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Parafaktische Wahrnehmung

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Von: Jens Holst

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Mythen und Halbwahrheiten treiben Debatte um Einführung eines GKV-Systems für alle mit Beitragszahlungen auf sämtliche Einkünfte.

Als Wort des Jahres 2016 geistert „postfaktisch“ gegenwärtig durch die Gazetten. Gemeint ist der Hang, gefühlten Wahrheiten und Spekulationen mehr Glauben zu schenken als Tatsachen. Der Begriff ist indes inhaltlich unsinnig, die Idee käme viel treffender mit der Vorsilbe „para“ zum Ausdruck. Es geht ja nicht um Betrachtungen nach, sondern neben der Realität. Wie „paranoid“ neben der Wirklichkeit heißt, ist die drastisch abnehmende Bedeutung empirisch belegbarer Fakten besser als „parafaktisch“ beschrieben. Zudem hat die Vorsilbe „post“ immer eine zeitliche Dimension, aber das Wort des Jahres entbehrt der vermeintlichen Neuartigkeit.

Denn das beschriebene Phänomen ist alles andere als neu: Unzählige Beispiele für parafaktische Wahrnehmungen liefert die Gesundheitspolitik. Seit Jahrzehnten geistern unkaputtbare Mythen und Halbwahrheiten durch die Debatte. Parafaktische Mythentreiber zeigen beachtliche Zähigkeit und sind selbst durch beharrliche Aufklärung nicht zu bremsen. Jüngste Beispiele liefern die Reaktionen auf das soeben vorgelegte Konzeptpapier der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Einführung einer Bürgerversicherung, also eines GKV-Systems für alle mit Beitragszahlungen auf sämtliche Einkünfte.

Bürgerversicherungskritiker verweisen auf die angeblich segensreichen Wirkungen der privaten Krankenversicherung und des Wettbewerbs zwischen GKV und PKV, ohne Fakten wie deren extreme Verwaltungskosten und die ungleichen Wettbewerbsbedingungen zur Kenntnis zu nehmen.

Nicht fehlen darf natürlich der Hinweis auf schädliche Lohnnebenkosten durch zu Unrecht unterstellte höhere Beitragssätze, obwohl reale Berechnungen deren Auswirkungen auf den Arbeitslohn selbst im personalintensiven Handwerk im Eurocent-Bereich ansiedeln. Trotz globaler Finanzkrisen und rasanter Beitragserhöhungen der PKV halten deren Fans unbeirrbar am Glauben an Kapitaldeckung fest. Nur damit ließe sich die alterungsbedingte Kostenlawine finanzieren.

Fakt ist allerdings, dass die Menschen heute immer gesünder altern. Und die Kostenexplosion gehört eh ins Reich der Märchen. Fester Glaube ist durch Fakten nicht zu erschüttern, das war schon lange vor dem sogenannten postfaktischen Zeitalter so.

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin, Gesundheitswissenschaftler und gesundheitspolitischer Berater; zurzeit hat er eine Vertretungsprofessur an der Hochschule Fulda.

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