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Staus, Diesel-Fahrverbote, zugeparkte Straßen machen es für Zusteller immer schwieriger, überhaupt zum Zielort zu gelangen.

DHL und Hermes

Paketdienste kommen an ihr Limit

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Sie haben massiv Mitarbeiter eingestellt und Verteilzentren ausgebaut. Trotzdem stoßen DHL & Co. an ihre Grenzen - besonders die letzten Meter bis zur Haustür sind problematisch.

Das Versandgeschäft steuert zum Jahresende auf neue Rekorde zu. Das hat nicht nur mit dem Weihnachtsgeschäft zu tun: Schon in den ersten neun Monaten 2018 waren beim Marktführer Deutsche Post DHL 1,047 Milliarden Pakete aufgegeben worden – ein Plus von 8,4 Prozent. Und auch in den kommenden Jahren sieht sich die Branche weiter auf Wachstumskurs. „Wir gehen davon aus, dass der Paketmarkt bis 2020 jährlich weiter um etwa fünf bis sieben Prozent wächst“, teilte die Post mit. Alle Lieferdienste haben massiv Leute eingestellt, neue Verteilzentren eröffnet, mehr Transporter angeschafft und zum Teil neue Software eingeführt.

Dennoch kommen die Paketboten an ihr Limit. Umso wichtiger ist es, dass der erste Zustellversuch klappt. Jede Verzögerung hält den auf Kante genähten Betrieb auf. „Alle Paketdienstleister arbeiten zurzeit daran, die Effizienz zu erhöhen. Das misst sich an einer erhöhten Erstzustellungsquote“, sagt Elena Marcus-Engelhardt vom Bundesverband Paket und Expresslogistik. „Dazu können auch die Kunden ihren Teil beitragen. Der Kunde soll immer mehr zum Regisseur seiner Sendung werden. Er kann die Sendung umleiten, einen anderen Zustelltag angeben, einen Wunschnachbarn oder einen Abstellort. Oder er nutzt eine Paketstation oder Paketbox.“ Aber: Die Deutschen setzen beim Onlinehandel vor allem auf Bequemlichkeit, sagt Marcus-Engelhardt. „87 Prozent wünschen die Zustellung an der Haustür.“ 

Kein Paketservice traut sich, allzu laut über das Ende der Zustellung an der Haustür nachzudenken. Hermes-Chef Olaf Schabirosky lehnt sich vergleichsweise weit aus dem Fenster: „Dem boomenden Onlinehandel droht mittelfristig eine analoge Grenze. Natürlich wird es eine Haustürzustellung auch weiterhin geben. Dennoch müssen wir verstärkt an effizientere alternative Zustellmöglichkeiten denken.“

Laut einer Studie von Pricewaterhouse Coopers gibt immerhin die Hälfte der Deutschen an, sie würden durchschnittlich 2,77 Euro extra für die Haustürzustellung zahlen, wenn Lieferungen standardmäßig nur noch an den Paketshop gingen. 

Tatsächlich haben einige Paketdienste schon angekündigt, zum Januar ihre Preise für Händler anzuheben, was diese an die Verbraucher weiterreichen könnten. DPD geht mit seinen Preisen um 6,5 Prozent hoch und begründet dies mit „drastischen Kostensteigerungen“. GLS erhöht die Preise für Geschäftskunden zum Januar um sieben bis acht Prozent.

Das Ende der Lieferung an die Wohnungstür wäre auch für die Zusteller eine echte Erleichterung. Besonders Neulinge und Aushilfsfahrer tun sich schwer, das Pensum zu schaffen. Sie suchen nicht existierende Hinterhäuser, orientieren sich mühsam an den Klingelschildern und verlieren immer mehr Zeit.

Immer präzisere Software, die auch Öffnungszeiten und Staufallen kennt, soll die Kluft zwischen Routiniers und Neuen verringern. Einige Anbieter haben für ihre Programme auch rumänische oder arabische Sprachversionen eingestellt, weil die verzweifelt gesuchten neuen Mitarbeiter schon ranmüssen, bevor sie ihre Sprachkurse abgeschlossen haben. 

Dennoch wendet sich die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi massiv gegen ein Ende der Haustürzustellung. „Das ist doch der Clou an dieser Dienstleistung“, sagt Verdi-Expertin Sigrun Rauch. Sie befürchtet Verschlechterungen für die Kunden, sollte die Haustürzustellung irgendwann nicht mehr Standard bei den Lieferdiensten sein. „Sie ist ein Bestandteil der flächendeckenden Postversorgung. Und gerade in ländlichen Regionen sind Menschen darauf angewiesen, online bestellte Waren nach Hause geliefert zu bekommen.“ Während in den Innenstädten eine Paketbox vielleicht noch in Laufentfernung aufgestellt wird, könnte es auf dem Land bedeuten,  in den nächsten Ort fahren zu müssen.

Ladezonen sind zugeparkt

Doch der Druck, neue Lösungen für die sogenannte letzte Meile der Zulieferung zu finden, wächst gerade in den großen Städten. Staus, Diesel-Fahrverbote, zugeparkte Straßen machen es für Zusteller immer schwieriger, überhaupt zum Zielort zu gelangen. In den sozialen Medien werden unter #dhlillegal Transporterfahrer an den Pranger gestellt, die Rad- und Fußwege zuparken. 

„Unsere Transporter machen nur sechs Prozent des innerstädtischen Verkehrs aus, aber sie fallen auf, wenn sie in zweiter Reihe stehen, weil sie wiedererkennbar sind“, sagt Marcus-Engelhardt. „Leider bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, weil Ladezonen von Falschnutzern belegt oder schlicht zu wenige Ladezonen vorhanden sind.“ Laut einer Studie der IHK Köln waren 81 Prozent der Ladezonen in Köln und Leverkusen regelmäßig zugeparkt. (mit dpa, FR)

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