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Paris verstaatlicht Energie-Giganten

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Von: Stefan Brändle

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EDF-Zentrale in Paris.
EDF-Zentrale in Paris. © AFP

Der Energiekonzern EDF ist in einer desolaten finanziellen Lage. Der Staat muss nun die Rettung sichern.

Ich glaube zutiefst an die Zukunft der EDF“, beteuerte der französische Wirtschaftsminister Brune Le Maire am Donnerstag – als wolle er sich von seinen eigenen Worten überzeugen. Dem nationalen Stromkonzern geht es schlecht, so schlecht wie noch nie. Am Mittwoch hatte die Regierung in Paris seine Verstaatlichung zu 100 Prozent verkündet. Schon bislang hielt der Staat 83,9 Prozent an dem Konzern. „Angesichts von Krieg und kolossalen Herausforderungen müssen wir unsere energetische Souveränität garantieren“, erklärte Premierministerin Elisabeth Borne zur Begründung.

L e Maire sprach am Donnerstag von der Notwendigkeit, die „energetische Unabhängigkeit“ seines Landes abzusichern. Angesichts der weltweiten Gas- und Ölknappheit sei er gewillt, die Kontrolle über die nationale Energiepolitik zurückzugewinnen. Wie das Wirtschaftsministerium bekanntgab, wird EDF-Chef Jean-Bernard Lévy deshalb zurücktreten, „sobald sein Nachfolger gefunden“ sei. Der 65-jährige Konzernboss, seit acht Jahren an der EDF-Spitze, hätte an sich Ende 2023 in Rente gehen sollen.

Nur China Energy ist größer

D ie komplette Verstaatlichung der EDF offenbart indessen in erster Linie ihre desolate Finanzlage. Der zweitgrößte Energiekonzern der Welt hinter China Energy ist heute schlicht nicht mehr in der Lage, seine Existenz aus eigener Kraft zu sichern. Sein Niedergang binnen weniger Jahre ist frappierend. Das in Frankreich überall präsente Unternehmen mit 165 000 Angestellten war einst der industrielle Stolz der Nation, ein mächtiger, oft selbstherrlicher Staat im Staat, der sich von der Regierung nicht gern reinreden ließ und unangefochten über den zweitgrößten AKW-Park der Welt mit 57 Reaktoren herrschte. Jetzt muss Lévy zugeben, dass sein Unternehmen allein nicht mehr über die Runden kommt.

D ie zuvor schon horrende Konzernschuld ist binnen Jahresfrist um 40 Prozent auf 61 Milliarden Euro hochgeschnellt. Die Unterhaltskosten für die Atomkraftwerke – von denen derzeit die Hälfte wegen Korrosionspannen und Wartungsarbeiten stillsteht – steigen monatlich. Nicht besser ergeht es der neuen AKW-Generation: Der Druckwasserreaktor EPR in Flamanville (Normandie) kostet nun 19 Milliarden Euro, sechsmal mehr als einst geplant.

P räsident Emmanuel Macron hat selber zur Finanznot der EDF beigetragen. Er kündigte im Februar dieses Jahres den Bau von 14 neuen Reaktoren an, darunter sechs Druckwasserreaktoren EPR, die in etwa fünfzehn Jahren an das Netz gehen sollen und allein über 50 Milliarden Euro kosten.

Aktie ist abgestürzt

Z udem verhängte er eine Energiepreissperre, die nicht nur Privatkonzerne wie Total trifft, sondern auch EDF: Der Konzern ist heute gezwungen, Strom teilweise unter den Herstellungskosten weiterzugeben. Wenn sich das nicht rasch ändere, werde EDF „das Jahr nicht überleben“, warnte der EDF-Betriebsrat im Juni.

D as war nicht der erste Alarmruf. Die Regierung hatte die EDF schon im Frühling mit 3,1 Milliarden Euro rekapitalisieren müssen. Die Verstaatlichung von gut 16 Prozent börsengehandelter EDF-Titel dürfte den Staat nochmal fünf Milliarden Euro kosten. Auch die Aktieninhaber:innen haben viel Geld verloren: Bei der Teilprivatisierung von EDF im Jahr 2015 war das Papier noch 33 Euro wert; gegenwärtig sind es noch neun Euro.

D iese Zahlen belegen die finanziellen Motive der Verstaatlichung. Ein energiepolitischer Kurswechsel dürfte damit nicht einhergehen. Wie Premierministerin Borne diese Woche in ihrer Regierungserklärung klarmachte, setzt Frankreich weiter auf einen CO2-freien Energiemix aus Atom und Erneuerbaren, darunter 50 Offshore-Windparks. „Unsere Energiewende läuft über die Atomkraft“, sagte Borne.

D er Chef der – in der EDF historisch einflussreichen – Kommunistischen Partei Frankreichs, Fabien Roussel, erklärte am Donnerstag, die Verstaatlichung ändere nichts an der Unternehmensstrategie und stelle nur „eine verkappte Rekapitalisierung“ dar. Mit einem Unterschied: Die französische Energiepolitik mit ihrem zentralen AKW-Park wird ab sofort nicht mehr durch den Stromkonzern finanziert, sondern durch den Staatshaushalt.

D ieser Befund relativiert auch die Behauptung von Wirtschaftsminister Le Maire, die Preissteigerung im Energiesektor werde sich 2022 in Frankreich dank der Preisdeckelung auf vier Prozent beschränken; ohne Bremse würde sie, so Le Maire, „mehr als 35 Prozent“ betragen. In Wahrheit werden die Milliardensummen, mit denen der Staat die EDF stützen muss, natürlich von den Steuerzahler:innen getragen.

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