Bahn verantwortlich?
Die Misere hat viele Väter und Mütter. Enak Ferlemann (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, hat der Bahnführung massives Missmanagement vorgeworfen. Er hat auch personelle Konsequenzen angedeutet. Es geht dabei nicht nur um Personalmangel, sondern auch um eine heruntergekommene Infrastruktur und ein Zuständigkeitschaos bei den zahlreichen Tochterfirmen des Konzerns. Der Bahn-Vorstand soll nun bis März ein Konzept für einen umfänglichen Umbau des Staatsbetriebs entwickeln. Erste Ideen sollen noch in diesem Monat vorgelegt werden. Doch die Mitglieder der Bundesregierung müssen sich auch an die eigene Nase fassen. Mehrere Ministerien sind im Aufsichtsrat der Bahn vertreten, der eigentlich die DB-Führung kontrollieren soll. Und dort sitzen ferner drei Vertreter des Bundestages aus den Fraktionen von CDU/CSU und SPD. Der Bundesrechnungshof übte kürzlich heftige Kritik an Ferlemanns Chef, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU): Sein Haus wisse nicht, wie die Bahn die Subventionen vom Staat einsetze und wolle daran auch nichts ändern.

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