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Kokosnussverkäufer in Accra. Ghana gehört zu den Partnerstaaten des Compact with Africa.

Investitionen

Pakt mit den Guten

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Mit unternehmerischem Engagement in vorbildlichen Ländern Afrikas will die Bundesregierung die Entwicklung fördern. Das vertieft die Spaltung zwischen Muster- und Chaosstaaten.

Als aufmunternde Begleitmusik kann man es nicht bezeichnen. Einen Tag vor dem heutigen kleinen Afrika-Gipfel der G20, zu dem elf Staatschefs des Kontinents nach Berlin gereist sind, hat die Londoner Mo-Ibrahim-Stiftung ihren jährlichen Bericht über den Zustand der Regierungsführung in Afrika veröffentlicht: Er wird die Berliner Gäste nicht mit Stolz erfüllen. In den vergangenen zehn Jahren vermochte der Erdteil zwar seine Wirtschaftskraft um 40 Prozent zu steigern, rechnete die Stiftung des einstigen Telekom-Magnaten aus: Doch auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten für die sich rapide vermehrende Bevölkerung hat sich das Wachstum so gut wie gar nicht ausgewirkt.

Insgesamt verbesserten sich die Chancen, einen Job oder andere ökonomische Aktivitäten zu finden, lediglich um 0,2 Prozent – in fast der Hälfte der Staaten des Kontinents waren diese Chancen sogar rückläufig. „Die Botschaft ist klar“, sagte der sudanesische Dollarmilliardär Ibrahim bei der Veröffentlichung des zwölften Jahresberichts seiner Stiftung: „Afrikas immer zahlreicher und jünger werdende Bevölkerung braucht Hoffnung und Gelegenheiten. Ihre Führer müssen ihre Anstrengungen massiv verstärken, um eine Krise abzuwenden.“

Trotz der düsteren Begleitmusik wird sich die Bundesregierung, die derzeit den G20-Vorsitz innehat, von den Ergebnissen der Stiftung bestätigt fühlen. Angela Merkels Afrika-Team hat einen „Pakt“ mit einzelnen afrikanischen Staaten ausgearbeitet, der die wirtschaftlichen Gelegenheiten für die Bevölkerung verbessern soll: Und zwar vor allem mit Privatinvestitionen, die künftig in vorbildliche Länder fließen sollen – in Staaten wie Ghana, Tunesien, Marokko und Ruanda, nach Äthiopien oder Togo.

Wirtschaftsverbände wie die Subsahara-Afrika-Initiative der Deutschen Wirtschaft (Safri) und der mittelständische Afrika-Verein – die beide das heutige Treffen mitveranstalten – verweisen auch schon auf beachtliche Erfolge: Allein in diesem Jahr würden deutsche Firmen eine Milliarde Euro in dem Nachbarkontinent investieren, gab der Präsident des Afrika-Vereins, Stefan Liebing, bekannt: immerhin ein Zehntel des gesamten bisherigen Investitionsvolumens. Inwieweit Merkels „Pakt mit Afrika“ dafür überhaupt nötig war, weiß allerdings auch Liebing nicht genau zu sagen.

Schwerer wiegt jedoch ein anderes Problem. Die Investitionen fließen ausschließlich in vorbildliche afrikanische Staaten: Denn in die Problemnationen wird sich nach wie vor kein ausländischer Geschäftsmann wagen. So wird der Abstand zwischen Muster- und Chaosländern immer größer werden: Schon heute beklagt die Mo-Ibrahim-Stiftung diese „Divergenz“, die für neue Spannungen auf dem ohnehin turbulenten Erdteil sorgen könnte. In lediglich 15 der 54 Staaten des Kontinents machte die Stiftung Fortschritte in der Regierungsführung und den wirtschaftlichen Chancen für die Bevölkerung aus: Der Rest droht abgehängt zu werden.

Eine derartige „getrennte Entwicklung“, wie die weißen Südafrikaner einst ihre Apartheidpolitik nannten, scheint für die Bundesregierung Methode zu haben. Während den Musterstaaten der „Pakt mit Afrika“ zugutekommt (der keine Gelder vergibt, sondern lediglich für ein verbessertes Investitionsklima sorgen soll), ist für die Problemnationen der „Marschallplan“ des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Gerd Müller, gedacht.

Musterstaaten sollen „Lokomotive-Länder“ werden 

Dass mit dessen Entwicklungshilfe tatsächlich ein Land „entwickelt“ wird, hält heute kaum noch jemand für realistisch: Die Zahlungen aus Müllers Budget sollen vielmehr Hungersnöte und andere Katastrophen verhindern – beziehungsweise deren Folgen lindern.

Jakkie Cilliers, Chef des Instituts für Sicherheitsstudien in Pretoria, hält die getrennte Entwicklung für „womöglich problematisch, aber unvermeidbar“. Da der Privatwirtschaft nicht zuzumuten sei, ihr Geld in Hochrisikostaaten zu schaffen, bliebe nur die Hoffnung, dass sich die Musterstaaten in „Lokomotive-Länder“ verwandeln, sich der dort erzeugte Wohlstand also mit der Zeit auch auf die Nachbarländer verteilen wird.

Freilich ist auch denkbar oder sogar wahrscheinlich, dass das innerkontinentale Gefälle zu neuen Migrationsbewegungen und Spannungen führen wird: Dann werden sich die Musterstaaten in einer ähnlichen Rolle wie heute Europa wiederfinden. Zumindest wäre damit das Ziel so mancher europäischen Regierung erreicht: dass sich Afrika mit seinem Migrationsproblem selbst herumschlagen muss und seine nördlichen Nachbarn endlich entlastet werden.

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